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Das Deckenbild von St. Michael in Hildesheim

Im Land ├Âstlich der Weser gibt es kaum eine zweite Stadt von der k├╝nstlerischen Bedeutung des in karolingischer Zeit begr├╝ndeten Hildesheim. Mit dem Wiederaufbau nach dem Kriege ist dort das Bild einer vielt├╝rmigen mittelalterlichen Bischofsstadt wiedererstanden. Ihre H├Âhepunkte sind der burg├Ąhnliche Dombezirk und die -urspr├╝nglich vor den Toren gelegene - Abtei St. Michaelis. Sie ist Zeuge der kirchlichen und k├╝nstlerischen Gr├╝nderpers├Ânlichkeit des Bischofs Bernward (993-1022), einen gelehrten Mannes mit engen Beziehungen zum ottonischen Kaiserhause.
Der hier angezeigte Band ist einem fast einzigartigen Kunstwerk gewidmet, das zweihundert Jahre nach Bernward geschaffen wurde: ein das Kirchenschiff von St. Michaelis deckender bemalter Plafond mit Darstellung der "Wurzel Jesse" , dem Stammbaum des aus dem Hause Davids hergeleiteten Christus. An mittelalterlichen Deckenmalereien auf Holz kennt man nur die kleinteiligen Malereien in Zillis (Graub├╝nden), sieht man ab von bescheidenen Fragmenten aus sp├Ątantiker Zeit.
Der vorliegende Band ist ein unver├Ąnderter, um einen Nachtrag bereicherter Nachdruck aus dem Jahre 1966. Es war der erste gro├č angelegte Versuch, die Hildesheimer Deckenmalerei in historischem, theologisch-ikonographischem und kultischem Zusammenhang zu untersuchen. Der Verf. ging dabei aus von dem "Leitmotiv" jener ber├╝hmten Kreuzreliquie, die Kaiser Otto III. seinem Lehrer Bernward geschenkt hatte und die vermutlich noch heute im sog. Bernwardskreuz des Hildesheimer Domes vorliegt. In den urspr├╝nglichen k├╝nstlerischen Kontext f├╝r St. Michaelis geh├Âren - darin folgen auch wir dem Verfasser - die ber├╝hmten Bronzet├╝ren im Dom ebenso wie die monumentale Kreuzs├Ąule, jetzt ebendort aufgestellt.
Die Texte des Buches befassen sich ausf├╝hrlich mit der Geschichte der bernwardinischen Gr├╝ndung bis ins 12. Jahrhundert. Neben einer bisher so nicht vorliegenden bildlichen Dokumentation folgen bedeutende Kapitel ├╝ber die Motive "Kreuz-Lebensbaum-Wurzel Jesse" als Hauptthema der Decke. Zu den hier ber├╝hrten bildlichen wie kompositionellen Traditionen geh├Âren nicht zuletzt Parallelen in Glasmalereien des 13. Jhs. Man wird leicht verstehen, dass ein solches Werk aus verg├Ąnglichem Material die Jahrhunderte nicht unver├Ąndert ├╝berdauern konnte. Gl├╝cklicherweise war die Decke vor der Zerst├Ârung Hildesheims abgenommen worden. Nachfolgende Restaurierungen machten das eingehende Studium der Bilder m├Âglich, - leider ist dieser Bericht nicht mit vorgelegt worden. Unter den Fehlstellen ist vor allem die abschlie├čende Partie um die "Majestas Christi" hervorzuhen, im heutigen Zustand eine Erg├Ąnzung des 19. Jhs.
Die ausf├╝hrlichsten Textbeitr├Ąge des Buches diskutieren die Szenenfolge der Decke mit allen begleitenden Elementen: vom S├╝ndenfall der Stammeltern ├╝ber die K├Ânige des Alten Testamentes mit den Vorfahren Christi, Propheten, Evangelisten und Tugend-Personifikationen, eingebettet in reiches Pflanzenwerk, insgesamt ein zahlensymbolisch geordneter Spiegel des christlichen Bilderkosmos. Beim Studium der einzelnen Bildfaktoren sind alle M├Âglichkeiten zu Vergleichen anhand begleitender Abbildungen genutzt, vor allem aus dem Umkreis der nieders├Ąchsischen Buchmalerei des 12. und 13. Jhs. Dabei geht es vor allem um eine genauere Kl├Ąrung der vieldiskutierten stilgeschichtlichen und zeitlichen Stellung der Deckenmalerei. Dem Leser wird besonders das Problem byzantinischer Einfl├╝sse auf die nieders├Ąchsische Malerei der Zeit vor Augen gef├╝hrt, das sich mit dem sog. Musterbuch von Wolfenb├╝ttel konkretisieren l├Ą├čt. Der in diesem Zusammenhang oft begegnende Begriff des "Zackenstils", seiner Entstehung und Entwicklung, ist hervorzuheben. Entgegen der ├╝blichen Ableitung des Stils der Deckenmalerei von dem des um 1230 datierten Musterbuches tritt der Verf. f├╝r eine fr├╝here Entstehung der Decke ein. Er st├╝tzt sich dabei auf recht erhebliche Korrekturen der stilistischen Befunde, die sich aus der Restaurierung bis 1960 ergeben. Der Vergleich mit den Gravierungen am Kelch von Iber gilt als ein weiteres Argument f├╝r die Fr├╝hdatierung, zumal auch P. Skubiszewski den Kelch kurz nach 1200 datiert hat. Andererseits ist in kritischen Stellungnahmen zum Buch von J. Sommer am Einflu├č einer sp├Ątkomnenisch-byzantinischen Stilwelle festgehalten worden (R. Haussherr). Nun sollte dazu betont werden, dass der Verf. ├╝ber die Stilanalyse und ihre Folgerungen hinaus die mit St. Michaelis verbundenen kultgeschichtlichen Zusammenh├Ąnge entscheidend zur zeitlichen Bestimmung der Deckenmalerei herangezogen hat. Es ist wohlbezeugt, dass um die Mitte des 12. Jhs gr├Â├čere Arbeiten am Bauwerk und seiner Ausstattung erforderlich geworden waren, die mit einer Neuweihe 1186 vorl├Ąufig abgeschlossen wurden. Als weiterer, sehr wichtiger Faktor sollte die Bem├╝hung des Abtes Theoderich II. um die Heiligsprechung Bischof Bernwards erw├Ąhnt werden, 1192 von Erfolg gekr├Ânt. Es erscheint plausibel, die Arbeiten der folgenden Jahre an St. Michaelis mit diesem f├╝r die Abtei h├Âchst wichtigen Ereignis in Verbindung zu bringen - so die Erweiterung der Krypta mit der Grablege Bernwards, die Ausstattung mit den bekannten Chorschrankenreliefs und vermutete W├Âlbearbeiten im Westchor. Allzu oft freilich ist dabei von angenommenen, aber unbewiesenen Vorg├Ąngen die Rede. Entsprechendes begegnet auch in dem recht streitbaren "Schlu├čkapitel", das der Neuausgabe angef├╝gt ist. Zwar sind dort auch die neueren bibliographischen Hinweise nachgetragen, doch es fehlt nach wie vor ein Register, das bei der Vielzahl ber├╝hrter Probleme und Kunstwerke wohl angebracht gewesen w├Ąre. In diesem Nachtrag wird vor allem die Entstehung der Deckenmalerei vor dem Wolfenb├╝ttler Musterbuch nochmals bekr├Ąftigt, entgegen der erw├Ąhnten communis opinio, die - von A. Haseloff bis zu R. Kroos - ├╝ber subtile Vergleichungen die Datierung der Deckenmalerei in St. Michaelis "um 1230-40" vindiziert. Man sollte jedoch, bei allem Respekt f├╝r die Feinheiten kunsthistorischer stilistischer Untersuchungen, die von J. Sommer hervorgehobenen, mit der Kanonisation Bernwards unter Abt Theoderich in Zusammenhang gebrachten kultischen Voraussetzungen f├╝r Ausbau und Ausstattung der Abteikirche nicht gering einsch├Ątzen. Integrative Erw├Ągungen solcher Art sind ernst zu nehmen, nicht zuletzt angesichts nicht weniger charakteristischer Beispiele f├╝r die ausl├Âsende Wirkung kultischer Vorgaben auf Kirchenbau und Kirchenausstattung, vor allem durch die Reliquienverehrung, auch ├╝ber das Mittelalter hinaus.
So gesehen hat der Verf. ├╝ber die Deckenmalerei der St. Michaeliskirche zu Hildesheim einen - wie mir scheint - sehr wichtigen und dankenswerten Beitrag erbracht zu den Beziehungen von Kult, Achitektur und schm├╝ckenden K├╝nsten am mittelalterlichen Gotteshause, jenseits der engeren kunstgeschichtlichen und stilistischen Probleme, - und dies am Beispiel eines der bedeutendsten Denkm├Ąler christlicher Bildkunst in Niedersachsen.
PS: Im Herbst 1999 hat das nieders├Ąchsische Landesamt f├╝r Denkmalpflege eine computergest├╝tzte Erfassung des Bestandes der Decke abgeschlossen. Dabei erfolgte auch eine dendrochronologische Messung einzelner Bretter. Es ist abzuwarten, ob durch diese begrenzte Untersuchung zureichende Anhaltspunkte f├╝r die Datierung der Bretterdecke gewonnen werden konnten.
Victor H. Elbern
Sommer, Johannes: Das Deckenbild der Michaeliskirche zu Hildesheim. Mit einer kritischen ├ťbersicht ├╝ber die seitherigen Forschungen 1999 "800 Jahre Deckenbild". (erg├Ąnzter Reprint d. 1. Aufl. 1966) 1999. 348 S., 218 Abb., 109 Abb., 22 fb., 1 fb. Falttaf., 31 cm. HC; EUR 35,-
ISBN 3-7845-7410-6   [Langewiesche - K├Ânigstein]
 
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