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Das stille √Ėrtchen

Das stille √Ėrtchen steht im Rampenlicht. In Schloss Artstetten in √Ėsterreich erfreut sich die Ausstellung ‚ÄěJedermanns Thron - Wohin selbst der Kaiser zu Fu√ü ging!‚Äú nach Auskunft der Veranstalter so gro√üer Publikumserfolge, dass sie ins Jahr 2011 verl√§ngert wurde. Das Hofmobiliendepot in Wien folgt im September mit einer Ausstellung zu ‚ÄěIntime Zeugen. Vom Waschtisch zum Badezimmer‚Äú. Die Staatlichen Schl√∂ssern und G√§rten Baden-W√ľrttemberg haben aktuell ihre Sammlung historischer Leibst√ľhle des 18. und 19. Jahrhunderts, die im Generaldepot in Karlsruhe und in den Schl√∂ssern Ludwigsburg, Schwetzingen verwahrt wird, aufgearbeitet und pr√§sentieren selbige nun in Ausstellung und Katalog.

Restauratoren und Konservatoren kommen damit einem Publikumsbed√ľrfnis nach. Da das historische Lernen nicht selten √ľber Identifikation mit den historischen Pers√∂nlichkeiten geschieht, vergehen Schlossf√ľhrungen meist nicht ohne Fragen nach den allt√§glichen und hygienischen Gewohnheiten der Bewohner. Die Antworten bleiben oft unbefriedigend, Anekd√∂tchen, denn neben einer Menge √ľberregionaler, kulturhistorischen Studien zum Reinlichkeitsverhalten fr√ľherer Zeiten liegt fundierte (kunst-)historische Forschung, gerade f√ľr die vielen kleinen deutschen H√∂fe, nicht vor.

Der Ausstellungskatalog ‚ÄěDas stillen √Ėrtchen. Tabu und Reinlichkeit bei Hofe‚Äú hilft hier in Teilen ab. Mit ihm in der Hand l√§sst sich der Dschungel popul√§rwissenschaftlicher Studien effektiv umgehen, da ein Gro√üteil der f√ľnfzehn Aufs√§tze dem Leser die momentane Kenntnislage zum barocken Reinlichkeitsverhalten vorstellt. Dar√ľber hinaus werden - leider zu wenige - regionale Einsichten zu den hygienischen Zust√§nden am pf√§lzischen und w√ľrttembergischen Hof geboten, die in ihrer begrenzten Perspektive die Breite des Spektrums an Reinlichkeitsverhalten dokumentieren. Einige klassische kunsthistorische Aufs√§tze erl√§utern die Entwicklung des Hygienem√∂bels in Bezug auf handwerkliche Traditionen und Reinlichkeitsgewohnheiten.

Dass sich das Thema Reinlichkeit wie ein Duft vom stillen √Ėrtchen durch den Katalog zieht folgt einer eigenen Logik. Die Oberschichtenhygiene des Barocks basierte auf einem komplexen K√∂rperverst√§ndnis, das vor allem auf die Reinigung des K√∂rperinneren zielte. Der Leibstuhl war also wichtiger Reinigungsort. Trotz der hygienischen Bedeutung des Stuhlgangs versteckte man das dazugeh√∂rige M√∂bel jedoch ‚Äď so lehrt es der Katalogteil - unter √úberw√ľrfen oder in Scheinkommoden. Daf√ľr wurde umso mehr die √§u√üerliche Reinlichkeit in Form des Toilettentischs und teurer Toilettenservice inszeniert: Beides Objekte, die im Katalogteil und Aufs√§tzen umfassend behandelt werden, auch als Teil des barocken Bildprogramms. Die Gr√ľnde, die √§u√üere Reinlichkeit zu pr√§sentieren liegen auf der Hand. Die K√∂rperoberfl√§che wurde mit teuren Substanzen gereinigt, die im Luxuswert den Toilettenservice kaum nachstanden, um das Eindringen sch√§dlicher Fl√ľssigkeiten ‚Äď zu denen man auch das Wasser z√§hlte - in den K√∂rper verhinderte.

Die Aufsätze des Katalogs und die Objektliste sind dabei nicht völlig synchronisiert. Vielmehr muss man die Texte als Einleitung zu einem neuen Körper- und Hygieneverständnis lesen, das sich dann in den gezeigten Möbeln und Ausstattungsgegenständen, die weitgehend aus dem ausgehenden 18. und 19 Jahrhundert stammen, real manifestiert. Diese Möbel sind bereits unserer wasserhaltigen Reinigungsform verpflichtet und einem neuen Körperverständnis, das den Körper nicht mehr als einen von Krankheiten bedrohten Teil des Menschen, sondern als Leistungsträger betrachtet, dessen Gesundheit es durch Reinigen und Pflegen zu erhalten galt.

Marcel Duchamp, der ein Pissoir ausstellte, um dem Betrachter seine Position im Ausstellungsraum vorzuf√ľhren, liefert einen kunstimmanenten Mehrwert. Beim vorliegenden Katalog ist es ein historischer Mehrwert, der die Aufarbeitung der Leibst√ľhle legitimiert. Denn unabh√§ngig von der inhaltlichen Aufarbeitung muss man bedenken, dass der Schritt in die Tabuzone stilles √Ėrtchen bereits eine Wertsch√§tzung umschlie√üt. Nur Objekte, die dem Publikum zug√§nglich sind, stehen im Vordergrund der restauratorischen Arbeit und werden damit erhalten.

08. 09.2011
Vera Herzog
Das stille √Ėrtchen - Tabu und Reinlichkeit bey Hofe. Eine Ausstellung der Staatlichen Schl√∂sser und G√§rten Baden-W√ľrttemberg. Hrsg.: Staatlichen Schl√∂ssern und G√§rten Baden-W√ľrttemberg. 220 S. 170 fb. und sw. Abb. 30 x 21 cm. Pb. Deutscher Kunstverlag, M√ľnchen 2011. EUR 19,80. CHF 29,90
ISBN 978-3-422-02285-0
 
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