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DĂ©jeuner-Malerei

Es steht außer Frage: die Kunstrichtung des Impressionismus ist die weltweit beliebteste Epoche der Malerei. Dies belegen der internationale Ausstellungsbetrieb und die mit steter BestĂ€ndigkeit veröffentlichten Publikationen zum Thema. Die ungebrochene Faszination des Publikums fĂŒr den Impressionismus, dessen KĂŒnstler auf unterschiedliche Weise den Anfang der modernen Malerei markieren, fĂŒhrt seit langem zu einer unĂŒberschaubaren Anzahl von mehr oder weniger opulĂ€rwissenschaftlich verfassten Veröffentlichungen, die versuchen, einen Überblick ĂŒber das GesamtphĂ€nomen des Impressionismus zu bieten. Die Forschung, die aufgrund der SammlungsbestĂ€nde fest in französischer und angelsĂ€chsischer Hand liegt, konzentriert sich hingegen seit einiger Zeit auf Einzelaspekte. Die großen Linien der Bewegung, etwa die acht gemeinsam organisierten Ausstellungen oder die einzelne KĂŒnstler betreffenden Zuschreibungs- und Datierungsfragen scheinen geklĂ€rt zu sein.

Zu diesen jĂŒngeren Forschungen gehört die 2007 von Beatrix Ahrens an der Albert-Ludwigs-UniversitĂ€t Freiburg eingereichte Dissertation zur „DĂ©jeuner-Malerei von Edouard Manet, Claude Monet und Pierre-Auguste Renoir", die ansprechend und reich bebildert seit 2008 veröffentlicht vorliegt. Ahrens untersucht in ihrer Publikation das bislang nur angeschnittene Thema der Darstellung von Mahlzeiten anhand von fĂŒnf herausragenden Werken impressionistischer Malerei. Der Ansatz der Arbeit wurde von den sozialhistorischen Forschungen angelsĂ€chsischer Kunsthistoriker wie Robert L. Herbert und Timothy Clark, die in der Vergangenheit zu dem ĂŒbergeordneten Thema der Freizeitdarstellungen im Impressionismus geforscht haben, vorbereitet. Ausgehend von der alltĂ€glichen Praxis der Einnahme von Mahlzeiten und deren Schilderung in der zeitgenössischen Literatur, vor allem in den Romanen von HonorĂ© de Balzac, Gustave Flaubert und Emile Zola, entwirft Ahrens mit dem Vierklang von Schaffensraum, Darstellungsraum, Intentionsraum und Empfindungsraum ein hermeneutisches Werkzeug, um die Malerei des Impressionismus zu analysieren.

Ein DĂ©jeuner-Bild lĂ€sst sich derart als Einheit von Mensch, Raum und Stillleben definieren. Besonders aufschlussreich und ergiebig erweisen sich die AusfĂŒhrungen, wenn die postulierten Raumkoordinaten auseinanderfallen, zum Beispiel wenn es sich wie bei Manets „DĂ©jeuner sur l'herbe" um eine Freilichtszene handelt, die aber im Atelier gemalt wurde – Schaffens- und Darstellungsraum nicht ĂŒbereinstimmen.

Die Konzentration auf die drei KĂŒnstler Edouard Manet, Claude Monet und Auguste Renoir erlaubt es Ahrens, die Rezeptionsgeschichte der behandelten fĂŒnf Bilder seit ihrer Entstehung bis heute darzulegen. Bei den fĂŒnf besprochenen Werken handelt es sich um großformatige Hauptwerke von Manet, Monet und Renoir, die nicht nur Höhepunkte ihrer jeweiligen Entwicklung markierten, sondern bereits von den Zeitgenossen als epochemachende Werke wahrgenommen wurden. Im grĂ¶ĂŸeren Kontext der im Impressionismus konzentriert auftretenden Darstellungen von FreizeitbeschĂ€ftigungen und -vergnĂŒgen nehmen die DĂ©jeuner-Bilder somit eine Sonderstellung ein.

Ahrens setzt mit Manets „DĂ©jeuner sur l'herbe", dem Skandalbild des Salon des RefusĂ©s von 1863, ein. Manet setzte mit der an Alten Meistern geschulten Komposition MaßstĂ€be, die jedoch ohne direkte Auswirkungen auf die französische Malerei blieben. Erst im 20. Jahrhundert wurde das Bild zunĂ€chst von Picasso und spĂ€ter von den KĂŒnstlern der Pop art rezipiert. Ahrens behandelt Manets komplex verrĂ€tseltes, im Innenraum spielendes „DĂ©jeuner dans l'atelier" von 1868 bevor sie auf Monets kĂŒnstlerische Antwort auf Manets GemĂ€lde gleichen Titels, nĂ€mlich Monets ursprĂŒnglich als Freilichtszene konzipiertes „DĂ©jeuner sur l'herbe" von 1865 zu sprechen kommt. Mit Monets idyllischer Gartenansicht „DĂ©jeuner (Ă  Argenteuil)" von 1873 leitet Ahrens zu Renoirs „DĂ©jeuner des canotiers", dem FrĂŒhstĂŒck der Ruderer in einem Ausflugslokal, von 1881 ĂŒber.

Auch wenn manche Exkurse in ihrem Bezug zu den behandelten Werken vage bleiben, fĂŒhrt Ahrens ihre Argumentation immer wieder zu ihrer Hauptthese zurĂŒck. Diese lautet, dass die DĂ©jeuner-Malerei im Impressionismus zwischen Tradition und Moderne schwankt. Fakten- und kenntnisreich entwirft Ahrens Bezugspanoramen, die von biblischen und mythologischen bis zu gesellschaftlichen und privaten HintergrĂŒnden reichen. Ahrens endet mit einem Ausblick auf das 20. Jahrhundert, dem die eigentliche DĂ©jeuner-Malerei nach Pablo Picassos Paraphrasen des „DĂ©jeuner sur l'herbe" von Manet nicht mehr viel bedeutete.
2.6.2009
Andrea Dippel
Ahrens, Beatrix: Die "Déjeuner"-Malerei von Edouard Manet, Claude Monet und Pierre-Auguste Renoir. Untersuchung zur Darstellung von Mahlzeiten in der Zeit des französischen Impressionismus. 306 S., 83 Abb. 21 x 14 cm. (Schriften z. Kunstgesch. 20) Kovac Verlag, Hamburg 2008. EUR 78,00
ISBN 3-8300-3651-5
 
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