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Kuss. Von Rodin bis Bob Dylan

Mit der Entdeckung des Individuums im 18. Jahrhundert verbergen sich in der französischen Literatur intime, sexuelle Aktivitäten nicht mehr länger hinter Symbolen und Allegorien und erscheinen nun im Buch gerne situationsspezifisch graphisch illustriert. Wiederum in Frankreich, so zeigen es Ausstellung und Katalog im Zeitbogen zwischen 1880 und heute, folgt einhundert Jahre später die Bildende Kunst mit Rodins jetzt jedoch öffentlich präsentierter Skulptur "Le Baiser" (1886; Bucheinband). Das Private, Intime, ist nun unübersehbar öffentlich und damit politisch geworden, wird zur diskutierten Provokation, Kontroverse, zum Skandal. Mit der Filmszene zweier sich küssender Männer (Denkmal für die "im Nationalsozialismus" verfolgten Homosexuellen, Berlin, seit 2008) erweist sich dieses Spannungsfeld als zeitunabhängige, polarisierende Hintergrundkonstante. Womit, sozio-kulturell verstanden, hier ein Aspekt unserer täglich erlebbaren Privatisierung des öffentlichen Raumes kunst-historisch verortet wird.

Um 1900 finden wir uns dann in einer Zeit in der, von Virchow bis Freud, das Individuum seziert wird. Detail und Augenblick rücken ins Zentrum des individuellen Interesses, wobei Fotografie und später der Film helfen. Höchste Zeit also und Hochzeit für den Kuß, der nun von der Kunst in neue Medien und Werbemittel wandert. Für, wer hätte das gedacht, Odol-Mundwasser (Postkarte, um 1895), in den Film (1898, "The Kiss", USA), den Ornamentkult des Jugendstils (Peter Behrens, "Der Kuß", 1898) und auf so viele der gelegentlich noch naturalistisch schlingernden Filmplakate der Zwanziger Jahre. Dabei scheint keine der ausgestellten und abgebildeten Kußvarianten zwischen Annäherung, Liebeskuß, Versagung, Obsession und den fin-de-siecle-Todesküssen eines Franz von Stuck ausgelassen. Doch kündigt sich 1927 mit einem Geburtstagsgeschenk für Walter Gropius, einer Collage roter Mitarbeiterlippen, nicht Neues an, Vorspiel zur Konzeptkunst der Sechziger Jahre ? Mit der, wir lernen es hier, der Kuß materialisiert wird, zum Lippensofa, Lippenabdruck auf vielfältigen Materialien, zur Dekoration auf Petit Fours (von Windheim, 2010). Um schließlich in Mehtap Baydus lippenförmig-eßbarem Gebäck (2017) aufzugehen. Als Kuß-Mund Körperteil eines Anderen das man sich, zumindest symbolisch, einverleiben kann. Mit Assozationen zu Beuys` atavistischen Kunst-Werken stellt sich hier das Gefühl ein, am Endpunkt dieser Ausstellung an einem der Beginnpunkte von Kunst angekommen zu sein.

Was weiter auffiel: In dem informativen Katalog ein zu ausführliches Kapitel über Narziß und sein Spiegelbild, ein ausgebliebenes Personenregister und ambivalente Zuschauerreaktionen auf gefilmte Tier-Mensch-Küsse. Und schließlich der glückliche Einfall zu einer kleinen, feinen Ausstellung, durch die wir uns auch ganz ohne den angebotenen Audioguide führen lassen können. Von unseren Erfahrungen und Gefühlen.

05.09.2017
Wolfgang Schmidt, Berlin-Friedenau
Kuss. Hrsg.: Grosskopf, Anna; Hoffmann, Tobias; Beitr.: Häuser, Simon; Müller, Nils Martin; Panchaud, Sabine; Reifferscheidt, Fabian. Katalog zur Ausstellung im Bröhan Museum, Berlin 2017. 232 S. 170 meist fb. Abb. 20 x 14 cm., Gb. Wienand Verlag, Köln 2017. EUR 19,80 CHF 25,30
ISBN 978-3-86832-375-7
 
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