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Schriften zu Kunst und Film

Mit dem Namen Günther Anders verbindet sich seit langem die bedeutende, schon 1956 erschienene frühe medientheoretische Schrift „Die Antiquiertheit des Menschen“ – eine umfangreiche Untersuchung über die Situation des Menschen in einer technischen Moderne in der die Angst vor einem kommenden Ende überhand genommen hat. In seinen jetzt aus dem Nachlass editierten „Schriften zu Kunst und Film“, der cirka 40 höchst inhaltlich wie stilistisch unterschiedliche Texte aus den zwanziger bis in die späten achtziger Jahre des XX. Jahrhunderts versammelt, kann der heutige Leser auf eine faszinierende Reise durch die Evolution der Anderschen Ideenwelt gehen. Den umfangmässig größten Teil nehmen seine Schriften zur bildenden Kunst (S. 103 – 356) ein: unter den sehr unterschiedlichen Zugängen zur Kunst und zu einzelnen Kunstwerken finden sich immer wieder auch wahre Perlen, die zeigen, wie sehr Günter Anders sehr früh problem- und methodenorientiert arbeitete: in seinem Louvretagebuch (1927/28) findet sich beispielsweise der kurze Hinweis, dass ein wichtiger Teil der Kunstgeschichte, die „Geschichte der Reproduktionen“ noch ungeschrieben sei. Knapp 10 Jahre später erschien dann Benjamin legendärer Kunstaufsatz, der Anders Idee dann detaillierter beschrieb. Anders, der sich später noch als erklärter Gegner der zeitgenössischen ungegenständlichen Kunst outen sollte, erwies sich 1959 in seinem Text zur Documenta 1959 als Kunstsoziologe und bescheinigte deren Machern eine unkritische Orientierung allein an der Masse und weniger an Fragen der Qualität und zeitbezogener Wirksamkeit. Anders beobachtete in Kassel einen "bestürzender Konformismus", eine "ermüdende Monotonie" und eine "undokumentarische Einseitigkeit". In der Anwendung "moderner Kommunikationsmittel" sah Anders voraus, was heute längst in Museen als Mitmachangebot für Groß und Klein präsent ist: "jede Großstadt, die heute auf sich hält, beherbergt ihr Dutzend "Informelle" (S. 346). Anders war ein Autor, der sich - als ein 1950 aus den USA zurückgekehrter jüdischer Wissenschaftler in der Zeit des Kalten Krieges in Europa - angewöhnt hatte, kein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Ebenso hochaktuell lesen sich aus museumspädagogischer Sicht wohl auch Anders Beobachtungen zur Situation des Publikums während eines Museumsbesuchs. Was heute jeder Museumsbesucher mit seinem Handy in der Hand praktiziert, ahnte Anders in Ansätzen voraus: wie die Einzelnen ihr jeweiliges Sehen vor Bilder realisieren sei, so Anders, abhängig auch von der beobachteten „Bildnervosität“, die man als Rezipient erfahren könne – oder eben auch nicht. Auch in seinen Texten zum Film kommt der Leser als Entdecker auf seine Kosten: Bei „Plafi, der plastische Film“ und „Der Star der Polizei“ (beide von 1932) handelt es sich um Science-Fiction-Kurzgeschichten, die in satirischer Form von Unfällen im Umgang mit filmtechnischen Innovationen berichten. Speziell sein längerer Text "Der 3 D-Film" aus dem Jahr 1954 (S. 88ff) liest sich wie eine sehr frühe medienwissenschaftliche Abhandlung, die auch noch 50, 60 Jahre später so hätte geschrieben werden können: in diesem Text findet sich eine Bemerkung, die sehr typisch für Anders großes Talent war, aus unbestimmten Details auf zukünftige Entwicklungen gewissermaßen sprachlich hochzurechnen: "Jedes Kunstwerk ist durch die ihm eigentümlichen Auslassungen definiert, es ist Kunstwerk, sofern es nicht ein Gesamtkunstwerk ist. Und deshalb ist Kunst - Künste." Günther Anders´ essayistisch-pointenreicher Denk- und Schreibstil gerade heute erst noch zu entdecken. Es scheint fast so, als hätte Anders die intellektuelle Gabe besessen wie mit einem Fernrohr in die Aufgaben und Probleme der Bildwissenschaften der nächsten Jahrzehnten zu schauen: "Statt, wie die frageunfähigen Kunsthistoriker eine Geschichte der Bilder zu etablieren, sollte man einmal daran gehen, eine Geschichte der sich wandelnden Funktion des Bildmachens ....zu schreiben." (S. 338) Alle jungen und junggebliebenen BildforscherInnen sind angesichts solcher Einsichten ebenso erstaunt wie herausgefordert - dieses extrem spannende Buch, dem ein 50seitiges instruktives Nachwort der HerausgeberIn beigegeben ist, wird noch eine lange Nachwirkung haben.

05.02.2021
Michael Kröger
Schriften zu Kunst und Film. Anders, Guenther. Hrsg.: Ellensohn, Reinhard; Putz, Kerstin.
487 S., 20 x 12 cm. Gb. C.H. Beck Verlag, München 2020. EUR 44,00
ISBN 978-3-406-74771-7   [C. H. Beck]
 
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