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Erich Heckel – Werkverzeichnis der Druckgraphik

Das Verfassen eines kritischen Werkverzeichnisses gehört zu den Königsdisziplinen der kunstwissenschaftlichen Publizistik: Das Gesamtwerk eines Künstlers will überblickt, erwähnte oder ggf. verschollene Werke wollen identifiziert werden, Bezüge der Werke untereinander möchten erkannt und vermerkt sein, und zwischen authentischen und vermeintlichen oder nur zugeschriebenen Werken muss unterschieden werden. Sammler, Kunstwissenschaftler und der Kunstmarkt müssen sich auf ein kritisches Werkverzeichnis verlassen können.
Dies gilt nicht nur für Verzeichnisse der Gemälde, sondern auch für diejenigen grafischer Werke: Druckgrafische Techniken sind zu identifizieren, Varianten und Zustandsdrucke zu katalogisieren und – wo möglich – Auflagenzahlen einzuschätzen und zu dokumentieren.
Für den Bereich der Brücke-Künstler ist dies vor allem durch das neue, zwischen 2013 und 2021 in sieben Bänden erschienene „Kritische Werkverzeichnis der Druckgraphik“ Ernst Ludwig Kirchners von Günther Gercken erfolgt, das das 1967 zuerst erschienene Werkverzeichnis von Annemarie und Wolf-Dieter Dube ablöst.
Ein ähnlicher Quantensprung ist nun auch für das Werk Erich Heckels zu verzeichnen, dessen grafisches Werk zwischen 1964 und 1974 ebenfalls das Ehepaar Dube erstmals dokumentiert hat. Ging es damals zunächst darum, den Korpus der Druckgrafiken des Künstlers zu überblicken und zugänglich zu machen, so ist mit der vollständigen Neubearbeitung des über tausend Motive umfassenden druckgrafischen Oeuvres durch Renate Ebner und Andreas Gabelmann nun ein Referenzwerk entstanden, das alle Wünsche von Kunsthistorikern, Sammlern und des Kunstmarktes erfüllt:
Vor allem der erste Band des dreibändigen, im Auftrag der Erich-Heckel-Stiftung entstandenen, neuen Werkverzeichnisses präsentiert den besonderen, avantgardistischen Charakter der Druckgrafiken Heckels, die den Anspruch der Brücke-Künstler, „unmittelbar und unverfälscht“ zu arbeiten, auf atemberaubende Weise einlösen. Da diese frühen Arbeiten von Sammlern und Museen besonders gesucht werden und vom Markt mit bis zu sechsstelligen Beträgen bezahlt werden, kommt der Dokumentation dieser Blätter besondere Aufmerksamkeit und Akribie zu. Diese werden daher nicht nur großformatig abgebildet und ausführlich beschrieben, sondern der Anspruch reicht soweit, jedes einzelne Exemplar dieser frühen Drucke zu lokalisieren und – wo vorhanden – Unterschiede zu beschreiben. Erstmals wird dadurch die bahnbrechende Kraft der frühen Druckgrafik Heckels vollends sichtbar und greifbar.
Der zweite Band des von nun an unverzichtbaren Handbuchs verzeichnet die Werke der Jahre 1914 bis 1968 mit ähnlicher Akribie, auch wenn sich das Spätwerk Heckels weniger Begeisterung erfreut als die frühen Blätter. Doch hier ist vor allem die Kontextualisierung der Arbeiten ein großer Gewinn: Nicht nur werden Bezüge der grafischen Arbeiten zu Gemälden hergestellt, sondern die Kontexte ihres Erscheinens und ihres Vertriebs, teilweise durch Kunstvereine und Galerien, dokumentiert. Neu ist auch, dass nicht nur die heute noch in öffentlichen Sammlungen lokalisierbaren Exemplare verzeichnet werden, sondern auch diejenigen, die 1937 im Rahmen der nationalsozialistischen Aktion „Entartete Kunst“ aus öffentlichen Museen beschlagnahmt wurden.
Gemeinsam mit dem dritten Band, der einen Bildindex aller Motive, Konkordanzen zu dem vorangegangenen Werkverzeichnis des Ehepaars Dube, Ausstellungsverzeichnisse und zahlreiche weitere Dokumente bietet, hat das neue Werkverzeichnis daher nichts mehr mit einer Neuauflage gemein, sondern bietet einen kritischen Werküberblick, der für alle, die den Aufbruch der Brücke-Künstler in die – hier: druckgrafische – Moderne nachvollziehen wollen, unverzichtbar sein wird.

05.01.2022
Rainer Stamm
Erich Heckel. Werkverzeichnis der Druckgraphik. Ebner, Renate; Gabelmann, Andreas; Geissler, Hans. Hrsg.: Erich-Heckel-Stiftung. Deutsch. 958 S. 1180 fb. Abb. 29,5 x 24,0 cm. Hirmer Verlag, MĂĽnchen 2021. EUR 198,00. CHF 244,00
ISBN 978-3-7774-3793-4
 
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