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Portraits

Es sind Bilder kleiner oder junger M├Ądchen, Bilder von Frauen w├Ąhrend der Schwangerschaft. Es sind Fotos und Gem├Ąlde, Gem├Ąlde aus der Zeit um 1900 und Fotos aus der j├╝ngsten Vergangenheit.
Der Herausgeber und Leiter des Bremer Paula-Modersohn-Becker Museums, Rainer Stamm, hat es gewagt, zwei K├╝nstlerinnen mit- und nebeneinander zu Wort kommen zu lassen, die sich nie begegnet sind, und die in v├Âllig verschiedenen Kunstgattungen zu Hause sind, aber die ein gemeinsames Thema vereint: Kindheit und Mutterschaft.
Als Paula-Modersohn-Becker die Portraits der Kinder und M├╝tter anfertigte, waren die K├╝nstler meist m├Ąnnlich und noch gewohnt, Kinder in heiterer Stimmung und voller Lebensgl├╝ck oder als festlich gekleidete Nachkommen ber├╝hmter Pers├Ânlichkeiten zu portraitieren.
Paula Modersohn hingegen suchte die Kinder im Umfeld ihrer damals noch b├Ąuerlichen Heimat Worpswede. Kinder, deren Zukunft ebenso ungewi├č war, wie die ihrer M├╝tter. Sich selbst malte sie schwanger, ohne es zu diesem Zeitpunkt gewesen zu sein. Sie starb w├Ąhrend der Geburt ihres ersten Kindes im Alter von 31 Jahren.
Auch die Kinder und M├Ądchen, die die niederl├Ąndische Fotografin Rineke Dijkstra f├╝r ihre Arbeiten ausgew├Ąhlt hat, sind nicht auf Rosen gebettet und entstammen sehr einfachen Familien. In ihrer Haltung, ihrer Gestik und in der sehr bewu├čt ausgew├Ąhlten Kulisse befinden sich die portraitierten M├Ądchen gleichsam in einer Art Schonraum, der sie vor begehrlichen Blicken sch├╝tzt, auf die sie aber dennoch zu warten scheinen. Beiden K├╝nstlerinnen ist eigen, dass sich in vielen Gesichtern und Gesten der jungen M├Ądchen eine latente Angst findet, ein Ruf nach F├╝rsorge und Halt an der Schwelle zum Erwachsen werden.
Auch die von Rineke Dijkstra grandios eingefangenen Haltungen moderner Teenager, die ausdr├╝cken sollen: ÔÇ×Ich kann das, Ich bin IchÔÇť, verleiten den Betrachter zur Stellungnahme, man f├╝hlt sich aufgefordert, den M├Ądchen etwas von der eigenen Erfahrung mit auf den Weg zu geben.
Ob Paula-Modersohn-Becker oder Rineke Dijstra, ob als Gem├Ąlde oder als Fotografie, und obgleich fast hundert Jahre zwischen diesen dargestellten M├Ądchen und Frauen liegen, bei beiden K├╝nstlerinnen stellen die Portraitierten dem Betrachter die Frage nach ihrer Zukunft, so als l├Ąge es an ihm, diese in die richtigen Bahnen zu leiten. Die meisten M├Ądchen blicken den Betrachter dabei an, andere schauen vorbei oder in die Ferne. Nur ein einziges kleines M├Ądchen, aufgenommen im Berliner Tiergarten, richtet den Blick auf eine Sache. Sie tr├Ągt ihre erhoffte Zukunft in Form einer Schiefertafel (?) in den H├Ąnden, der sie sich l├Ąchelnd zuwendet, w├Ąhrend neben ihr die Freundin in steifer Haltung, mit verschlossenem Mund und gro├čen Augen vor dem Fu├č eines Baumes stehend in die Ferne am Betrachter vorbei schaut.
Zwei Textbeitr├Ąge von Ulf Erdmann Ziegler ├╝ber die M├Ądchenportraits von Paula Modersohn-Becker und Rineke Dijkstra und ein Beitrag ├╝ber ÔÇ×Die Konstruktion des AuthentischenÔÇť von Kathrin Golka f├╝hren kenntnisreich und informativ in das Thema und den jeweiligen Zeitgeist ein.

Ein merkw├╝rdig tiefgr├╝ndig-stilles und darum wundersch├Ânes Buch ├╝ber Kindheit, Jugend, Elternschaft und Zukunft.

12.6.2004
Gabriele Klempert
Rineke Dijkstra. Paula Modersohn-Becker. Portraits. Fotos Dijkstra, Rineke. Maler: Modersohn-Becker, Paula. Beitr. Ziegler, Ulf E /Golke, Kathrin. Hrsg. Stamm, Rainer. 56 S. 19 fb. Abb. 22 cm. Gb B├Âttcherstrasse Verlag, Bremen 2003. EUR 18,-
ISBN 3-9804677-7-5
 
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