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Anatomie als Kunst

Die Kunst der anatomischen Wachsbildnerei z√§hlt zu den aufregendsten Themen sowohl der Geschichte der Medizin als auch der europ√§ischen Kunstgeschichte. Denn das anatomisch detailgenaue Modell aus Wachs - eines K√∂rpers oder seiner Glieder - suggeriert die √úberwindung des Todes und verleiht der Sehnsucht des Menschen nach Unsterblichkeit auf diese Weise nachdr√ľcklich Gestalt. Der "lebensechte" Wachsk√∂rper verwindet den unwiederbringlichen Verlust des realen Lebens mittels Idealisierung der dem Zerfallsprozess der Materie unterworfenen menschlichen Physis. Dass dieses faszinierende und facettenreiche Thema mit der vorliegenden Ver√∂ffentlichung am Beispiel der Sammlung anatomischer und geburtshilflicher Wachsmodelle der medizinisch-chirurgischen Josefs-Akademie zu Wien f√ľr eine breitere √Ėffentlichkeit erschlossen wird, ist ein Gl√ľckfall. Hinzu kommt, dass dies auch noch auf eine Art und Weise geschieht, die dem Begriff des Kunstbuchs zu gro√üer Ehre gereicht.
Interessanterweise liegen nicht nur die Anf√§nge der heutigen Anatomie in Italien. Auch die hohe Kunst der w√§chsernen Anatomie, deren Wurzeln im Leichenritual und Votivbrauch der Antike zu suchen sind, nahm von hier ihren entscheidenden Aufschwung durch die medizinischen Lehranstalten in ganz Europa. Etwa hundert Jahre nachdem der fl√§mische Arzt Andreas Vesalius (1514-1564) im Il Bo genannten Teil der Universit√§t zu Padua durch systematische Sektionen die moderne Anatomie begr√ľndete, verewigte der Syrakusaner M√∂nch Giulio Gaetano Zumbo (1656-1701) in Florenz f√ľr Gro√üherzog Cosimo III. Medici verwesende menschliche K√∂rper in Wachs. Ercole Lelli (1702-1766), Giovanni Manzolini (1700-1755) sowie dessen geniale Gattin Anna Morandi (1716-1774) machten dann im 18. Jahrhundert die Stadt Bologna zum Zentrum der anatomisch-didaktischen Wachsbildnerei. Rund 200 Leichen waren n√∂tig, um in den anatomischen Werkst√§tten in bis zu zehn Monaten Arbeit ein einziges Wachsmodell herzustellen. Eine Kunst, der nicht nur die katholische Kirche anfangs skeptisch gegen√ľberstand und deren Zeugnisse doch gerade aufgrund der ihr zugrunde liegenden Ehrfurcht vor dem Prinzip Leben - man vergegenw√§rtige sich diesbez√ľglich nur einmal die Aufstellung von Lelli's m√§nnlichen und weiblichen K√∂rpermodellen im Naturwissenschaftlichen Museum von Bologna - noch heute ber√ľhrt. Die Wachsk√∂rper wirken wie beseelt. So als ob sie zu dem Betrachter sprechen wollten. Zu Lehrzwecken geschaffen, auf kostbare Seidenstoffe gebettet und in Vitrinen aus furniertem Rosenholz hinter W√§nden aus mundgeblasenem venezianischen Glas ausgestellt, zeigen diese Meisterwerke der Kunstfertigkeit in Wien Schritt f√ľr Schritt den Blick in das Innere der K√∂rperlichkeit des Menschen. Ihre √Ąsthetik ist dem antiken Sch√∂nheitsideal und Michelangelo Buonarrotis Proportionslehre verpflichtet.
Im Jahre 1775 er√∂ffnete in Florenz das Imperiale Reale Museo di Fisica e Storia Naturale, das heute unter dem Namen La Specola weltbekannt ist. Die dortigen K√∂rper aus Wachs beeindruckten nicht nur Johann Wolfgang von Goethe auf seiner Italienischen Reise 1786, sondern ebenfalls den √∂sterreichischen Kaiser Joseph II., der die anatomischen Modelle bei einem Besuch in Florenz 1780 sah. Jedoch im Gegensatz zu dem Dichter, der sich, was wenig bekannt ist, im preu√üischen Berlin vergeblich f√ľr eine derartige Institution anatomischer Wachsmodelle einsetzte, war es dem kaiserlichen Potentaten verg√∂nnt, in Wien eine solche anatomische Lehrsammlung von Modellen nach Florentiner Vorbild zu schaffen. 30.000 Gulden steuerte Josef II. diesem Projekt privat bei. 995 der einstmals 1192 Objekte der medizinisch-chirurgischen Josefs-Akademie, die mehrheitlich in Florenz hergestellt wurden, haben sich bis heute erhalten. Dieser Bestand wird mit der von Manfred Skopec und Helmut Gr√∂ger herausgegebenen Publikation erstmals umfassend in Bild und Text vorgestellt. Die grandiosen oft ganz- oder doppelseitigen Fotografien von Alexander Koller er√∂ffnen dem Betrachter behutsam Zug√§nge zu den Geheimnissen der menschlichen Gestalt - ganz im Sinne von Goethe, der in einem Brief aus seinem Sterbejahr 1832 schrieb, dass die menschliche Anatomie sich leichter vermitteln lasse, wenn sie "schon einmal durch den K√ľnstlersinn durchgegangen" sei. Auch die vier Texte, denen jeweils weiterf√ľhrende Literatur nachgestellt ist und die mit den drei Bildteilen des Werkes korrespondieren, bieten weit mehr als nur Informationen √ľber das Spezifische der Wiener Sammlung, n√§mlich Grunds√§tzliches √ľber die Geschichte der anatomischen Wachsplastik. Ein au√üergew√∂hnliches Buch.
9.3.2003

Matthias Mochner
Skopec, Manfred,Gröger, Helmut /Koller, Alexander: Anatomie als Kunst. Anatomische Wachsmodelle des 18. Jahrhunderts im Josephinum in Wien. 2002. 208 S., 180 fb. Abb. 32 cm. Ln EUR[D] 108,-
ISBN 3-85447-846-1
 
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