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Raumdramaturgie – Typologie und Inszenierung von Innenräumen

Mit Leidenschaft „Raumdramaturgie“ von Holger Kleine.
„Raumdramaturgie“. So der schlichte, anspruchsvolle Titel eines wahrlich opulenten Buchs des Architekten Holger Kleine, der an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden als Professor für künstlerisch-konzeptionelles Entwerfen lehrt. Die Dramaturgie des Raums ist ein Thema, das Kleine schon lange beschäftigt: in der eigenen Arbeit als Architekt und als Lehrender. Es ist interessant zu wissen, dass Kleine nicht nur Architektur, sondern auch Musikwissenschaften an der Technischen Universität Berlin und der Cooper Union in New York studiert hat. Später arbeitete er in den Büros von Eisenman Architects und Sauerbruch Hutton Architekten. 1999 gründete er das Büro Holger Kleine Architekten in Berlin, das er seit 2010 gemeinsam mit Jens Metz als Kleine Metz Architekten führt.
Es geht um die Inszenierung von Architektur in diesem Buch, das sich in vier Kapitel gliedert. Teil 1 stellt historische Architektur vor, nämlich drei „Scuole Grande“ in Venedig, die Kleine als archetypisch für die Inszenierung von Räumen beschreibt. Die venezianischen Versammlungshäuser hatten ihre Hochzeit im 16. Jahrhundert und umfassten Gebäude von geistlichen und karitativen Korporationen, Zünften, Gilden und Landsmannschaften.
„Leidenschaft baut mit trägen Steinen ein Drama auf.“ Dieser Satz Le Corbusiers ist dem Buch vorangestellt. Von der Leidenschaft venezianischer Architekten erzählt der Autor – Kleine beschreibt die Bauten sehr detailliert und illustriert mit sehr guten Architekturfotografien und vielen Architekturzeichnungen – und richtet sich damit ausdrücklich an jene Leser, die selbst „schon einmal von Leidenschaften gepackt wurden“. Das müssen nicht zwingend Architekten oder Innenarchitekten sein, sondern auch, wie er schreibt, „Liebhaber von Räumen“.
Die Wirkung von Räumen auf den Menschen ist Kleines Thema und er zieht seine Beispiele nicht nur aus der Architektur, sondern auch aus der Musik und dem Theater, dem Kino und der Performance. Das zweite Kapitel ist „Dramaturgische Modelle“ überschrieben. Hier beschäftigt sich Kleine mit dem Thema der Dramaturgie in den verschiedenen Künsten und vermittelt Grundlagenwissen. Wenn Kleine hier etwa über den Begriff der „Montage“ schreibt, dann hat man Ähnliches schon gelesen – aber selten im Zusammenhang mit Architektur.
All diese Künste – inklusive der Architektur – so Kleine, wollen „Aufmerksamkeit“. Die Möglichkeiten, Aufmerksamkeit zu schaffen, sind vielfältig: Punkte, Kreise, Spiralen, Schächte, Umkreisungen, Pyramiden und Bögen – man findet sie nicht nur in der venezianischen Architektur, sondern auch in Filmen von Robert Altman oder in der Literatur von Tchechow und Beckett. In diesem Kapitel gelingt Kleine nicht weniger als eine anschauliche Geschichte der Dramaturgie in Kunst und Kultur – mit besonderen Sternfahrten in den historischen Architekturdiskurs: von Vitruv, Leon Battista Alberti, Andrea Palladio über Le Corbusier bis in die Gegenwart.
Teil 3 des Bandes beschäftigt sich mit „Raumdramaturgien der Gegenwartsarchitektur“. 18 zeitgenössische Bauten seit den 1960er Jahren hat Kleine ausgewählt, die er analytisch beschreibt und anhand von Fotografien und Zeichnungen darstellt. Seine Auswahl sei subjektiv, schreibt der Autor – dennoch sind einige echte Klassiker darunter, wie etwa die Berliner Philharmonie von Hans Scharoun, das IIT-Studentencenter in Chicago von Rem Koolhaas oder die Thema in Vals von Peter Zumthor.
Der vierte Teil des Buchs ist schließlich eher praxisorientiert: eine Darstellung der Parameter und Dimensionen von Raumdramaturgie als Werkzeug des Architekten. Es sind 20 solcher Parameter, die Kleine hier in Begriffen wie „Gefüge“, „Proportionen“ oder „Rhythmen“ klassifiziert und vorstellt.
Alles in allem ist dem Autor mit „Raumdramaturgie“ ein Grundlagenwerk gelungen: ein Buch, dass es so – zumindest im deutschen Sprachraum – noch nicht gegeben hat. Es könnte sehr verschiedene Leser finden – und genau das zeichnet das Werk aus. „Es geht überall um Komposition, Proportion, um Folgerichtigkeit und deren Gegenteil, also die Schönheit der Überraschung; es geht um Kontrast und Einheit“, zitiert Kleine den Pianisten Alfred Brendel – wissend, dass Architektur kaum losgelöst von ihren benachbarten Disziplinen zu betrachten ist.

09.04.2018
Marc Peschke
Raumdramaturgie. Typologie und Inszenierung von Innenräumen. Kleine, Holger. 296 S. 350 z. T. fb. Abb. Birkhäuser Verlag, Basel 2017. EUR 69,95.
ISBN 978-3-0356-0432-0
 
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