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Michelangelos offenbare Geheimnisse

In der Einleitung betont der Autor: „Dies ist ein persönliches Buch; es ist meine Begegnung mit Michelangelo“. Nun ist zweifellos jede Abhandlung, auch jede wissenschaftliche, letztlich ein persönliches Unternehmen, aber hier liegen die Dinge doch etwas anders. Walther Streffer, laut Klappentext Jahrgang 1942, AntiquariatsbuchhĂ€ndler und Ornithologe, hat bisher drei BĂŒcher zu seinem Interessenschwerpunkt veröffentlicht: „Magie der Vogelstimmen“, „Wunder des Vogelzuges“ und „KlangsphĂ€ren“. Das vorliegende Buch zu Michelangelos Sixtinischer Decke wird als das Ergebnis einer nahezu vierzigjĂ€hrigen, intensiven persönlichen BeschĂ€ftigung mit dem Werk vorgestellt.
Das Buch ist mit rund 400 Seiten zweispaltig gedrucktem Text und vergleichsweise zurĂŒckhaltender Bebilderung (sehr schön ist die Gesamtabbildung der Decke auf der Innenseite des Schutzumschlags) wohl die umfangreichste Publikation zum Thema, die bisher erschienen ist. Das liegt auch daran, daß der Autor weit ausholt und seine Leser (- er spricht sie sehr gern in vertraulichem Ton als „meine Leser“ an) zunĂ€chst ĂŒber den „Geist der Renaissance“ informieren möchte. Erst auf Seite 93 ist er bei der Sixtinischen Decke angelangt. Wenn man hierin Anzeichen fĂŒr die Vorgehensweise eines Autors sieht, der sich selbst fĂŒr einen Außenseiter hĂ€lt, liegt man sicher nicht ganz falsch. Noch deutlicher zeigt sich das jedoch in der Unmenge von Zitaten der „Kunsthistoriker“ (die immer wieder als solche apostrophiert werden), die den Text fĂŒllen. Die Zitate stammen oft aus populĂ€rwissenschaftlichen Werken (ein besonderer Favorit ist Ernst Gombrichs einbĂ€ndige „Geschichte der Kunst“!), und man fragt sich, ob der Autor nicht vielleicht die aktuelle BefĂŒrchtung hegte, fĂŒr einen Plagiator gehalten zu werden, wenn er nicht fĂŒr jede noch so simple Äußerung zu einem gegebenen Sachverhalt ein Zitat anfĂŒhrte. Oder wollte er vielleicht nur den Eindruck wissenschaftlicher ObjektivitĂ€t erwecken? Auch dafĂŒr wĂ€ren es viel zu viele Zitate. HĂ€tte hier nicht ein Lektorat hilfreich eingreifen können? Das Erstaunlichste am Umgang mit der Literatur ist jedoch die Tatsache, daß ausschließlich Publikationen zur Kenntnis genommen werden, die von vornherein auf Deutsch oder in deutscher Übersetzung erschienen sind. Die gesamte englischsprachige Literatur zum Gegenstand bleibt unbeachtet. Hier wird man in der Tat von einem sehr „persönlichen“ Zugang sprechen mĂŒssen – so persönlich, daß er einer wissenschaftlichen Zielsetzung hinderlich erscheinen muß.
Inhaltlich hat die Betrachtung der Sixtinischen Decke drei Schwerpunkte: den Zyklus der Propheten und Sibyllen, den Genesis-Zyklus und die Ignudi. Hier können nur einzelne Punkte stellvertretend angesprochen werden. Der ausgesprochene „Held“ des Autors ist der Prophet Jonas auf der Altarwand. Jonas lehnt sich weit zurĂŒck, er streitet mit Gott, weil der ihn geschickt hatte, der sĂŒndigen Stadt Ninive den bevorstehenden Untergang zu verkĂŒnden, sie dann aber verschonte, nachdem sie bereut hatte. Streffer bewundert Jonas fĂŒr dessen Aufbegehren, denn darin kĂŒndige sich „eine starke IndividualitĂ€t an, eine eigenstĂ€ndige Persönlichkeit“ (S. 196). So mag sich Gott den Menschen „am Urbeginne der Schöpfung gedacht haben“. NĂ€mlich: „Ein Wesen nach seinem Bild zu schaffen, einen Teil von sich an den Menschen abzugeben, um ein GegenĂŒber zu haben“. „Jona ist zornig und betet! Das ist die Haltung eines modernen Menschen. Jona scheint das spĂ€tere Menschheitsbewußtsein vorwegzunehmen. So scheint Jona in der Prophetenreihe Michelangelos den am stĂ€rksten emanzipierten Menschentyp zu reprĂ€sentieren“ (S. 196 f.).
Diese ausfĂŒhrlichen Zitate sollen deutlich machen, worum es dem Autor geht: nicht um den biblischen Propheten Jonas, sondern um den vermeintlichen Prototyp eines modernen „Menschheitsbewußtseins“. Im Schlußkapitel (S. 386 ff.) kommt dieser „moderne“ Jonas noch einmal ausfĂŒhrlich zur Sprache, um nun seine eigentliche Apotheose als Mensch, wie ihn „die Gottheit sich gewĂŒnscht haben mag“, zu erfahren.
Aber Streffers Deutung stĂ¶ĂŸt auf nicht unerhebliche Schwierigkeiten. Einerseits stellt Michelangelo den Jonas zwar möglicherweise zornig dar, aber bestimmt nicht betend. Ein entscheidendes Kriterium fĂŒr die Haltung des Jonas, die dem Autor zufolge dessen ModernitĂ€t ausmachen soll, existiert also gar nicht. Zum anderen meint Streffer, bei Michelangelo ganz selbstverstĂ€ndlich die Absicht zur Darstellung des von ihm behaupteten modernen Menschentyps in Jonas voraussetzen zu können. Seine Interpretation - dessen ist er sich vollkommen bewußt – ist mit der kirchlichen Lehrmeinung unvereinbar, deshalb betont er nachdrĂŒcklich, daß Michelangelo nach eigener Aussage vom Papst freie Hand fĂŒr die Gestaltung der Sixtinischen Decke erhalten habe (S. 123 ff.). Erst unter der Voraussetzung, daß der „geniale KĂŒnstler“ â€žĂŒber die Bibelauslegung der Kirche hinaus“ gegangen sei (S. 132), werden alle „neuen“ Deutungen Streffers ĂŒberhaupt erst möglich – nicht nur die den Propheten Jonas betreffende. Der Autor stellt sich hier einen Freibrief fĂŒr alle seine Projektionen eines modernen „Menschheitsbewußtseins“ auf Michelangelos Deckenfresken aus. Er fragt ĂŒberhaupt nicht, ob Michelangelos Denken, soweit es aus bildlichen und schriftlichen Zeugnissen belegbar ist, in das von ihm postulierte Schema paßt; vor allem aber berĂŒcksichtigt er nicht, daß der Papst höchstpersönlich Michelangelo die Freiheit fĂŒr die Deckenmalereien gewĂ€hrt hat, was ja nichts anderes bedeutet, als daß der Papst sein EinverstĂ€ndnis zu den PlĂ€nen Michelangelos gegeben hat. Aber auch wenn es das Plazet des Papstes nicht geben wĂŒrde, wĂ€re es, wie sich von selbst versteht, abwegig und zutiefst unwissenschaftlich, die historischen Voraussetzungen, unter denen Michelangelo tĂ€tig war, als gegenstandslos zu betrachten.
Das gilt genauso fĂŒr den Zyklus der Propheten und Sibyllen. Der Autor möchte die „Propheten und Sibyllen in ihrer gegenlĂ€ufigen Entwicklung“ (S. 141 ff.) darstellen, womit gemeint ist, daß sich bei den Propheten „die Emanzipation [...] vom Buchwissen zum bewußten prophetischen Schauen und geistigen Hören durch Imagination, Inspiration und Intuition“ vollziehe (S. 156); wĂ€hrend sich bei den Sibyllen im Gegensatz dazu der „zunehmende Verlust der seherischen KrĂ€fte“ offenbare. So sei „offensichtlich, daß sich die Propheten immer mehr vom Buch abwenden, wĂ€hrend die Sibyllen sich immer stĂ€rker dem Buch annĂ€hern“ (S. 216). Anschaulich nachvollziehbar ist diese These nicht, Streffer unternimmt auch nicht den geringsten Versuch, sie irgendwie als zeitgenössisches Gedankengut zu erweisen. Statt dessen wird fĂŒr die erwĂ€hnten drei Stufen der Initiation (Imagination, Inspiration, Intuition) auf Rudolf Steiner verwiesen (S. 190, Anm. 71).
Es steht denn auch in eklatantem Widerspruch zu den historischen Gegebenheiten, wenn den Sibyllen „zunehmender Verlust der seherischen KrĂ€fte“ (S. 216) unterstellt wird. Carl Justi, den Streffer sonst gern zitiert, hier aber ĂŒbergeht, hatte zu recht konstatiert, daß die zweite HĂ€lfte des 15. und der Beginn des 16. Jahrhunderts „die goldene Zeit der Sibyllenmalerei“ war (1900, S. 82). DafĂŒr gibt es eine ganz einfache ErklĂ€rung; denn die Texte, die den Sibyllen zugeschrieben wurden, prophezeiten viel eindeutiger die Geburt Christi als die in diesem Punkt zumeist eher unbefriedigenden Texte der biblischen Propheten. Es zeigt sich auch hier wieder: die „offenbaren Geheimnisse“ Michelangelos, die Streffer zu enthĂŒllen verspricht, sind nichts als haltlose Behauptungen.
Das alles erscheint aber noch recht harmlos im Vergleich zur Behandlung des „SĂŒndenfalls“, der immerhin etwa in der Mitte der Sixtinischen Decke dargestellt ist und somit eine zentrale Stelle in der wichtigsten Kapelle der Christenheit einnimmt. Streffer spricht vom „sogenannten SĂŒndenfall“ (S. 257, 262), was schon sehr verwundern kann, und erklĂ€rt dann, daß „die Götter [es heißt tatsĂ€chlich: die Götter!] den Menschen den SĂŒndenfall geschenkt haben (S. 262). Wer hier etwa an die zentrale christliche Vorstellung von der „felix culpa“ denkt - von der SĂŒndenschuld, die glĂŒckhaft ist, weil sie durch Jesus Christus gesĂŒhnt wurde -, liegt aber völlig falsch, denn von der ErbsĂŒnde des Menschen und dessen Erlösung durch den SĂŒhnetod Christi ist auch nicht andeutungsweise die Rede! Warum hĂ€tte aber Michelangelo den SĂŒndenfall und die Vertreibung aus dem Paradies an so zentraler Stelle plaziert, wenn es ihm nicht um die fundamentalsten Glaubenswahrheiten des Christentums gegangen wĂ€re?
Streffer beruft sich fĂŒr Michelangelos VerstĂ€ndnis des Menschen immer wieder auf den Neoplatoniker Giovanni Pico della Mirandola, dessen Grundsatz „Nichts ist bewunderungswĂŒrdiger als der Mensch“ zum „Lebensthema“ Michelangelos geworden sei (S. 36, 244, 385). WĂ€re er aber der Frage nachgegangen, welche Rolle christliches SĂŒndenbewußtsein bei den Florentiner Neoplatonikern (Pico und Marsilio Ficino) spielt, hĂ€tte er feststellen können, daß dergleichen bei ihnen praktisch unbekannt ist. Wenn Michelangelo dagegen die ErbsĂŒnde in den Mittelpunkt seiner Sixtinischen Darstellungen rĂŒckt, so kann das nur als eine radikale Absage an die neoplatonische Philosophie verstanden werden. Streffer charakterisiert Michelangelos Haltung völlig diffus (oder modern?) als eine „innere durchchristete“ (S. 380) – Ă€rger kann man den KĂŒnstler wohl nicht mißverstehen.
Zu wahrhaft ĂŒberraschenden „Einsichten“ kommt der Autor auch bei den Ignudi, den nackten JĂŒnglingsgestalten ĂŒber den Thronen der Propheten und Sibyllen. Den Ignudo rechts der HĂ€nde des Schöpfergottes in der Darstellung der Scheidung von Licht und Finsternis hebt er besonders hervor, da dieser „sich seinem Schöpfer in seiner jugendlichen Schönheit direkt zuwendet“. Davon kann zwar keine Rede sein, doch der Autor fĂ€hrt unbeirrt fort: „Der voll aufgerichtete Mensch im göttlichen Licht! So mag sich die Gottheit ein GegenĂŒber gewĂŒnscht haben“. Er zögert nicht, ihn den „Ur-Adam“ zu nennen; dabei ist dieser Ignudo ebensowenig „voll aufgerichtet“ wie alle anderen. Die angebliche Sonderstellung dieses Ignudo veranlaßt ihn sogar, „eine ungewohnte Frage zu stellen: Sollen möglicherweise alle anderen Ignudi ‚Versuche‘ der Götter darstellen?“ (S. 323). Obwohl die Ignudi doch alle von vergleichbarer Gestalt sind - alle haben Ă€hnliche Proportionen, keiner hat zwei Köpfe oder etwa drei Beine -, stellt der Autor sogar die Frage: „Wollte uns Michelangelo zeigen, dass die Natur hinsichtlich der Menschengestalt vielfĂ€ltig geprobt hat?“ (S. 323). Auch ohne eigens darauf hinzuweisen, daß die Ignudi schon als TrĂ€ger der Eichengirlanden, die auf den Rovere-Papst verweisen, sozusagen zeitgenössisches Personal an der Sixtinischen Decke darstellen, und damit einer anderen Zeit angehören als die Schöpfungsszenen des Deckenspiegels, muß man anmerken, daß die Vorstellung, Michelangelo hĂ€tte die Experimente von ausprobierenden „Göttern“ dargestellt, in jeder Hinsicht abstrus ist. Der jĂŒdisch-christliche Schöpfergott hat bekanntlich nicht experimentiert, er hat gesagt: es werde, und also geschah es. „Und Gott sah, daß es gut war“ (1. Mos.). Streffer scheint seine eigene Mahnung, daß die AnnĂ€herung an Michelangelo „mit dem nötigen Ernst geschehen“ sollte (S. 133), völlig vergessen zu haben. Die Amateurtheologisiererei fĂŒhrt sich hier selbst ad absurdum. Man kann sich natĂŒrlich fragen, ob derartig kuriose EnthĂŒllungen „offenbarer Geheimnisse“ ĂŒberhaupt beachtet zu werden verdienen; aber die Sixtinische Decke ist doch ein zu bedeutendes Kunstwerk, als daß man solche Vereinnahmungsversuche einfach mit Schweigen ĂŒbergehen sollte. Es muß klargemacht werden, daß sich Michelangelo absolut nicht als ProjektionsflĂ€che und Rechtfertigung fĂŒr „moderne Menschheitsvorstellungen“, welcher Art auch immer, mißbrauchen lĂ€ĂŸt. Seine kĂŒnstlerische GrĂ¶ĂŸe besteht darin, Werke geschaffen zu haben, die auf die Probleme seiner Zeit reagieren; sie ist nicht losgelöst von den damaligen historischen Gegebenheiten zu denken.
Der Autor stellt an die KapitelanfĂ€nge seiner AusfĂŒhrungen gern Goethe-Zitate; daher erscheint es nicht ganz unpassend, das Fazit dieser Arbeit auch mit Goethe zu ziehen: „Ein großer Aufwand schmĂ€hlich ist vertan“.

29.11.2012
Volker Herzner
Streffer, Walther. Michelangelos offenbare Geheimnisse. Das Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle. 417 S. 140 fb. Abb. 23 x 22 cm. Gb. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2012. EUR 59,00. CHF 73,90
ISBN 978-3-7725-2500-1
 
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