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JOSEPH BEUYS ÔÇô Kunst, Kapital, Revolution.

F├╝r Beuys war das Leben Kunst und die Kunst verhie├č Leben. "Ich kenne kein weekend" war sein Motto "Man muss lebendig zu Asche verbrennen, nicht erst im Tod." So res├╝mierte gerade Hanno Rauterberg in der ZEIT das Kunstverst├Ąndnis des K├╝nstlers unter dem sch├Ânen Titel "Ein deutscher Heiland." DIE ZEIT 25. M├Ąrz 2021, S. 51). Sehr viel n├╝chterner hat der Schweizer Kunstgeschichtsprofessor Philip Ursprung sein aktuelles Buch ├╝ber Beuys betitelt: "Joseph Beuys. Kunst, Kapital Revolution." Anders als gerade fast alle bekannten Kritiker deutscher Journale macht es sich Ursprung nicht einfach und schl├Ągt Beuys dessen - nicht zu bestreitende - NS-Vergangenheit selbstgerecht um die Ohren. Im Gegensatz zu der seit Jahrzehnten praktizierten Beuysforschung und -verehrung geht es Ursprung um eine biographische und durchaus pers├Ânlich gef├Ąrbte Reise durch den Beuysschen Kosmos. Geschickt verwebt er dabei eine teilweise sehr genaue Analyse von Hauptwerken mit seinem eigenen Anliegen, den enigmatischen Werken von Beuys neue Fragestellungen abzugewinnen. Dabei gelingen dem Autor verbl├╝ffend einfache Einsichten - beispielsweise wie diese: "Beuys redete nicht ├╝ber Kunst, er machte sie." Nicht nur die unz├Ąhligen Beuysfans als auch Menschen, die Beuys heute kennenlernen wollen, werden dieses Buch mit gro├čem Gewinn lesen: im Gegensatz zu fr├╝heren Zeiten in den KunsthistorikerInnen die r├Ątselhaften Werkkomplexe von Beuys in erster Linie mangels historischer Distanz werkimmanent interpretierten und damit den K├╝nstler zu einem ├ťbervater der deutschen Kunst nach 1945 erhoben, geht Ursprung gleichzeitig bewusst sachlich-n├╝chtern und verhehlt dabei nicht die starken pers├Ânlichen Impulse und Inspirationen, die er bei der Begegnung mit Beuys-Werken immer wieder am eigenen Leibe erfahren hat. Ursprung schreibt im Grunde an einer historischen Rezeptionsgeschichte der Beuysforschung - gewisserma├čen einer Beuysforschung 2.0: Er interpretiert an nur wenigen Stellen subjektiv und bewundernd, sondern versucht jeweils die historischen Kontexte mit zu ber├╝cksichtigen. Beuys arbeitete und verarbeitete beispielsweise gerne Anregungen unter-schiedlichster Art: seiner eigenen Lebenserfahrung aber auch Autor-Kollegen wie etwa Steiner, Novalis, Duchamp oder bezog sich bekanntlich fr├╝her als viele andere K├╝nstler seiner Generation auf Fragestellungen der ├ľkologie, die uns heute wie Weissagungen anmuten. Mit seinem Buch gelingt Ursprung vieles und ganz Unterschiedliches gleichzeitig: er zeichnet ein facettenreiches Bild der Evolution seiner Werk- und Lebensgeschichte und bettet sie jeweils sehr offen und zukunftsgewandt in die heutige Gegenwart ein. Bezeichnend f├╝r den offenen, anteilnehmenden Denkstil des Autors ist, dass er vielfach konkrete Fragen an einzelnen Werke stellt, die f├╝r heutige LeserInnen einen aktuellen Horizont erschlie├čen und sie zu Mitdenkenden macht. Beuys, so macht Ursprung deutlich, war eben nicht ein K├╝nstler mit einer verdr├Ąngten braunen Vergangenheit, sondern jemand, der Zeit seines Lebens als Lehrender an Transformationen des gesellschaftlichen Lebens interessiert war und dabei selbst seinen legend├Ąren rheinischen Humor nicht verga├č. In einer hitzigen Live-Podiumsdiskussion des WDR-Fernsehens fragte Beuys 1970 seinen sp├Âttischen Kritiker Arnold Gehlen: "Wollen Sie eine Revolution ohne Lachen machen? Ich m├Âchte gerne auf meine Kosten kommen bei dieser Revolution ..." Auf ihre Kosten werden vor allem und besonders die LeserInnen dieses Bandes kommen. "KunstÔÇť, so zitiert der Autor den K├╝nstler, "ist etwas das muss wie eine Wolke auf den Menschen kommen und ein Bild von letztendlich einer tiefen Frage in den Menschen wachhalten .... Kunst ist insofern ein R├Ątsel ...Irgendwann im Leben muss dieses R├Ątsel gel├Âst werden."(1984). Selten ist uns in den letzten Jahren eine derart pr├Ązise argumentierende, sachkundige und engagierte Darstellung zu Leben und Werk von Joseph Beuys begegnet wie diese, auch sch├Ân gestaltete, Publikation. Solange die Werke von Beuys heute die ÔÇťLust zu fragen wecken, bleiben sie lebendigÔÇŁ. Dieser abschlie├čenden ├äu├čerung des Autors kann man nur in jeder Beziehung zustimmen.

01.04.2021
Michael Kr├Âger
Joseph Beuys. Kunst Kapital Revolution. Ursprung, Philip. Deutsch. 336 S. 100 Abb. 24 x 17 cm. Leinen. C.H. Beck Verlag, M├╝nchen 2021. EUR 29,95.
ISBN 978-3-406-75633-7   [C. H. Beck]
 
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