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revonnaH – Kunst der Avantgarde

Das Ananym „Revonnah“ – von hinten nach vorn gelesen, enttarnt sich die niedersächsische Landeshauptstadt – gibt einer Ausstellung des Sprengel-Museums über die „Kunst der Avantgarde in Hannover 1912 – 1933“ (noch bis 7. Januar 2018) ihren Titel. Nun erwartet der Leser des gleichnamigen Katalogs über die 1910er bis 1920er Jahr in Hannover die üblichen Themen: Kurt Schwitters, El Lissitzky, das „kabinett der abstrakten“, die Kestner-Gesellschaft usw. usf., doch das von Karin Orchard herausgegebene Katalogbuch, in dem 25 höchste vielseitige Aufsätze versammelt sind, ist weit mehr als das!
Noch vor dem Inhaltsverzeichnis sind auf einer Hannover-Karte (um 1925) die Standorte der wichtigsten Kulturakteure markiert. Auf diese anschauliche Weise gelingt buchstäblich eine erste Verortung der zentralen Protagonisten des Katalogs: Künstler (Schwitters, Gleichmann), Institutionen (u.a. Kestner-Museum, Kestner-Gesellschaft, Provinzial-Museum), Auftraggeber aus der Wirtschaft (Pelikan, Bahlsen), Galeristen (Garvens) und Kunstfreunde (Steinitz, Herzfeld). Die Einleitung von Orchard, die Hinweise auf die im Band versammelten, weiterführenden Texte enthält, gibt einen knappen Überblick über die wichtigsten Aspekte und Ereignisse in der (Kultur-)Stadt Hannover. Durch dieses ‚Verlinken‘, das für die einzelnen Beiträge beibehalten wurde, und durch das umfangreiche Namensregister im Anhang werden die vernetzten Strukturen im Hannover dieser Jahre deutlich.

Natürlich wird den ‚klassischen‘ Themen, die auf neuestem Wissensstand präsentiert werden, Platz eingeräumt, doch auch bislang vernachlässigte Fragestellungen („Verkannt: Hannovers Werbekunst“ von Eva Gläser und Sally Schöne, ab S. 51) oder neue Aspekte kommen zum Tragen: Isabel Schulz skizziert beispielsweise die Vielseitigkeit der „Gastgeberin, Künstlerin, Dame und Bohèmienne“ Käte Steinitz (ab S. 163f.). Eine große Bereicherung sind auch die Beiträge von Peter Struck, dessen Texte über Christof Spengemann (ab S. 227), einen im Schatten seines Freundes Schwitters vernachlässigten Zeitgenossen, oder über den Avantgarde-Film in Hannover (ab S. 247) enthalten viele neue Erkenntnisse. Der Beitrag von Stefan Gronert über die „Künstlerische Fotografie der Zwanzigerjahre in Hannover“ (ab S. 295) – eher ein Gedankenanstoß als abgeschlossene Forschung – ist von seinem Umfang her, wie die meisten anderen Texte des Katalogs, eher eine Miszelle, doch regt er zu weiterer Nachfrage und Recherche an. Dies ist sowohl eine Qualität des Katalogs, als auch ihr Nachteil – wenn man denn einen suchen möchte: Zwar werden die wichtigsten Themen und neue Ansätze auf prägnante Weise präsentiert, so dass das Buch einen Nachschlagewerkcharakter entwickelt, jedoch erlaubt die Kürze der Beiträge keine besonders detaillierte Betrachtung (vgl. z.B. den Beitrag zu den Gästebüchern). Viele Autoren geben nützliche Verweise auf Originalquellen und weiterführende Literatur – eine Doppelseite mit den maßgeblichen Veröffentlichungen über die Epoche findet sich im letzten Katalogabschnitt. Interessanter Weise gibt es jedoch kaum einen Aufsatz, der ohne Referenz auf „Kunst und Politik. Hannovers Auseinandersetzungen mit der Moderne in der Weimarer Republik“ von Ines Katenhusen auskommt. Es wird deutlich, dass das umfangreiche, vor rund 20 Jahren veröffentlichte Pionierwerk noch immer Gültigkeit besitzt und man ist fast verwundert, dass Katenhusen, die seitdem verschiedenes zur Hannoveraner Kunst- und Kulturgeschichte der Weimarer Republik publiziert hat und wohl derzeit an einer Alexander Dorner-Biographie arbeitet, nicht zu den Katalogbeiträgerinnen gehört.

Einige Aspekte dürfen – da sie nicht selbstverständlich sind – als besonders gelungen hervorgehoben werden: Das Redaktionsteam hat eine sehr gute, auf die Aufsätze bezogene Abbildungsauswahl erreicht, wobei ein ausgewogenes Mischungsverhältnis zwischen Text- und Bildanteil, der in ansprechender Qualität gedruckten Abbildungen, die Lesefreude erhöht. Es bleibt offen, welche Objekte ausgestellt wurden und welche ‚nur‘ Vergleichsabbildung sind, da es keine Katalognummern gibt, doch die sehr guten, konsequenten Provenienzhinweise verdeutlichen die Bezüge zum jeweiligen Textbeitrag sowie zu den Sammlern und Institutionen der Zwanziger Jahre und stellen einen großen Gewinn dar. Dank des Formats bleibt der Katalog – trotz der nicht geringen Seitenzahl – handlich und gut nutzbar.

In wortakrobatischer Manier dachte der Allrounder Kurt Schwitters den „Re-von-nah“-Gedanken ins Gegenteil: „Vorwärts nach weit“ – Hannover als treibender Hotspot der Kultur der späten Kaiserzeit und Weimarer Republik. Für diese Epoche kann der vorliegende Katalog für sich beanspruchen ein neues Standardwerk zu sein.

18.12.2017
Gloria Köpnick
revonnaH. Kunst der Avantgarde in Hannover 1912 – 1933. Kat. Sprengel Museum Hannover. Hrsg.: Orchard, Karin; Spieler, Reinhard; Andratschke, Thomas; Hemken, Kai-Uwe; Orchard, Karin; Röske, Thomas; Schulz, Isabel; Spieler, Reinhard; Struck, Peter; Végh, Christina. 336 S. 312 fb. Abb. 26 x 22 cm. Gb. Snoeck Verlag, Köln 2017. EUR 48,00.
ISBN 978-3-86442-225-6
 
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