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Chronological Overview of Pottery from Asyut

Mit einem großartigen Zitat des 2014 verstorbenen Mediävisten Jacques Le Goff beginnt das Werk, welches sich der typologisch-chronologischen Erarbeitung des keramischen Materials vom Fundplatz Assiut in Mittelägypten widmet: „If reconstructing a dinosaur from a single vertebra seems possible, reconstructing a society from a single sherd has always seemed to me a great achievement.“ Nun sollte der Leser durch dieses Zitat regelrecht angeheizt nicht zu viel erwarten, denn aufgrund vieler noch vorhandener Forschungslücken ist man auch in der Ägyptologie noch weit davon entfernt die komplexe Gesellschaft im Niltal anhand der Keramik zu rekonstruieren. Dennoch helfen Bücher wie das vorliegende, entsprechende Probleme anzusprechen, zu diskutieren und vor allem in einen breiteren wissenschaftlichen Diskurs zu tragen. Tönerne Gefäße spielen für die Chronologie und für Fragen der sozialen Entwicklung seit Beginn der ägyptischen Archäologie eine eminente Rolle und so kommt vor allem Materialarbeiten wie der vorliegenden eine wichtige Bedeutung zu. Mit dem Band hat sich die Autorin, Leiterin der Forschungsstelle Ägypten an der polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau, der großen und schwierigen Aufgabe gestellt, einen groben Überblick über das keramische Fundmaterial von Assiut, einer seit über 100 Jahren bekannten Nekropole der 1. Zwischenzeit und des Mittleren Reiches, zu geben. Wenngleich im Fach vorwiegend die berühmten Gaufürstengräber mit dem Fundplatz verbunden werden, lenkt ein Forschungsprojekt der Universität Mainz und der freien Universität Berlin unter Leitung von U. Verhoeven, J. Kahl und M. el Khadragy seit einigen Jahren mit seinen interessanten Ergebnissen die Aufmerksamkeit auch auf andere Aspekte des Fundplatzes. So ist beispielsweise bislang kaum Näheres zur zugehörigen Siedlung bekannt, dabei muss eine solche Siedlung nach Ausweis von Surveyfunden und den hier genannten Fürstengräbern in unmittelbarer Nachbarschaft existiert haben.
Neben der Erforschung der Architektur etc. bietet freilich die Analyse des keramischen Materials eine besondere – wenn auch besonders herausfordernde Möglichkeit – sich einem Fundplatz wie Assiut zu nähern. T. I. Rzeuska hat sich im vorliegenden Band vor allem für die sehr breit angelegte Präsentation von Material entschieden. Sie stellt hierbei Gefäße vor, die zeitlich von der sogenannten Vorzeit bis in die römisch-byzantinische Zeit streuen und somit einen chronologischen Zeitrahmen vom 5./4. Jt. v. u. Z. bis zum 8. Jh. u. Z. abstecken – also nicht weniger als nahezu 6.000 Jahre kulturgeschichtlicher Entwicklung darstellen. Dies ist ein enormer Zeitrahmen, der in dieser Form erst einmal bewältigt werden möchte. Dass dies nur anhand ausgewählter Beispiele und mit einer entsprechenden Fokussierung erfolgen kann ist dabei nur zu verständlich. Nach einem kurzen Überblick über den bisherigen Forschungsstand zur Keramikbearbeitung in Assiut (S. 15–26) stellt T. Rzeuska kurz die wichtigsten Kriterien und Aspekte vor, die im Hauptkatalog eine Rolle spielen. Hierzu gehört neben der Terminologie auch die Ansprache und Beschreibung der Gefäße mithilfe des sogenannten Gefäßindexes (Vi = Vessel index) (S. 26). Die Autorin wählt somit erfreulicherweise eine von den meisten der Keramikbearbeiter in der Ägyptologie verwendete Methode, um eine möglichst objektive Ansprache der Gefäßformen zu erreichen. Auffällig ist, gerade in Hinblick auf sehr viel differenziertere und kleinteilige Typologien im Fach, dass die Bearbeiterin eine sehr grobe Unterteilung vornimmt. Zudem werden einige Aspekte der Herstellungstechnik kurz anhand ausgewählter Beispiele vorgestellt. Es mag – gerade auch in Hinblick auf das der Arbeit vorangestellte Zitat – etwas merkwürdig erscheinen, dass vor allem diese, für die wirtschaftlichen und kulturgeschichtlichen Aspekte so wichtigen Punkte recht kurz und grob abgehandelt werden. Doch kommt die Autorin auch innerhalb ihres Kataloges erneut auf diese Details zurück.
Der Katalog stellt den Hauptteil der Arbeit dar und ist stringent nach einem Schema und chronologisch gegliedert: Einer kurzen Einführung in die jeweilige chronologische Phase folgt eine kurze Ansprache der wichtigsten Gefäßformen mitsamt deren Hauptmerkmalen, darunter auch Sonderformen und fundplatztypische Besonderheiten. Diesen Grunddaten folgt schließlich ein ausführlicherer Katalog, in dem einzelne Gefäße tabellarisch und in getuschter Zeichnung vorgestellt werden. Dabei werden die wichtigsten Metadaten wie Tonart, Herstellungs- und Brandtechnik, Farbe, Härte und metrische Daten geliefert. Hervorzuheben ist hierbei die sehr leserfreundliche Gestaltung mit der Beschreibung auf der linken und der Zeichnung des Objektes auf der rechten Seite. Ein Großteil dieser Gefäße wird abermals im ersten Teil des Kataloges als s/w-Photographie wiedergegeben – einige ausgewählte Stücke erscheinen auch in farblichen Reproduktionen auf den Tafeln am Ende des Bandes. Des Weiteren gilt hervorzuheben, dass nicht allein aus den jüngsten Ausgrabungen stammende Gefäße und Gefäßfragmente, sondern auch altgegrabene, heute in den diversen Museen befindliche Stücke Berücksichtigung gefunden haben (Boston, London, Paris, Stockholm und Turin). Gerade dies gibt dem Band eine besondere Bedeutung, die seinen Überblickscharakter unterstreicht. Behandelt werden die Hauptphasen der ägyptischen Geschichte in einzelnen Kapiteln angefangen mit der vor- und frühgeschichtlichen Periode (Kapitel 2) bis hin letztlich zur römisch-byzantinischen Zeitstufe (Kapitel 11).
Eine kurze Zusammenfassung (S. 733–734), verschiedene Indices und ein erfreulich überschaubar gehaltenes Literaturverzeichnis beschließen den Band.
Bei einer solchen großen Bandbreite an Keramikmaterial beeindruckt, wie es der Autorin gelungen ist, durch das bewusste Präsentieren einer beschränkten Auswahl die Formen- und Materialvielfalt des keramischen Inventars vom Fundplatz Assiut vorzulegen. Somit gelingt ihr auch indirekt die Bedeutung des Fundplatzes durch die gesamte altägyptische Geschichte bis hin zur römischen Okkupation plausibel zu machen. Das Ergebnis ist ein wirklich gelungener Überblick, der jedoch gerade in den wirtschaftlich und handwerklich interessanten Aspekten wie etwa der Fertigungstechnik und Ressourcen etwas detaillierter hätte geraten können. Zudem hätte man sich als Leser auch eine etwas ausführlichere Zusammenfassung gewünscht, die viele der Details und Einzelergebnisse nochmals zum Schluss zusammenführt. Doch dies sind letztlich Marginalien. Der organisierte Katalogteil verleiht dem Buch den Charakter eines Nachschlagewerkes und einer Vergleichssammlung, die für jeden Kollegen, der sich mit der Keramik Ägyptens beschäftigt ein erfreuliches Arbeitswerkzeug an die Hand gibt.

29.08.2018
Robert Kuhn
A contribution to the history of Gebel Asyut al-gharbi. The Asyut Project (7). Rzeuska, Teodozja I. Chronological Overview of Pottery from Asyut. Engl. 792 S. 613 drawings, 355 figures, 4 tables, 32 plates. 24 x 17 cm. Gb. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2017. EUR 98,00.
ISBN 978-3-447-10621-4   [Harrassowitz Verlag]
 
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