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Jugendstil im Quadrat |
Es ist kaum mehr vorstellbar, dass die Kunst des Jugendstils einmal als kitschverdächtiger Ausdruck einer Verfallszeit angesehen wurde. Heute ist ihm zwar das Publikumsinteresse sicher, wie jüngst eine große Ausstellung in der Kunsthalle München gezeigt hat, aber seine architektonischen Werke sind nur noch spärlich erhalten, obwohl er doch in die Zeit des Baubooms der Jahrhundertwende um 1900 fiel. Zum einen war die Austreibung der folgenden Jahrzehnte gründlich, zum anderen müsste man die Augen aufmachen, um ihn zu entdecken. Genau dies tat Heike Maria Johennig. Sie „entdeckte“ mitten im Alltag der Übergangsräume zwischen Straße, Büro und Wohnung, in den Eingängen, Foyers und Treppenhäusern Berlins wahre Perlen des Jugendstils: Fliesen. Die Wände dieser Übergangsbereiche zu fließen, galt seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert als hygienisch und praktisch. Da der Jugendstil die Tendenz hatte, keinen Bereich eines Hauses ungestaltet zu lassen, fanden sich so perfekte Flächen für dauerhafte Dekorationen – solange nicht der Vandalismus der Stilbereinigung oder der Krieg durch die Häuser fegte.
An die 8000 Wandfliesenentwürfe sollen zwischen 1895 und 1935 in über 25 Manufakturen hergestellt worden sein und trotzdem wurde das Fortleben dieses Themas der Baugestaltung weitgehend übersehen. Erstaunlich ist dies auch, weil inzwischen wieder beliebte Motive in Handarbeit angefertigt werden. Als die Autorin auf das Phänomen der Fliesen aufmerksam wurde, begann sie auf vielen Streifzügen durch Berlin und unterstützt von ihrem Freundeskreis – oft mit dem sprichwörtlich in die Tür gestellten Fuß – diese Übergangsbereiche zwischen Öffentlich und privat zu erforschen. Ihre Sammlung kann sich sehen lassen. 100 Einzelbeispiele werden ganzseitig abgebildet und der Zusammenhang ihrer Entstehung erläutert. Raumaufnahmen zeigen zudem den Rapport der Ornamente bzw. die Bilder, die aus der Wiederholung entstehen können. Denn die Fliesen wurden ja nicht als isolierte Einzelstücke entworfen, wie sie heute in musealen Sammlungen präsentiert werden, sondern um im Raum zu wirken. Im Buch sind sie sozusagen in freier Wildbahn des Alltagsgebrauchs zu erleben.
Berlin würde man heute nicht als Zentrum des Jugendstils einschätzen, den wir etwas zu Unrecht vor allem mit Frankreich und Belgien verbinden. Viele der in Berlin dokumentierten Fliesen kommen auch aus den unterschiedlichsten Gegenden. Aber die umfangreichen Bautätigkeiten am Beginn des 20. Jahrhunderts boten eben reichlich Möglichkeiten der Ausstattung. Das handliche Buch erschließt einen Kosmos, der dem breiten Publikum auf Grund der Privatheit der Räume weitgehend verschlossen bleiben muss. Darin zu blättern ist wie ein Stadtspaziergang, nur nicht so anstrengend, dafür aber lehrreich und eine anregende Einführung in die florale Welt des Jugendstils.
03.03.2026
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| Andreas Strobl |
Jugendstil im Quadrat. Art Nouveau Squared. Johenning, Heike Maria. Englisch; Deutsch. 224 S. 193 fb. Abb. 20 x 20 cm. Deutscher Kunstverlag, Berlin 2025 EUR 45,00.
ISBN 978-3-422-80331-2
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