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Angeli Janhsen – Was tun?

„Proposition: Make a salad“.
Angeli Janhsens inspirierende Arbeit zu kĂĽnstlerischen Handlungsanweisungen

Es gibt einzelne wissenschaftliche Bücher auf die die Kunstwelt sofort nach ihrem Erscheinen mit großem Zuspruch reagiert hat. Oskar Bätschmanns „Ausstellungskünstler“, Wolfgang Ullrichs “Siegerkünstler“ oder Wolfgang Kemps „Der explizite Betrachter“ waren und sind solche ebenso mustergültigen wie auch subtilen Untersuchungen, die sehr schnell Maßstäbe gesetzt haben und deren Autoren bereits zu Lebzeiten Kunstgeschichte schrieben. Möglicherweise ähnlich verhält es sich mit dem Band „Was tun. Künstler machen Vorschläge“ der Freiburger Professorin für Kunstgeschichte Angeli Janhsen. In ihrem umfangreichen 280 seitigen Material- und vor allem überaus ideenreichen Band untersucht sie erstmals die Geschichte „der neuen künstlerischen Handlungsanweisungen“, indem sie ca. 40 der inzwischen bekanntesten Imperative bzw. imperativisch-partizipativ angelegten Werke von Künstlerinnen und Künstlern zunächst in einem einleitenden Teil sehr kurz und knapp umreißt und anschließend in weiteren Kapitel in die bisherige Geschichte der Kunstmoderne integriert bzw. das jeweils historische Neuartige dieses künstlerischen Formats herausstellt. Verblüffend können die LeserInnen hier im ziemlich ungewohnten, ja coolen Modus einer kunstwissenschaftlichen „Livebeschreibung und –befragung“ erfahren, wie „Handlungsanweisungen“ nicht nur ästhetisch funktionieren, sondern vor allem wie sie uns als aktive Partner, Nutzer, Fragende und Handelnde herausfordern, belustigen, verblüffen oder sonst wie inspirieren. Die Autorin betont dabei, dass Anweisungen, die früher nur unerreichbare Utopien der Moderne kritisierten: sie entsprechen „heutigen Ansprüchen an aktive, tätige verantwortungsvolle Zeitgenossen, die handeln … weil sie Aktivität per se schätzen“ (S. 147).
Selten ist ein kunstwissenschaftliches Fachbuch auf eine ebenso elegante, mehrschichtige und dabei teilweise lakonisch, „einfach“ geschriebene Weise vor den Augen der Leser, Betrachter und Hörer entstanden wie diese Untersuchung, die vermutlich für lange Zeit den Referenzband zum Thema „künstlerische Handlungsanweisungen seit den 1950er Jahren“ bilden wird. Dieses Medium ermöglicht nach Ansicht der Autorin „tatsächliche Anwesenheit, Gegenwart, Tun“ ihrer Nutzer. Kann man Anweisungen und implizite Handlungsaufforderungen so unterschiedlicher KünstlerInnen wie beispielsweise Marina Abramovic, Erwin Wurm, La Monte Young und Joseph Beuys miteinander vergleichen? In diesem Band erfahren LeserInnen, was heute alles kontextuell darstellbar und wie dieses vor allem vergleichend möglich wird, lässt man sich auf die Ideen und Paradoxien, die Aufforderungen zum Handeln und Nicht-Handeln ein – vielfach auch ohne genau zu wissen was geschieht, wenn man sich auf die Imperative dieser „Anweisungen“ einlässt. Selten hat dabei der Rezensent die Nähe und Erkenntnislust eines/r Autors/in zu ihren Objekten so nachhaltig erfahren können wie in dieser Untersuchung, die seine Leser nicht einfach nur als Rezipienten anspricht, sondern in jede Beziehung als höchst lebendige Akteure aktiviert und diese so als Publikum ernst nimmt. Die hier vorgestellten kenntnisreich rekonstruierten „Handlungsanweisungen“ erweisen sich so zu Recht als reale „Katalysatoren“ einer neuen Form von bewusst gemachter, fokussierter Kunstaktivität. Dass die Autorin dabei nicht politisch streitbare Positionen partizipativ arbeitender Künstler (etwa Christian Falsnaes, Zentrum für politische Schönheit oder andere) sowie die neuen technisch bedingten Aktivitätsmöglichkeiten durch Social Media beiseitelässt, ist dieser Autorin nicht unbedingt als Manko anzukreiden, sondern macht nur deutlich wie Kunst und ihre (traditionellen) Werke sich künftig in Formate von erweiterten Begegnungen mit komplexen temporalen Handlungsreflexionen transformieren lassen.

25.03.2019
Michael Kröger
Angeli Janhsen – Was tun? Künstler machen Vorschläge. Janhsen, Angeli. 272 S. Abb. 17 x 22 cm. Modo Verlag, Freiburg 2018. EUR 34,00.
ISBN 978-3-86833-233-9   [modo]
 
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