KunstbuchAnzeiger - Kunst, Architektur, Fotografie, Design Anzeige Verlag Langewiesche K├Ânigstein | Blaue B├╝cher
[Home] [Epochen] [Rezensionen] [Druckansicht]
Themen
Recherche
Service

[zurŘck]

Die Handschrift der Hofschule Karls des Gro├čen

Ornamentik wird definiert als differenzierte Gesamtheit der f├╝r einen k├╝nstlerischen Umkreis charakteristischen Zierelemente. Das hier angezeigte Buch widmet sich speziell der Zierformen in den Handschriften der Hofschule Karls des Gro├čen, mit ihren acht f├╝r die Zukunft bedeutungsvollen Manuskripten und der Vielfalt von Zieraten auf Schmucktafeln mit Initialen, Kanonb├Âgen und Rahmungen von Textseiten: ÔÇô ein Buchschmuck, dessen Meister schon in der Entstehungszeit der Kodizes hohes Ansehen genossen, weil sie es verstanden, "die B├╝cherfelder wunderbar zu pfl├╝gen...und mit vielf├Ąltigen Farben zu schm├╝cken". Im Verst├Ąndnis eines gro├čen Kenners wie Wilhelm Koehler waren diese Zierelemente wie Buchstaben und Worte gleichsam zu lesen. Doch wird eine Interpretation von bildhaften, letzten Endes also ikonographischen Aspekten f├╝r die vorliegende Arbeit vom Verf. ausdr├╝cklich ausgeschlossen.
Es geht somit prim├Ąr um die klare Ordnung der ornamentalen Elemente in den genannten Handschriften nach Art, Form und Struktur, um ihre H├Ąufigkeit, Anwendung, Entwicklung und ihr gegenseitiges Verh├Ąltnis, nicht zuletzt auch um ihre entwicklungsgeschichtliche Stellung zwischen den gro├čen Herkunftsbereichen sp├Ątantik-mediterraner und fr├╝hmittelalterlicher, vor allem insularer Traditionen. Einleitende Bemerkungen dienen dem Einblick in die Forschungsgeschichte wie der Aufbereitung der zu behandelnden Materialien nach Mustern und Motiven, also von vornherein ohne Ber├╝cksichtigung von Inhalten. Immerhin ist jede Ordnung nach "Arten", etwa f├╝r geometrische Ornamente, vielf├Ąltig zu differenzieren, von Punkt zu Kreis, Quadrat, Spirale, Linie, Flechtband, Treppenmuster, M├Ąander und anderen; im vegetabilen Bereich von verschiedenem Blattwerk zu Palmetten und Ranken; bei zoomorphen Gebilden zu verschiedenen Tier-, v.a. Vogeltypen. Die aufzuz├Ąhlenden M├Âglichkeiten scheinen schier endlos. Wenn zur Verwendung der Motive von "repr├Ąsentativen" Gr├╝nden als Ausdruck von Reichtum und Verehrung gegen├╝ber den Heiligen Schriften die Rede ist, dann stellt sich freilich auch die Frage nach inhaltlichen Absichten. Sonst verblieben die ├ťberlegungen des Verf. eher in Randgebieten der Ornamentik, wenn auch nicht ohne weiterf├╝hrende Beobachtungen zu einer auf "zunehmende K├╝nstlichkeit" gerichtete Entwicklungsgeschichte innerhalb der Handschriftengruppe.
Die einzelnen Kodizes werden in einem umfrangreichen zweiten Teil des Buches erfa├čt, in allen Einzelheiten und vor allem in miniaturisierten Nachzeichnungen. In alledem ergibt sich ein ├╝berreiches Repertoir an Ornamentformen, mit vielgestaltigen Variationen von Buch zu Buch, mit wechselnden Schwerpunkten und erkennbaren chronologischen Schwankungen. Von besonderem Interesse ist die Besch├Ąftigung mit anthropomorphen und zoomorphen Elementen aus r├Âmischen bzw. ├Âstlich-byzantinischen Einflu├čbereichen, darunter auch solchen mit der Wiedergabe figurenbildlicher Gemmen oder anderer Motive der Goldschmiedekunst, leider ohne Hinweis auf manche Arbeiten in der j├╝ngeren Forschung.
Wesentliche Erkenntnisse und Ergebnisse werden schon nach dem ersten Kapitel formuliert, sowohl zu Fragen der Chronologie wie der Lokalisierung, oder auch zu den breiten Wirkungen der Kunst der Hofschule auf west- und ostfr├Ąnkischen Skriptorien wie Tours, Fleury, Mainz, Fulda oder Salzburg, um nur diese zu nennen. Kritische Bemerkungen zur methodischen Konzeption und Durchf├╝hrung der Arbeit k├Ânnten ausgedehnt werden auf die isolierte Besch├Ąftigung mit den Kodizes der Hofschule, ohne weiterf├╝hrende Ausblicke in die karolingischen Schreibschulen der Folgezeit.
Dar├╝ber freilich sollte nicht die positive Wertung der mit unglaublichem Flei├č zusammengestellten Materialsammlung zu einer der grundlegenden Leistungen der Buchkunst der Epoche vergessen werden, nicht zuletzt in den Nachzeichnungen des Repertoires der Zierformen mit ihrer Nutzbarkeit f├╝r k├╝nftige Forschungen.
Ornament als eine grundlegende M├Âglichkeit k├╝nstlerischen Ausdrucks vieler Epochen bedient sich vorzugsweise abstrakter Formen, hinter denen sich aber oft eine symbolische Aussage in zeichenhafter Reduktion verbirgt. Seit l├Ąngerer Zeit ist ÔÇô nicht nur f├╝r das Mittelalter ÔÇô geradezu eine Ikonographie des mit Sinn erf├╝llten Ornamentes erkannt worden: "Das Zauberreich des Mittelalters ist das christliche Paradies, das durch ÔÇśOrnamenteÔÇÖ vergegenw├Ąrtigt und herbeigezwungen wird" (G. Bandmann). Es ist zu w├╝nschen, dass die in dem angezeigten Buch gegebenen M├Âglichkeiten neue Impulse f├╝r entsprechende Studien vermitteln.
Victor H. Elbern
Denzinger, G├Âtz: Die Handschrift der Hofschule Karls des Grossen - Studien zur Ornamentik. 05/2001. 392 S. - 29 x 21 cm. Pb DEM ca 49,-
ISBN 3-934551-23-8
 
© 2003 Verlag Langewiesche [Impressum] [Nutzungsbedingungen]