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Kunstmaschinen – Maschinenkunst

Technik als Medium der Kunst

Die Kultur- und Kunstgeschichte ist reich an kunstvollen Automatenkonstruktionen. Darunter befinden sich einige, die, von KĂŒnstlern gebaut, selbststĂ€ndig Kunstwerke und Objekte produzieren oder kĂŒnstlerische TĂ€tigkeiten des Menschen imitieren. Das Interesse an der Verbindung von Kunst und Technik wuchs im Zuge jĂŒngster interner Entwicklungen im Fach Kunstgeschichte wie auf seiten der Industrie und bei Kuratoren von Kunstausstellungen. So etablierten sich Wissenschaftsausstellungen in Kunstmuseen wie umgekehrt die Industrie, zur populĂ€ren Aufbereitung von Naturwissenschaft; Kunst und Technik, Science Center grĂŒndete. Eines davon, das Wissenschaftsmuseum Phaeno in Wolfsburg, widmet sich, wie die Schirn in Frankfurt 2007, der PrĂ€sentation der Verbindung von Kunst und Technik. Heißt es bei der Schirn schlicht „Kunstmaschinen – Maschinenkunst“ so im Phaeno noch bis 29.6.2008 „Phantasiemechanik – Maschinen erzĂ€hlen Geschichten.“ Im Fokus stehen bei beiden Ausstellungen Kunstwerke, die zugleich Maschinen sind. Anders als bei der Ausstellung im Phaeno, prĂ€sentiert die Schirn Kunstmaschinen, die auch Kunstwerke produzieren. Zu beiden Ausstellungen erschien ein Katalog.

Mit 75 raffinierten Maschinen und Installationen zeigt das Phaeno ungleich mehr Exponate als die Schirn, der Katalog dokumentiert jedoch als Beiheft nur einen Teil der Ausstellung und legt auf grĂŒndliche Erörterung einer VerhĂ€ltnisbestimmung von Kunst und Naturwissenschaft / Technik weniger Wert als bei der Schirn, in deren Katalog zunĂ€chst eine klare Abgrenzung des vielschichtigen Themas erfolgt. Auch wenn Kunstmaschinen schön sein können, so soll dies ebenso wenig, wie auch kinetische Kunst oder das Interesse der KĂŒnstler fĂŒr technikĂ€sthetische Fragen, zum Gegenstand einer Debatte gemacht werden, so die Kuratoren der Schirn, Katharina Dohm und Heinz Stahlhut. Bereits im Eingangstext spannen sie das Thema weit und gehen auf die lange, seit der Antike vorhandene, „gemeinsame Geschichte von Kunst und Maschine“ ein. In der Renaissance betrat dann mit Leonardo da Vinci ein Universalgenie die Szene, legendĂ€r seine Maschinenkonstruktionen, von denen unlĂ€ngst einige nachgebaut wurden. In einem Zwischenschritt macht das Kuratoren- und Autorenduo bei dem Ingenieur und KĂŒnstler Wolfgang von Kempelen (1734-1804) Station, der einen der berĂŒhmtesten Schachautomaten baute, weil er damit seine Zeitgenossen narrte, verbarg sich in im Innern, der anscheinend intelligenten Maschine, doch ein Mensch. Es steht mit diesem Thema daher auch stets das VerhĂ€ltnis Mensch und Technik zur Debatte und daran hat sich ĂŒber die ZeitlĂ€ufte hinweg viel geĂ€ndert. Anders als die Automaten des 18. Jahrhunderts, so die Kuratoren, die, „in menschlicher Verkleidung Kunstwerke“ schafften, trĂŒgen heutige Apparate „ihre mechanische Natur offen zur Schau“. VerĂ€ndert hat sich auch die Thematisierung der Kunstmaschinen im 20. Jahrhundert. Erschienen sie zunĂ€chst als „utopisches Konstrukt in der Literatur“, wie bei Alfred Jarrys Doktor Faustroll, so intonierten Konstruktivismus, Dadaismus und Futurismus ein neues, auf Sachlichkeit abgestimmtes, Maschinenlied, nahmen sie in ihre Kunst das Maschinelle hauptsĂ€chlich als Motiv auf. Abgelöst wurde diese VerhĂ€ltnisbestimmung von NachkriegskĂŒnstlern, die „strukturelle Merkmale von Maschine und industrieller Produktion in ihr Schaffen“ integrierten. Im zweiten Textbeitrag beschĂ€ftigt sich Justin Hoffmann mit dem VerhĂ€ltnis von Kunst-Maschine-Mensch aus technik- sozial- und kunsthistorischer Perspektive. In seinem Beitrag fasst Hoffmann die großen Linien der Entwicklung gekonnt zusammen, wobei auf dem Weg zur Entwicklung einer Maschinenkunst entscheidend die technischen VerĂ€nderungen im Rahmen der Industrialisierung einwirkten, als das „handwerkliche Können als QualitĂ€tsmerkmal eines Kunstwerks“ in den Hintergrund trat. Eine Reaktion darauf waren ja bekanntlich die GrĂŒndungen der Wiener WerkstĂ€tte, des Bauhaus‘ und des Deutschen Werkbunds in der ersten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts, die Handwerk und Industrie neu zusammenbrachten. Diese Entwicklung ist in dem hier verhandelten Zusammenhang indes nicht weiter von Interesse und so schreitet Hoffmann zĂŒgig auf die Entwicklung in den KĂŒnsten nach 1945 zu. Als Zwischenschritte auf dem Weg zur Computerkunst stellt er Andy Warhols „Factory“ vor, in der Kunst fast schon ‚maschinell‘ produziert wurde. Mit Ausblicken zur Computerkunst, science-fiction und Robotertechnik, die jeweils fĂŒr sich eigene grĂ¶ĂŸere Themenkomplexe wĂ€ren, endet dieser Beitrag. Es gelang dem BeitrĂ€ger kurzweilig und kenntnisreich epochale UmbrĂŒche zu skizzieren, die aktuell in Form automatisierter Kunstproduktion auftreten. KĂŒnstlerisch-produktive Arbeit wird damit an eine Maschine delegiert. BegrĂŒĂŸenswert ist es zudem, dass Hoffmann nicht nur darauf hinweist, dass sich damit Fragen zur Autorschaft grundsĂ€tzlich neu stellen, sondern als ebenso virulent erweist sich die urheberrechtliche Problematik.

Auf spielerische Weise hinterfragt die Ausstellung drei Aspekte. 1) Wie ist es um den Status des Kunstwerks bestellt. Gilt als Kunstwerk die Maschine, der Herstellungsakt oder gar das Endprodukt, das hĂ€ufig als Serie auftritt. 2) In Arbeiten von Tim Lewis (*1961) und Miltos Manetas (*1964) wird die Einzigartigkeit kĂŒnstlerischer Arbeit ironisch gebrochen und die Rolle des KĂŒnstlers thematisiert. Bei Lewis produziert eine Maschine am laufenden Meter die Signatur des KĂŒnstlers Salvador Dali und mit dem von einem Webdesigner entworfenen Programm „Jacksonpollock.org“ lĂ€ĂŸt Manetas Bilder, die Jackson Pollocks Action-Paintings gleichen, in Serie auswerfen. Damit wird das Charakteristikum des Action-Paintings, der gestische Malakt, unterlaufen. Zudem kann das im Internet zugĂ€ngliche Programm von allen ebenfalls zur Herstellung solcher Serien verwendet werden. Nicht nur entscheidet, wie in der Arbeit von Lia, (*o.A.), damit ein Zufallsgenerator ĂŒber das Aussehen des Endprodukts, sondern auch jeder Interessierte kann ebenfalls Bilder, die wiederum denen von Manetas gleichen, produzieren. 3) Damit wird bereits die Rolle des Betrachters angeschnitten, die sich ebenfalls verĂ€ndert. Benötigt der Besucher zur Produktion weiterer Manetas/Pollocks den heimischen PC, so schlĂŒpft er als Betrachter anderer Objekte auch in die Rolle des Mitgestalters von Kunstwerken. Ohne die Mithilfe von Besuchern kĂ€men einige Kunstwerke nicht zustande, die nach der Produktion in der Ausstellung mit nach Hause genommen werden können.

Die Ausstellung vermittelt ein medienspezifisch aufgefĂ€chertes breites Spektrum an Positionen, das um die Klassiker ihres Genres, Rebecca Horn und Jean Tinguely, herum gruppiert wurde. Nicht systematisch sondern in alphabetischer Reihenfolge der KĂŒnstlernamen werden die Arbeiten abgebildet, ausfĂŒhrlich beschrieben und mit einer Bio-Bibliographie versehen, prĂ€sentiert. Zwar werden in den TextbeitrĂ€gen auch technikkritische und technikverneinende Positionen von KĂŒnstlern angefĂŒhrt, so galten dem Karikaturisten Rodolphe Töpffer (1799-1846) KĂŒnstler, die sich mechanischer Maschinen bedienten, als „Maler-Maschinen“, in den Mittelpunkt der Mitmach-Ausstellung stellten die Kuratoren jedoch die Gegenposition. Eine Reihe von Ausstellungen, auch darauf wird in den durchweg gut lesbaren BeitrĂ€gen eingegangen, widmeten sich in der jĂŒngsten Vergangenheit der hier verhandelten Materie. Eine nicht unwesentliche terminologische Abgrenzung, z.B. von Roboter und Automat, indes wĂ€re ebenso sinnvoll gewesen wie ergĂ€nzende Hinweise zu Publikationen und Institutionen, die sich mit diesem Gebiet beschĂ€ftigen. So unterscheidet der Sachbuchautor Daniel Ichbiah, der eines der wichtigsten populĂ€rwissenschaftlichen BĂŒcher zu diesem Thema verfaßte und dass 2005 auf deutsch unter dem Titel „Roboter. Geschichte, Technik, Entwicklung“ erschien, zwischen Automaten und Robotern. WĂ€hrend Automaten keine Signale von außen wahrnehmen, setzen Roboter Informationen von außen um und man findet im Anhang zu diesem beim Verlag Knesebeck erschienenen Buch auch eine ergĂ€nzende Bibliographie. Zwar gibt auch Ichbiah Hinweise auf Museen mit Bezug zu technischen Maschinen, aber Entwicklungen seit 2005 hĂ€tten im Schirn Katalog thematisiert werden können. Die Szene hat sich stark entwickelt und das 2005 gegrĂŒndete Museum Phaeno nimmt diese Tendenzen auf und versammelte in ihrer derzeitigen Ausstellung 14 GrenzgĂ€nger im Bereich Kunst und Technik aus England, Schottland und den USA, die BerĂŒhrungspunkte zur Schirn-Ausstellung aufweisen. So erwĂ€hnen die Kuratoren der Schirn zwar auch Marcel Duchamps berĂŒhmte „Junggesellenmaschine“, nicht jedoch das in Wolfsburg gezeigte Werk „Duchampian Motor“ des international bekannten KĂŒnstler Norman Tuck, (*1945) der auf Duchamp anspielt. Auch aus Wolfsburg kommt der Hinweis auf eine, sich in Großbritannien großer Beliebtheit erfreuende, Sammlung von Automaten aus KĂŒnstlerhand, das „Cabaret Mechanical Theatre“, das 1979 gegrĂŒndet wurde. Wichtig ist diese Sammlung auch historisch, denn sie beherbergt eine große Anzahl mechanischer Apparate aus Holz, von denen erstmals das Phaeno 40 StĂŒck in Deutschland zeigt.

Wenn KĂŒnstler auch Techniker sind, bringen sie neue Bewegung ins RĂ€derwerk eingefahrener Sehweisen. Das gelingt beiden, sich ergĂ€nzenden, Ausstellungen sehr gut und mittlerweile hat sich die Szene mit der Hamburger Design-Galerie „Craft2eu“ auch ein ökonomisches Standbein geschaffen. Auch im Karlsruher Zentrum fĂŒr Kunst- und Medientechnologie war man nicht untĂ€tig. Als Exkursion von 20 KĂŒnstlern zum VerhĂ€ltnis von Mensch-Maschine legte das ZKM 2007 in einer Ausstellung den Akzent auf theoretische Implikationen des Kempelschen Automaten und dessen Wirkung im Kontext unserer Zeit. Auch dazu erschien ein schöner Katalog. Mit und ohne Ausstellungsbesuche, alle Kataloge verfĂŒhren automatisch, in Wolfsburg entwarf man dazu den passenden Slogan „Ich entdecke!“ und wer selbst virtuell Bauer von „Crazy Machines“ werden möchte, fĂŒr den gibt es das interaktive Spiel „Der total verrĂŒckte TĂŒftelspass.“ Erlernt werden spielerisch physikalische Grundkenntnisse, ohne deren Kenntnis auch KĂŒnstler keine Kunstmaschinen bauen könnten und deshalb gab es fĂŒr diese CD-ROM auf der Frankfurter Buchmesse 2006 auch die „Goldene Giga-Maus.“
20.6.2008


Phaeno gGmbH (Hrsg.) (2008) PhantasieMechanik. Maschinen erzÀhlen Geschichten. Kart., 44 S., 49 fb Abb., Wolfsburg, Phaeno Museum. EUR 6,50

Serexhe, Bernhard, Weibel, Peter (Hrsg.) (2007) Wolfgang von Kempelen – Mensch in der Maschine. Brosch., 110 S., Berlin. Matthes & Seitz Verlag. EUR 14,80

Oetinger Media (Hrsg.) (2006) Der total verrĂŒckte TĂŒftelspass – Crazy Machines fĂŒr die ganze Familie. CD-ROM. Oetinger Verlag, Hamburg. EUR 9.95

Ichbiah, Daniel (2005) Roboter, Geschichte, Technik, Entwicklung. Brosch., 539 S., zahlreiche Abb., Knesebeck Verlag, MĂŒnchen EUR 39,95.

Sigrid Gaisreiter
Kunstmaschinen Maschinenkunst. Beitr. v. Dohm, Katharina / Hoffmann, Justin /Stahlhut, Heinz. Hrsg. v. Museum Tinguely/ Schirn Kunsthalle Frankfurt. 184 S., 130 fb. und s/w Abb. 24 x 20 cm. Kehrer, Heidelberg 2007. Br. EUR 30,00
ISBN 978-3-939583-40-0
 
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