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Helden Afrikas – Ein neuer Blick auf die Kunst

Vom Kiesel zur HerrscherbĂŒste
Afrikanische Helden-Bildnisse, ein Katalog.

Noch bis Anfang Juni 2012 zeigt das Museum Rietberg in ZĂŒrich afrikanische Helden. Genauer gesagt, eine Ausstellung zur Afrikanischen Kunst, zu legendĂ€ren FĂŒhrern und Ikonen. Begleitend zur sehr gelungenen wie gelobten Schau des Metropolitan Museums of Art erschien vorliegender Katalog, der nun auch auf Deutsch zu erwerben ist. „Helden Afrikas“ fĂŒhrt in die acht relevanten Kunstregionen Zentral- und Westafrikas: Akan, das IFE-Königreich, das Königreich Benin, Grasland, Kuba, Hemba, Luluwa und Chokwe. Die ausschließlich skulpturalen Werke aus gebranntem Ton oder Gelbguss und die Schnitzereien aus Elfenbein oder Holz werden nach ihren Herkunftsregionen geordnet vorgestellt.
Bemerkenswert ist der einfĂŒhrende Essay „GrĂ¶ĂŸe bewahren“ der Herausgeberin und Kuratorin fĂŒr die Kunst Afrikas, Ozeaniens und Amerikas am Metropolitan Museum of Art, New York, Alisa LaGamma, in welchem die Geschichte afrikanischer Kunst im Zusammenhang mit europĂ€ischer Bildtradition betrachtet wird. Ein zweieinhalb Millionen Jahre alte Jaspis-Kiesel mit menschlichem Antlitz aus der Limpopo-Gegend in SĂŒdafrika und die seit 12 000 Jahren nachgewiesene Malerei Afrikas sind Zeugnisse einer ungebrochenen Tradition. Vor 3000 Jahren trafen eingewanderte Bantu -Völker am Kongo-Fluss mit den Wildbeutern zusammen, die einst die einzigen Bewohner des sĂŒdlichen Afrikas waren und auf ihren Felsmalereien Tiere, Figuren und geometrische Motive darstellten. Die Bantu-Völker brachten das Eisenhandwerk und ihre Verbindungen zum Fernhandel mit, sie fĂŒhrten eine bildhauerische Sprache ein und entwickelten diese „nicht zuletzt mit Abbildern von Notablen weiter: Die körperliche PrĂ€senz der Figuren diente der Erinnerung an herausragende Mitglieder der Gesellschaft.“ Wie in der griechischen und römischen Plastik idealisierten auch afrikanische KĂŒnstler ihre Modelle, welche nur im Kontext identifizierbar waren. Die Yoruba stellten bereits im 12. Jahrhundert in der Stadt Ife im sĂŒdlichen Nigeria Bildnisse aus fein gearbeitetem gebranntem Ton her. Diesen Terrakotten ist ein umfassendes Kapitel des Kataloges gewidmet, das die historischen und religiösen ZusammenhĂ€nge ausfĂŒhrlich analysiert. Die außerordentliche QualitĂ€t dieser rituell verwendeten Köpfe animierte noch 1910 einen deutschen Ethnologen zu dem abenteuerlichen Urteil, er habe an der westafrikanischen KĂŒste die Reste einer griechischen Kolonie aus dem 13. Jahrhundert v. Chr. vorgefunden! Sieben Terrakotta-Köpfe brachte jener Leo Frobenius mit sich zurĂŒck nach Berlin, wo sie sich bis heute im Ethnologischen Museum befinden.
Außer den FĂŒhrerfiguren von Benin, wo ĂŒber ein halbes Jahrtausend hinweg höfische PortrĂ€ts geschaffen wurden, untersucht der reich bebilderte Band den spezifisch historischen Entstehungskontext der Bildwerke aus weiteren Regionen. Die Ă€sthetischen Konventionen und Rituale sind unterschiedlich, „dennoch schwingen gewisse Imperative in allen Kulturen mit, darunter die Vorstellung, das Abbild sei eine physische FortfĂŒhrung des portrĂ€tierten Menschen.“ Die Werke waren eng mit der abgebildeten Person verbunden, dienten als ihre Stellvertreter und wurden auf GedenkaltĂ€ren aufgestellt oder in Schatzkammern gelagert. Belegen auch kaum schriftliche Dokumente die IdentitĂ€t der lĂ€ngst vergessenen Persönlichkeiten, ihre Überlieferung und PrĂ€senz beweist die Stellung dieser Menschen in ihrer untergegangenen Kultur und ermöglicht uns die WertschĂ€tzung jener begabten, zeitlosen KĂŒnstler.
Fazit: hervorragend! exzellent recherchiert, gut lesbar, ĂŒppig illustriert.

21.05.02012
Anne Hahn - Berlin
Alisa LaGamma, Helden Afrikas, Ein neuer Blick auf die Kunst. Hrsg. , Museum Rietberg ZĂŒrich, 304 S., 284 meist fb. Abb. 29 x 22 cm, Gb. Verlag Scheidegger & Spiess AG, ZĂŒrich, 2012, EUR 54,00 CHF 59,00
ISBN 978-3-85881-348-0   [Scheidegger & Spiess]
 
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