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Da Vinci bei den Simpsons – Wie aus Kunst Kult wird.

Eines der beliebtesten Simpsons-Devotionalien ist das „Homer da Vinci“-T-Shirt. Lieferbar in vielen Farben, zeigt es Homer als „vitruvianischen Menschen“, als „homo vitruvianus“ – in der Form jener berĂŒhmten Zeichnung von Leonardo da Vinci, mit welcher dieser der alten Proportionsregel Vitruvs eine neue Form gab.

Vitruv. Leonardo. Homer Vinci Simpson. Als T-Shirt und Kaffetasse. Darum geht es in dem Buch „Da Vinci bei den Simpsons“, welches darĂŒber berichtet, welche Bilder aus der Kunstgeschichte zu Ikonen der Popkultur werden konnten. Botticellis florentinische „Geburt der Venus“ oder Munchs „Schrei“ – auch sie sind Beispiele einer erstaunlichen Kommerzialisierung kunsthistorischer Werke.
Bei Warhols Monroe ist der Weg zum Kultbild vorgeprĂ€gt, denn der KĂŒnstler legt die eigene Ikonisierung des Werk bewusst an. Anders dagegen der Fall bei dem gewaltigen aktuellen Interesse an Vermeers „MĂ€dchen mit dem PerlenohrgehĂ€nge“, das sich sehr deutlich auf die Verarbeitung des Themas durch die Hollywoodverfilmung mit Scarlett Johansson und Colin Firth zurĂŒckfĂŒhren lĂ€sst.

Kunstwerke werden zitiert, parodiert, kopiert – es wird ein Kult um sie gemacht, den dieses Buch an vielen Beispielen untersucht. Ein besonderer Leckerbissen ist auch das Vorwort von Maurizio Cattelan, der selbst wie wenige andere KĂŒnstler Kultbilder in das eigene Schaffen integriert und die Mechanismen der „Verkultung“ auf satirische Art hinterfragt. Cattelan fĂŒhrt die Hauptthesen des Buchs schon in seinem Vorwort aus: Beinahe jede Kunst taugt zu Werbezwecken und Merchandising – je grĂ¶ĂŸer die Kunst ist, umso besser.

Walter Benjamins These, dass ein Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit die Aura verlieren wĂŒrde, kann heute negiert werden. Im Gegenteil: Es ist gerade jene Aura auch der modernen Kunst, ihre beinahe magische Anziehungskraft, welche die Schlangen vor den Museen – den heutigen Tempeln und HeiligtĂŒmern – immer lĂ€nger werden lĂ€sst. Die hier vorgestellten 30 Meisterwerke haben verschiedene Phasen der Kultwerdung durchlaufen. Ob Klimts „Kuss“, Dalis „BestĂ€ndigkeit der Erinnerung“ oder Andy Warhols „Gold Marilyn Monroe“ – sie alle sind uns allgegenwĂ€rtig

„Schon immer haben die MĂ€chtigen Bilder produziert und Bilder kontrolliert, um die Massen zu lenken. FrĂŒher waren das die Könige und PĂ€pste, heute sind es die Werbeagenturen“, schreibt Cattelan in seinem Vorwort. Der Aneignung der „Massengesellschaft“ kann sich die Kunst nicht entziehen, schreibt er weiter. „Jedes der in diesem Band vorgestellten Bilder hatte seinen großen Moment, in dem es zur Ikone wurde, und schließlich wurde aus der Ikone der Mythos. Mythen sollen die Kultur und die Lebensweise einer Gesellschaft erklĂ€ren, und ich wĂŒsste nicht, was unsere Zeit besser wiederspiegeln wĂŒrde als das Motiv der sich berĂŒhrenden Fingerspitzen aus Michelangelos ‚Erschaffung des Menschen‘, das jedes Mal erscheint, wenn man das Handy einer bestimmten Marke einschaltet.“

Francesca Bonazzoli macht die Unterscheidung, welche Kunst zum Kult-Klassiker taugt, in ihrem Buchbeitrag an vier Fragen fest, die zu stellen seien: „Was wird von ihnen erzĂ€hlt, wer redet ĂŒber sie, wie tut er es und wo ist es zu sehen?“ Dem Geheimnis der Kunst nachzuspĂŒren gelingt diesem Buch an vielen Stellen. Themen wie der christliche Reliquienkult, die Götterbilder der Griechen, all das ist Stoff fĂŒr diesen Band – wie etwa auch die SchlĂŒsselszene aus dem Film „Titanic“, in der Kunsthistoriker ein sehr besonderes Kunstwerk wiederentdecken werden. Und auch alle, die dieses Buch gelesen haben!

13.04.2014
Marc Peschke
Da Vinci bei den Simpsons - Wie aus Kunst Kult wird. Bonazzoli, Francesca; Robecchi, Michele. Vorwort von Cattelan, Maurizio. 144 S. 172 fb. Abb. 24 x 20 cm. Gb. Prestel Verlag, MĂŒnchen 2013. EUR 24,95. CHF 35,50
ISBN 978-3-7913-4876-6
 
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