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Das geht ins Auge – Geschichten der Karikatur

Eine Geschichte der Karikatur in Einzelbildern – etwas gleichzeitig Lehrreicheres und Amüsanteres kann man sich kaum vorstellen. Andreas Platthaus schreibt diese Geschichte in 51 Kapiteln. Er beginnt bei den frühesten überlieferten Zeugnissen, bei denen man sich sicher sein kann, dass sie verspottend gemeint sind, antiken Ritzzeichnungen und schreibt die Geschichte dann über die berühmten römischen Skizzen des Barockgenies Bernini bis hin in die Gegenwart. Die Hälfte der Texte und des Buches sind dabei der Zeit nach 1945 gewidmet, was die Passion des Autors, Redakteur der FAZ, als einer der herausragenden Förderer der zeitgenössischen Karikatur untermauert.
Platthaus „erklärt“ nicht nur die einzelnen Bilder, sondern seine Texte sind jeweils eigenständige, kleine Essays. In den „Geschichten aus der Geschichte“ eröffnet das Buch dabei immer wieder andere Aspekte, seien es ausführlichere Portraits der einzelnen Künstler, ihrer Zeit oder zur Geschichte der Publizistik und Zensur. Denn lange Zeit musste sich Karikatur gegen politische Wiederstände durchsetzen und es bedurfte der Finesse der Künstler, kritische Bilder überhaupt publizieren zu können. Ganz nebenbei lernt der Leser die Entstehung berühmter Zeitschriften wie der französischen „La Caricature“ und „Le Charivari“ in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts oder der Gründung, 1896, und dem Untergang, 1933–44, des Münchner „Simplicissimus“ kennen. Das ganze Dilemma politischer Karikatur in einer brutalen Diktatur stellt Platthaus am Beispiel von Erich Oser dar, der heute unter seinem Pseudonym e.o.plauen als Erfinder der Vater-und-Sohn-Geschichten in Erinnerung ist und der doch während des Zweiten Weltkriegs üble Propaganda für den Nationalsozialismus betrieb, um dem Fronteinsatz zu entkommen. Und im Essay zu Barbara Henniger wird gleich ein ganzer Abriss der Geschichte der Karikatur in der DDR gegeben.
Die Karikatur nach 1945 wird anhand ihrer Meister – und Meisterinnen – genussvoll aufgeblättert, Sempé, Tomi Ungerer, Luis Murschetz, F. K. Waechter, Marie Marcks und Claire Bretécher, um nur einige zu nennen. So manche „Bildbesprechung“ wird zum sehr persönlichen und anrührenden Portrait, etwa das von Ronald Searle und seiner Frau Monica. Die großen Konflikte der jüngsten Karikaturgeschichte fehlen natürlich nicht. Platthaus geht auf Kurt Westergaards Mohammed-Karikatur von 2005 ebenso ein wie auf das Attentat auf die Mitarbeiter der Pariser Zeitschrift „Charlie Hebdo“. Die Diskussion, was Karikatur darf und was nicht wurde in den letzten Jahren mit blutigem Ernst ausgetragen. Ist es falsch, wenn einem dies als ein Rückfall hinter die Zensur der Aufklärungszeit erscheint?
Nicht alle Protagonisten in Platthaus‘ Sammlung sind mit ihren eindringlichsten Werken vertreten – von Thomas Theodor Heine etwa wählte er ein ausgesprochen dröges Beispiel aus – und die tagespolitische Karikatur, die ganze Geschichtsbücher in einem Bild zusammenfassen kann – und das aus der ungeschützten Perspektive der Zeitgeschichte heraus! – kommt leider zu kurz weg. Flüchtigkeitsfehler, dass etwa Daumier seine 5.000 Karikaturen in fünf Jahren geschaffen habe oder dass aus einer Büste mit der versteckten Darstellung von Wilhelm II. eine Bismarck-Büste wird, sind leider auch in einem Buch der sonst so sorgfältigen Anderen Bibliothek stehen geblieben. Das mag aber Genörgel eines Karikaturfans sein und trübt in keiner Weise das Verlangen nach mehr: mehr Karikaturen, mehr Geschichten aus der Geschichte der Karikatur, mehr Spaß an intelligenter „Unterhaltung“ in einem Genre der Zeichenkunst, das heute nicht mehr als niedere Kunst beiseitegeschoben werden kann.

19.05.2014
Andreas Strobl
Geschichten der Karikatur. Die Andere Bibliothek (381). Platthaus, Andreas. Das geht ins Auge. Die Andere Bibliothek, Berlin 2016. 480 S. EUR 42,00.
ISBN 978-3-8477-0381-5
 
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