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Vor aller Augen – Studien zu Kunst, Bild und Politik

Den Tipp für dieses wunderbare Buch erhielt ich aufgrund eines Interviews mit Michael Diers im Deutschland Radio. Auch in dieser höchst interessanten Unterhaltungssendung zitierte Diers Walter Benjamin sinngemäß: »Geschichte zerfällt in Bilder, nicht in Geschichten« Wenn Walter Benjamin mit seiner These Recht habe, stehe die Bildforschung vor einer wahrhaft großen Herausforderung. Es gilt, das Universum der Bilder erst einmal zu sichten um es dann auf einen gebührenden Begriff in „Kunst, Bild und Politik“ zu bringen.

Michael Diers tut dies auf höchst unterhaltsame Weise, indem er in exemplarischen Analysen jeweils einen bedeutungsvoll sprechenden Gegenstand – Kunstwerk oder allgemeines Bild – in den Mittelpunkt rückt und sowohl als ästhetisches als auch zugleich als historisches Zeugnis ins Auge fasst. Diers entwickelt hier kein historisches Kontinuum, sondern analysiert charakteristische und repräsentative Einzelfälle, die jeweils für ihre Epoche stehen.

Sein Blick reicht dabei vom Ende des 15. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Das beginnt mit einer scheinbar nur hin gekritzelten Zeichnung von Alberto Giacometti auf einer Zeitungsseite, die sich als höchst interessante politische Botschaft erweist. Oder der Untersuchung des berühmten Porträts eines Alten mit seinem Enkel, auf der die Positionierung einer Warze auf diesem geliebten Kunstwerk Aufschluss darüber gibt, wen Dominico Ghirlandaio hier als gütigen Großvater abgebildet hat.

Öffentliche Bilder liefern, für den Laien häufig unbemerkt, Beiträge der politischen Bestimmung und Deutung der Bilder. Das klassische Gemälde ist ebenso vertreten wie das Graffito, die Collage oder der Film, auch Tanz und Theater.
Ob es die rote Farbe der Kostüme im Tanztheater von Pina Bausch ist, oder das Wunder der Kreuzreliquie auf dem Campo San Lio, oder die spannende Geschichte eines Fotos vom grausamen Tag des 9/11. Oder man nehme Joseph Beuys und seinen Satz „jeder Griff muss sitzen“, den der unhöfliche Lümmel einfach auf die Resopalplatte seines Tisches während eines Kolloquiums des Hannoverschen Kunstvereins kritzelte.
Laut Vasari komme es darauf an, Vergangenes als Gegenwart zu erfahren und die Gegenwart als künftige Historie anzusehen. Und das geschieht „vor aller Augen“ und war stets auch von den Künstlern als öffentliches Bekenntnis beabsichtigt.

Jedes Kapitel in diesem Buch „öffnet die Augen“ und ist reines Seh- und Lesevergnügen. Man muss nur lernen, es zu sehen! Das geht mit Diers wunderbar.

19.05.2017
Gabriele Klempert
Vor aller Augen. Studien zu Kunst, Bild und Politik. Diers, Michael. 396 S. 228 z. T. fb. Abb. 23 x 16 cm. Engl. Br. Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2016. EUR 39,90. CHF 48,70
ISBN 978-3-7705-6059-2
 
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