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Geschichten im Konflikt. Das Haus der Kunst und der ideologische Gebrauch von Kunst

Bilderbuch des LĂ€cherlichen und des Neuanfangs

Mit der Eröffnung des „Hauses der deutschen Kunst“ in MĂŒnchen im Jahr 1937 ließ die nationalsozialistische Kunstpolitik ihr Flaggschiff zu Wasser. Die alljĂ€hrlich bis 1944 ausgerichteten „Großen deutschen Kunstausstellungen“ waren als Leistungsschauen der bildenden NS-Kunst gedacht. Ihre heute online zugĂ€nglichen Kataloge und Dokumentationen der ausgestellten Werke (www.gdk-research.de) sind eine ergiebige Quelle fĂŒr das kuriose KunstverstĂ€ndnis des NS-Regimes, das so vielen andersdenkenden KĂŒnstlern zum Schicksal wurde. Im Krieg blieb das GebĂ€ude völlig intakt und wurde von der US-amerikanischen Besatzungsmacht zuerst als Casino und spĂ€ter als Kulturinstitution im Sinne der „Amerika-HĂ€user“ genutzt. Seit den ersten Nachkriegsjahren zeigt die neugeborene Institution „Haus der Kunst“ vor allem die Kunst, gegen die die Nazis einst agiert hatten. Sie bietet heute einen international angesehenen Ausstellungsort, der sich auch schon seit langem seiner Geschichte stellt.
Zum 80. Jahrestag der Eröffnung sollte Bilanz ĂŒber den heutigen Kenntnisstand zur Geschichte dieser janusköpfigen Institution gezogen werden. Schon die Nazis hatten auf internationale Wirkung gesetzt und dem Modell des nahezu gleichzeitig eröffneten Hauses im deutschen Pavillon der Pariser Weltausstellung 1937 einen prominenten Auftritt gegeben. Sabine Brantl, die das Archiv des Hauses fĂŒhrt, bietet eine gute Zusammenfassung der Entstehungsgeschichte des Hauses und seiner Nutzung durch die Machthaber. Zusammen mit dem Ausstellungskurator des Hauses, Ulrich Wilmes, resĂŒmiert sie in einem weiteren Beitrag auch die BemĂŒhungen der letzten Jahrzehnte, sich mit der Geschichte des Hauses in Ausstellungen und Interventionen zeitgenössischer KĂŒnstler auseinanderzusetzen.
Das Buch vermittelt die Stimmung der NS-Zeit und den Flair des Neubeginns der Nachkriegsjahre in Bilderstrecken, die zwischen die AufsĂ€tze eingeschoben wurden. Das reichhaltige Archiv des Hauses bietet von Briefen und Listen ĂŒber Postkarten bis hin zu Fotodokumenten der Ausstellungen und ihrer Besucher reichhaltiges Material hierfĂŒr. Geschichte erschließt sich auf diese Weise auch visuell und intuitiv. Erfreulich ist es dabei, dass eben nicht nur die GrĂŒndungszeit des Hauses, sondern auch die Umnutzung durch die US-amerikanische Armee wie der Neubeginn als internationales Ausstellungshaus vorgestellt werden. Damit kommt der Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte mit in den Fokus. Den Freund der Nachkriegskunst hĂ€tte nur interessiert, wer die phantastischen Ausstellungsplakate gestaltet hat.
Das Buch entstand aus einer Vortragsreihe, so dass die BeitrĂ€ge von sehr unterschiedlicher Informationsdichte sind. WĂ€hrend man historisch auf den aktuellen Stand gebracht wird, ist das von dem amerikanischen Kunsthistoriker Benjamin H.D. Buchloh nicht anders zu erwartende Geschwurbel ĂŒber die Ausstellung „Entartete Kunst“ im Vergleich mit der „Exposition internationale du surrĂ©alisme“ wenig erhellend. Der Beitrag von Harald Bodenschatz zum NS-StĂ€dtebau dient dem Autor vor allem zum Selbstzitat, was zur Funktion des „Hauses der deutschen Kunst“ ebenfalls nichts beitrĂ€gt. Selbst Walter Grasskamp erschöpft sich im Selbstzitat, wenn er wieder einmal ĂŒber die erste documenta in Kassel reflektiert, anstatt, dass die frĂŒhe Ausstellungsgeschichte des Hauses einmal ernsthaft analysiert wĂŒrde.
Das Buch ist also zum Gutteil eine verpasste Chance. Aber dank seiner schönen Gestaltung und der erzĂ€hlenden Bildstrecken macht es doch Freude, darin zu blĂ€ttern. Man muss es also mit einem lachenden und einem weinenden Auge zur Hand nehmen, so wie man heute an dem verkehrsumtosten „Denkmal der Schande“ mit einem lachenden und einem weinenden Auge vorbeigeht und sich doch ĂŒber dessen gelungene Resozialisierung in einem demokratischen Kunstbetrieb freuen kann.

02.02.2018
Andreas Strobl
Geschichten im Konflikt. Das Haus der Kunst und der ideologische Gebrauch von Kunst, 1937 - 1955. Beitr.: Brantl, Sabine; Bodenschatz, Harald; Buchloh, Benjamin H. D.; Dercon, Chris; Enwezor, Okwui; Grasskamp, Walter; Wigley, Mark; Wilmes, Ulrich. 320 S. 24 x 17 cm. Gb. Sieveking Verlag, MĂŒnchen 2017. EUR 34,90.
ISBN 978-3-944874-64-7
 
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