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Das Doppelleben des Vermeer

Joannis Reynierszoon Vermeer (1632-1675), genannt Vermeer van Delft, gilt als einer der bekanntesten Maler des 17. Jahrhunderts. Gegenw√§rtig z√§hlt man etwa drei√üig authentische Gem√§lde. 1947 l√∂ste der Maler und Kunstf√§lscher Han van Meegeren (1889-1947) einen Skandal aus. Dieser trug dazu bei, dass damals schon gro√üe, aber wenig popul√§re, Ansehen Vermeers noch zu vergr√∂√üern. Fasziniert von der Geschichte dieser Kunstf√§lschung rekonstruiert der Schriftsteller Luigi Guarnieri, *1962, detailliert diesen fake. Mit Schwung im Tempo und im Gestus eines Kriminalromans rollt Guarnieri van Meegerens Lebens- und Werkgeschichte auf. Van Meegeren wird als ein bei Kritik und Publikum erfolgloser Maler traditionalistischer Genrebilder in der Manier der von ihm bewunderten alten Meister des 17. Jahrhunderts und als zweitklassiger Maler s√ľ√ülicher Postkartenmotive vorgestellt. Ein kleiner Anla√ü gen√ľgte, die von van Meegeren leidenschaftlich geha√üten klassischen Modernen feierten ihre ersten Erfolge, um in ihm das Feuer des Ressentiments zu entfachen. Van Meegeren sinnt f√ľr die angetanen Ablehnungen auf Rache. Dabei m√∂chte er nicht die alten Meister kopieren, sondern originale Motive schaffen, die er als echte Gem√§lde dieser alten Meister anerkannt wissen will. Mit Gl√ľck, er trifft auf den Maler, Restaurator und Kunsth√§ndler Theo van Wijngaarden, verschafft er sich umfangreiche und tiefe Kenntnisse der Kunst des 17. Jahrhunderts und des Kunstmarktes. Insbesondere der Gro√ükritiker und Kunstexperte Abraham Bredius, eine Kapazit√§t f√ľr holl√§ndische Malerei, ist ihm ein Dorn. Vermeer, dessen Leben und Werk Guarnieri in einem Exkurs darstellt, wird von van Meegeren als ideales Opfer auserkoren. So sind die Zuschreibungen einiger Gem√§lde umstritten und Vermeers Lebensumst√§nde liegen teilweise im Dunkeln. Ein weiterer, f√ľr van Meegeren gl√ľcklicher, Umstand kommt hinzu. Bredius und andere Kunstexperten vertraten die These, es gebe bei Vermeer eine Fr√ľhphase, einen "narrativen jungen Vermeer". Es habe sich zwar kein Bild aus dieser Phase erhalten, Vermeer selbst habe aber auf seinen sp√§teren Bildern durch Eigenzitate, ein Bild im Bild, auf diese Fr√ľhphase hingewiesen. G√ľnstige Umst√§nde sind das eine, das andere ist das unbedingte Sinnen auf Rache, beides zusammen ergibt eine brisante Mischung kriminalistischer Energie bei van Meegeren. Er macht sich mit Vermeers Motiven und Techniken vertraut, besorgt sich die n√∂tigen alten Materialien, entwickelt in chemischen Experimenten ein Verfahren, das Bilder im Schnellverfahren altern l√§√üt und ist kreativ im Entwerfen von Herkunftsnachweisen. Geadelt durch Expertisen von Bredius, treten die van Meegeren-Vermeers ihren Siegeszug an, gesammelt von reichen Privatiers und gro√üen niederl√§ndischen Museen. Eine Sensation, die ihresgleichen sucht und van Meegeren, auf dem H√∂hepunkt seines anonymen Ruhms, l√§√üt es sich nicht nehmen, seine F√§lschungen in Ausstellungen zu besuchen. Der Schwindel w√§re munter weiter gegangen, w√§re nicht der Zweite Weltkrieg dazwischen gekommen. Die Alliierten entdecken bei Hermann G√∂ring einen Vermeer, werden mi√ütrauisch und stellen schlie√ülich Nachforschungen an. Einzig dieses Kapitel √ľber G√∂ring und seinen Sammelwahn ist ein wenig zu lang geraten und f√ľhrt ein wenig vom Weg ab. Die √úberpr√ľfung des √úbereignungsvorganges und das Gest√§ndnis van Meegerens decken eine der spektakul√§rsten F√§lschergeschichten der Kunstgeschichte auf. Van Meegeren war auch deshalb so erfolgreich, Guarnieri ist im Investigativen nicht zimperlich auf der Suche nach Mitverantwortlichen, weil Rivalit√§ten auf dem Kunstmarkt und Nachl√§ssigkeit bei der Ausstellung von Provenienzien van Meegerens Tun entscheidend beg√ľnstigten. Van Meegeren wurde ein Volksheld. Der Boulevard verehrte ihn schon allein wegen der ungeheuren Summe von 5,5 Millionen Gulden, die van Meegeren erl√∂ste. Er konnte aber diesen zweifelhaften Ruhm nur kurz genie√üen, denn er starb noch im Jahr der Enth√ľllung des Skandals. Die Ironie der Geschichte wollte es zudem, da√ü die van Meegeren-Vermeers heute neben den von van Meegeren so sehr geha√üten Exponaten der klassischen Moderne h√§ngen. Guarnieri hat eine schwungvolle Kriminal- und Kunstgeschichte geschrieben, dabei nichts erfunden und doch liest es sich wie eine Fiktion. Die Queen of Crime, Patricia Highsmith, erfand mit Tom Ripley in Ripley Under Ground einen erfahrenen H√§ndler von Kunstf√§lschungen. Sie l√§√üt Tom Ripley zu dem in hier Betrogenen vergleichend sagen, die van Meegeren-Vermeers h√§tten die K√§ufer schlie√ülich auch "froh und gl√ľcklich" gemacht. Woher Ripley das wei√ü ist unbekannt, so viel ist aber sicher, bei Highsmith fand van Meegeren Eingang in eine wirkliche Fiktion.

10.3.2005
Sigrid Gaisreiter
Guarnieri, Luigi: Das Doppelleben des Vermeer. 240 S. Kunstmann, M√ľnchen 2005. EUR 18,90
ISBN 3-88897-381-3
 
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