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Kunst und Handwerk aus Ägyptens goldener Zeit

Der Titel weckt sicher bei jedem Leser unterschiedliche Reaktionen und Erwartungen: Ein Katalog zu einer Ausstellung zur formativen Phase Ägyptens, zum Zeitalter der großen Pyramiden – oder gar zur Amarna-Zeit? TatsĂ€chlich vereint der Katalogband aus der Feder der Ägyptologen Hermann A. Schlögl und Regine Buxtorf sowie unter Mitwirkung von Andreas Brodbeck einige schöne altĂ€gyptische Objekte, die in die 18. Dynastie datiert werden, die, so die beiden Autoren „als die sogenannte Goldene Zeit 
 als Höhepunkt prachtvollsten kĂŒnstlerischen Ausdrucks
“ anzusehen sei (S. IX). Es handelt sich um eine Zusammenschau unterschiedlichster, meist kleinformatiger Objekte, die (weitgehend) aus der 18. Dynastie stammen. Laut Vorwort handelt es sich um „Kunstwerke aus teilweise unveröffentlichtem Museumsbesitz, andererseits kommen sie aus privaten Sammlungen.“
Der Katalogteil ist klassisch aufgebaut und nach Objektkategorien sortiert: SkarabĂ€en, Amulette (S. 13–29); ScheingefĂ€ĂŸe (S. 31–34); Votivgaben (S. 35–38); Kosmetik (S. 39–48); Amarna (S. 49–58). Etwas ausgegliedert oder gesondert ist ein Konvolut zu betrachten, das Uschebti aus dem thebanischen Grab TT 291 beinhaltet (S. 59–72). Die einzelnen EintrĂ€ge sind fundiert und knapp verfasst und prĂ€sentieren die einzelnen Objekte bzw. Objektgruppen teils in neuem Licht. So wird beispielsweise im Falle einer Serie von sogenannten Wildstierjagd-SkarabĂ€en, die den Pharao Amenhotep III. nennen, nicht nur eine Zusammenschau aller bislang belegten Exemplare aus den unterschiedlichen Museen mitsamt des StĂŒckes aus der Privatsammlung (ehemals Sammlung Groppi) geboten. Die Autoren können zugleich die Genese und eine Abfolge der bislang bekannten fĂŒnf TexttrĂ€ger wahrscheinlich machen. Ob die Herkunft des Privatobjektes, die bislang als „Tanis“ angegeben wird, nun aufgrund der ausgekratzten Kartusche des Königsnamen mit Tell el-Amarna verbunden werden muss (S. 5; S. 11), sei erst einmal dahingestellt.
Es folgen in Kapitel 2 einige StĂŒcke, die der Kategorie „Amulette“ zugeordnet wurden – darunter erneut einige kleine SkarabĂ€en. Ist laut Vorwort die 18. Dynastie der Fokus des Kataloges, so ĂŒberrascht doch, dass sich hier auch StĂŒcke finden, die deutlich spĂ€ter entstanden sein sollten: Hierunter dĂŒrften die katzenförmige UrĂ€usschlange (S. 26–27); das Isis-Amulett mit dem Horuskind (S. 27–28) sowie das Entenamulett (S. 28–29) gehören. Interessanterweise ist dies den beiden Autoren durchaus bewusst.
Kapitel 3 widmet sich einigen ScheingefĂ€ĂŸen aus Kalzit-Alabaster (eben nicht wie im Katalog als ‚Alabaster‘ bezeichnet – hierzu auch die Fachdiskussion bei Klemm/Klemm 2008, 147). Ein zylindrisches ScheingefĂ€ĂŸ wird als Grundsteinbeigabe fĂŒr den Hathor-Tempel in Gebelein eingeordnet, ein weiteres dem Sopdu-Tempel von Amenhotep II. Letzteres GefĂ€ĂŸ wird drei weiteren Ă€hnlichen StĂŒcken gegenĂŒbergestellt, die durchaus zu einem Konvolut gehören könnten. Zwei der VergleichsstĂŒcke aus der ehemaligen Sammlung G. Michailidis waren dereinst unter Zuweisung an Thutmosis II. bereits 1973 durch Ägyptologen Peter Kaplony publiziert worden. Die Autoren korrigieren diese Zuweisung nun entsprechend zu Amenhotep II. (S. 32–33).
In Kapitel 5 werden unterschiedliche Objekte unter der Rubrik „Kosmetik“ zusammengefasst. Darunter befinden sich auch interessante SteingefĂ€ĂŸe und Salblöffel. Abgesehen von der falschen Materialangabe (Schist anstelle von Grauwacke [S. 42]; Alabaster anstelle von Kalzit-Alabaster [S. 43–33]), irritiert hier die Form einer Tasse aus der ehemaligen Sammlung Hanns Stock (S. 44). Die mit einem Bandhenkel versehene, vollstĂ€ndig erhaltene Tasse aus Kalzit-Alabaster findet kein Vergleichsbeispiel aus dem bisher bekannten Corpus der GefĂ€ĂŸformen des Neuen Reiches. Dies scheint auch den Autoren bewusst zu sein, die dies aber nicht thematisieren, sondern stattdessen einen nur sehr groben Text zur Thematik von Reinigungen und Schönheitspflege im alten Ägypten geschrieben haben. Chronologische oder typologische Probleme benennen sie jedoch nicht. Wenngleich große Vorsicht geboten ist bei der Beurteilung von Objekten, die allein in Form von Fotografien bekannt sind, so darf doch zumindest in Frage gestellt werden, ob es sich bei dem vorliegenden StĂŒck ĂŒberhaupt um ein genuin altĂ€gyptisches handelt. Ähnliche Zweifel beschleichen einen bei dem kleinen Kosmetik-Töpfchen aus blauer Fayence (S. 46–47), welches ebenfalls aus der ehemaligen Sammlung Hanns Stock stammt. Ein fraglicher Kandidat in Bezug auf ihre Echtheit mag zudem die Pavianfigur (Kapitel 5) sein, die hier unter dem Oberbegriff „Votiv“ aufgefĂŒhrt ist. Die Autoren fĂŒhren zwar selbst einige ihnen als merkwĂŒrdig erscheinende Aspekte der Figur an, wollen sich allerdings scheinbar nicht zu einer entsprechend negativen Aussage zum StĂŒck hinreißen lassen (S. 36).
Dem bisherigen Hauptschaffensfeld des Ägyptologen H. Schlögl, der Amarna-Zeit, widmet sich schließlich Kapitel 6, in dem ein ReliefbruchstĂŒck mit Landschaftsdarstellung, ein Armfragment einer Statuette der Königin Nofretete sowie das rundplastische Köpfchen eines „Prinzen“ aus der ehemaligen Sammlung des AntikenhĂ€ndlers und Sammlers Roger Khawam besprochen werden. Der Beitrag zu dem kleinen und interessanten Köpfchen ist mit weiteren Fotografien zu StĂŒcken aus dem Berliner Museum sowie einem Architekturteil bebildert, die nur sehr weithergeholte Vergleiche zulassen. Viel Raum kommt dabei dem Architekturfragment zu, dass erneut (Schlögl/Grimm, Das thebanische Grab Nr. 136 und der Beginn der Amarnazeit, Wiesbaden 2005, Taf. XLVIII) in Umschrift und Übersetzung abgebildet und mit Tut-Anch-Amun verbunden wird. Die kritische Lesung des Blockes, die auf F. Seyfried zurĂŒckgeht, wird dabei gar nicht erwĂ€hnt. Dies ist insofern schade, als dass sie in ihrem Beitrag in der Festschrift fĂŒr D. Arnold nachweisen konnte, dass die Inschrift bislang falsch rekonstruiert worden ist und anstelle des Namens von Tut-Anch-Amun, (rwD-anx.w-Jtn m Ax.t-Jtn), also der Name eines GebĂ€udes im Aton-Tempel von Tell el-Amarna genannt wird (Seyfried 2015, S. 593–594). DarĂŒber hinaus muss man sich fragen, wieso die Autoren den relativ schlecht erhaltenen Kopf mit der vorgetragenen Sicherheit Tut-Anch-Amun zuweisen. Zum einen fehlen entsprechende Inschriften als auch eindeutige Anzeichen, die ĂŒberhaupt fĂŒr die Statuette eines Prinzen sprechen. Zwar ist die Zuweisung aus stilistischen GrĂŒnden tragbar, doch hĂ€tte man sich gewĂŒnscht, dass auch im Text sehr viel deutlicher auf die Problematik und Identifizierung eingegangen wird. Zugleich verwirrt die im Text vorgestellte Interpretation des Köpfchens als „Modell“ aufgrund des verwendeten Materials Kalkstein. Die im Katalog vorgelegten Thesen vermögen zumindest nicht mit letzter Sicherheit zu ĂŒberzeugen und dĂŒrften im Fach Widerspruch hervorrufen.
Es ist hier nicht der Platz eine vollstĂ€ndige Ă€gyptologische Fachdiskussion zu fĂŒhren, so dass wir es bei den oben angesprochenen Aspekten belassen wollen. Inhaltlich fĂ€hrt der Band mit einer Vorstellung von Uschebti fort, die allesamt aus dem thebanischen Grab TT 291 stammen sollen, das mit den Familien des Nacht-Min und des Nu verbunden wird. Die zwei heute in privater Hand befindlichen Shabti-Figurinen des Nu-neb werden dem Konvolut, bestehend aus drei Statuetten, die sich heute im Ägyptischen Museum in Turin befinden, zur Seite gestellt (S. 59–66). Eine kurze Beschreibung des Grabes rundet das Kapitel ab (S. 66–72). Der Band schließt mit einer Zeittafel, der Auflistung der zitierten Literatur, einem AbkĂŒrzungsverzeichnis und dem Bildnachweis.
Es sei schlussendlich nochmals ausdrĂŒcklich hervorgehoben, dass es absolut zu begrĂŒĂŸen ist, Material aus Privatsammlungen zu publizieren und der Öffentlichkeit so zugĂ€nglich zu machen. Dies ist sogar ein ganz wichtiger Punkt, der gerade in Fragen des Kulturgutschutzes immer wieder zu fordern und von großer Bedeutung ist. Allerdings wĂŒnscht man sich – gerade auch in Bezug auf das vorliegende Buch – mehr Transparenz und einen vernĂŒnftigen Umgang. So wird zwar fĂŒr die meisten aus Privatbesitz stammenden Objekte die Provenienz weitgehend vollstĂ€ndig angegeben, doch bleibt bis zum Schluss im Unklaren, wer der/die heutigen Besitzer sind. Handelt es sich sogar um die Verfasser der Texte (?). Dies ist ein deutliches Manko dieser Schrift. Die wenigen hier (erneut) publizierten MuseumsstĂŒcke (z. B. BM EA. 55585) werden als Beiwerk und Vergleichsobjekte zitiert. Dagegen ist freilich nichts einzuwenden, doch hĂ€tte es diesem Buch sicher gutgetan, mit dem Thema des Ursprungs der Objekte sowie ihrer Handelsgeschichte viel offener und klarer umzugehen, was man beispielsweise in einem vorangeschalteten eigenen kurzen Kapitel etc. hĂ€tte thematisieren können.
Zwar sind die meisten Texte zu den hier abgebildeten StĂŒcken informativ, doch kratzen sie, wenn Ihnen nicht gerade weitere Museumskonvolute an die Seite gestellt werden, ausschließlich an der OberflĂ€che, bzw. lassen kaum einen engeren Zusammenhang zum StĂŒck zu. Des Weiteren hat der Wissenschaftler, der sich mit einem Objekt aus dem Kunsthandel ohne weitere Informationen zur tatsĂ€chlichen archĂ€ologischen Vergesellschaftung beschĂ€ftigt, m. E. eine grĂ¶ĂŸere Bringschuld, entsprechende Argumente fĂŒr die Echtheit bzw. fĂŒr die Diskussion des StĂŒckes zu erbringen. Im Falle des interessanten Kalksteinköpfchens, welches Tut-Anch-Amun zugesprochen wird, reicht da eben nicht der Vermerk „Die Kopfform stimmt weitgehend mit dem Profilbild der königlichen Mumie ĂŒberein.“ (S. 57). Davon abgesehen ist von solchen Vergleichen von Hause aus Abstand zunehmen.
Als ein letzter Kritikpunkt sei auf die QualitĂ€t der Abbildungen verwiesen. Schon allein ohne die Abbildungsunterschriften erkennt man sofort, welche die Museums- und welche die Privatsammlungsobjekte sind: die meisten StĂŒcke sind auf einem Tisch o. Ä. stehend vor einer Raufasertapete aufgenommen, wĂ€hrend die MuseumsstĂŒcke professionell fotografiert worden sind. Gerade fĂŒr einen Band, der sich besonders der Kunst und dem Handwerk verschreibt, ist dies ein deutliches Manko, was auch die Gesamterscheinung eines solchen Kataloges mindert. Dies ist umso bedauerlicher, wenn man erneut an den Titel und die damit beim Leser und Fachpublikum geweckten bzw. zu weckenden Erwartungen denkt, die durch die PrĂ€sentation freilich nicht getroffen werden. Dennoch soll dies nicht darĂŒber hinwegtĂ€uschen, dass hier einige schöne und interessante Kleinfunde unterschiedlichster (!) Zeitepochen mit einigen Vergleichsfunden vorgestellt werden, die fĂŒr die Ă€gyptologische Fachdiskussion von Interesse sind.

03.07.2019
Robert Kuhn
Kunst und Handwerk aus Ägyptens goldener Zeit. Schlögl, Hermann A.; Buxtorf, Regine. 82 S. 178 Abb. 27 x 21 cm. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2019. EUR 39,50.
ISBN 978-3-447-11033-4   [Harrassowitz Verlag]
 
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