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Die Liebe zur Malerei

Wie kann man heute angemessen den eigentümlich spekulativen Wert und besonders den erweiterten Status von Malerei darstellen und dabei, wenn auch eher metaphorisch, eine „Liebe zur Malerei“ zum Ausdruck bringen? Isabel Graw zählt zur Mitbegründerin der Zeitschrift TEXTE ZUR KUNST, die sich seit den neunziger Jahren einer dekonstruktivistischen Kritik der Kunstwelt im Spätkapitalismus verschrieben hat. Sie forscht seit Jahren zur Funktion von zeitgenössischer Malerei in diversen Kunst- und Bildkontexten. Der Autorin geht es in ihrem Buch – einer Sammlung von Aufsätzen aus den letzten Jahren – vor allem um die konzeptuell-theoretischen Dimension von Malerei, die sie mit Michel Foucault als „Formation“ von historisch veränderbaren Gebilden begreift, wobei Malerei auf unterschiedlichen (Meta-)ebenen gleichzeitig verhandelt wird.
Graw analysiert wie die Kunstwelt seit dem XX. Jahrhundert MALEREI inzwischen in ein exklusives paradigmatisches Problem verwandelte. Speziell interessiert sie sich dabei für die eine offensichtliche Sonderstellung von Malerei zwischen den Polen Werk und Ware realisiert: Malerei, so Graws These, repräsentiert nicht nur (seit Leon Battista Albertis Della Pittura, 1435) in eine intellektuell hoch angesehene Geistesarbeit sondern etablierte sich seitdem paradoxerweise als eine doppelwertige, hochgradig imaginierbare Illusion und zugleich wie eine unproduktive Arbeit. Als Malerei lebt diese vergleichsweise alte Gattung der Kunst seit Jahrhunderten als erfolgreicher Ideentransformator und dabei, inzwischen variantenreich vervielfacht ,äußerst lebendig weiter: ob als kostbares Unikat malerischer Arbeit, als zeitgenössischer Fetisch einer auf maximaler Verwertung bedachten Gesellschaft , als historisches Moment eines Problems (z.B.: Wie und in welchem Namen und in welchen Narrativen schreibt ein/e Autor/in eine gegenwärtige Geschichte einer Kritik von Malerei), als Metapher einer suggestiven Lebendigkeit und nichts zuletzt als eine Art einer abwesend-anwesenden Seele der KünstlerIn, die sich mit ihrem Produkt in die Zeitläufte einschreibt.
Seit der Renaissance spielen Singularität, eine hohe intellektuelle Anschlussfähigkeit und Wertschöpfung sowie der paradoxe Status von Malerei, materielles Werk und eine besondere wertförmige Ware zu sein, eine Rolle, die dieser Kunstgattung bis in die jüngste Gegenwart eine exklusive Bedeutung verleiht. Malen bedeutet für KünstlerInnen sich in ein paradoxes Verhältnis zur Welt und zum eigenen Leben in Relation zu setzen: gemalte Bilder leben, so Graw, zwischen „Lebenssuggestion und toter Materie“, sie bringen Spuren von Anwesenheit und Empfindungen von Leere und Abwesenheit in einer Weise zum Ausdruck, die ihre Betrachter immer wieder neu zu lebendigen Spekulationen veranläßt. Inzwischen kann Malerei längst auch eine Spielart von Conceptual Art, Performance, oder Institutionskritik sein, wie Graw in speziellen Analysen zu Martin Kippenberger, Frank Stella, Sigmar Polke u.a. sowie ausführliche Interviews (z.B. mit Merlin Carpenter und Charline von Heyl) detailliert nachweist. Gemälde, so eine zentrale These Isabel Graws, sind heute ein ideales Medium, das einerseits die Exklusivitätsillusionen der Luxusindustrie westlicher Gesellschaften ideal bedient und andererseits diese immer wieder erfolgreich negiert und deren Wertversprechen unterläuft. Malerei, so Graw, offenbart einen zeitgenössischen Fetisch des Exklusiven einer sonderbaren Art und eben nicht nur den idealen Fetischcharakter einer ökonomisch verwertbaren Kunstware. War und ist das Malen von Malerei immer wieder ein metamediales Ereignis aktueller Kunst/geschichte, so ist dieses besondere Machen vielleicht mit der menschlichen Suche nach einer Seele im menschlichen Bewußtsein vergleichbar. Im Vergleich zu Maschinen, die inzwischen auch eine gewisse menschliche Lebendigkeit vortäuschen und dem Menschen signalisieren, dass Maschinen bestimmte Erfahrungen des Menschen nicht realisieren können, ist die Existenz von Malerei als Medium ein Beweis dafür, wie diese einzigartige, suggestive Formen von kunstbezogener Lebendigkeit hervorbringen kann: Menschen leben als und mit Empathie begabte Wesen, Malerei entsteht, indem sie empathisch betrachtet wird, mittels und durch beziehungsreiche Oberflächen, in denen Optionen von Distanzierungen mit Triggern von subtilen Illusionen, Rekursionen mit Unterscheidungen verschränkt sind. Malereien erzählen von vergangenen und gegenwärtigen den Allmachtsfantasien ihrer Urheber (Maler und Betrachtern) ebenso wie sie auch dazu reizen, ihre eigentümlichen diskontinuierlichen gesellschaftlichen Sonderstatus selbst, immer wieder spezifisch aktualisiert, zu reflektieren. „Die Malerei der Gesellschaft“ hätte dieses Buch in Anlehnung an Niklas Luhmann auch heißen können, um vielleicht noch intensiver die Paradoxien von Malerei zu betonen, die ja eben Malerei nicht kommuniziert, sondern ausdrücklich und explizit malt.
Graws „Liebe zur Malerei. Genealogie einer Sonderstellung“ bildet eine kunstwissenschaftlich und gesellschaftstheoretisch anspruchsvolle, kenntnisreich und problemhistorisch hellwach argumentierende Annäherung an „Malerei unter postmedialen Bedingungen“. Dabei scheint die kritische Distanz der Autorin zum kapitalistischen Kunstbetrieb ebenso auf wie deren theoretische Spekulationen um die Sonderstellung, die ein konzeptuelles Malen des Malens als eine kritische nicht-funktionale Darstellungstechnik bis heute hin verkörpert. Auch wenn Graws Texte spürbar vom Willen zur theoretischen Durchdringung ihres Gegenstands bestimmt sind, lässt sie der Spekulationskraft ihrer Leser doch immer auch noch einen gewissen Spielraum. Malerei handelt, so Graw, wie ihre Schwester, die Liebe, eben auch davon wie man sich einer lebendigen Gegenwart bzw. sozialen Institution auf sehr eigenwillige Weise annähern kann, ohne restlos in dieser aufzugehen. Als BetrachterInnen lernen wir mit dieser Publikation: Malerei ist nicht nur eine Frage der Form, sondern immer auch Anlass, uns selbst (und auch der Passion der Autorin zu) einer gegenwärtigen Form künstlerischer Arbeit mit allen Sinnen zu nähern. Dabei entstehen notwendig kleinere, unproduktive Restbestände von flirrender Unbestimmtheit, einer Art von ferner Empathie, sich den heute gemalten Oberflächen so distanzreich und kunstlebendig wie möglich zu nähern.

05.01.2018
Michael Kröger
Die Liebe zur Malerei. Genealogie einer Sonderstellung. Graw, Isabelle. 400 S. zahlr. Abb. 21 x 14 cm. Diaphanes Verlag, Zürich 2017. EUR 25,00. CHF 30,00
ISBN 978-3-0358-0046-3
 
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