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Verfemt – Gehandelt. |
Sechs Jahre ist es her, dass die Ausstellung „Verfemt – Gehandelt. Die Sammlung Doebbeke im Zwielicht. Von Corinth bis Kirchner“ von Juli bis ¬November 2019 im Sprengel Museum Hannover gezeigt wurde. Anlass war der 20. Jahrestag der Verabschiedung der sogenannten „Washingtoner Prinzipien“. Dieser rechtlich unverbindliche Leitfaden für den Umgang mit Kulturgütern verpflichtet öffentliche Museen, die Herkunft ihrer Sammlungen zu erforschen, Archive für die Provenienzforschung zugänglich zu machen und „faire und gerechte Lösungen“ für den Verbleib der Objekte zu finden. Um den Status eines Werks schnell sichtbar machen zu können, hat die Provenienzforschung hierfür ein Ampelsystem entwickelt. Vier Farben zeigen den aktuellen Stand der Forschung an und reichen von der rekonstruierbaren, unbedenklichen Herkunftsgeschichte (grün) bis zur unklaren oder sehr wahrscheinlich NS-verfolgungsbedingt entzogenen Werkprovenienz (rot).
Die vorliegende Publikation erscheint mit großem zeitlichen Abstand zur Ausstellung. Sie geht auf diese zurück und soll – so heißt es im Vorwort – für sich stehen und einen Einblick in die laufende Forschung bieten. Und das bestätigt sich beim Lesen denn auch: Kaum eine Werk-Recherche ist abgeschlossen. Viele Fäden bleiben weiterhin lose. Das nimmt nicht wunder, ist Provenienzforschung doch nicht nur vom systematischen Suchen (und glücklichen Finden) von Hinweisen sondern auch vom Fortgang der Wissenschaft, Erschließung (und Digitalisierung) unbekannter Quellen und Archive abhängig. Zudem ist Provenienzforschung – wo die Schicksale von vor allem jüdischen Familien und ihren Nachkommen betroffen sind – ein oftmals hochemotionales Gebiet. Es geht nicht ausschließlich um Eigentum und Besitz oder materielle Werte, sondern auch um menschliche Schicksale unter der Terrorherrschaft des ‚Dritten Reichs‘, es geht um Wiedergutmachung und – wie es in den Washingtoner Prinzipien heißt – um „faire und gerechte Lösungen“.
Dass die vorliegende Publikation nun im Sommer 2025 erschienen ist, ist eine eigene Geschichte. Der Direktor des Museums hatte im Interview mit dem Deutschlandfunk den Papiermangel als einen Grund für die jahrelange Verzögerung angeführt. Doch vielmehr scheint es, dass die Verfasserin nicht zu einer früheren Fertigstellung gelangt ist. Immer neues Material, eine große zu untersuchende Werkgruppe von über 100 Objekten und vielleicht auch die Sorge vor möglichen Rechtsstreitigkeiten mit etwaigen Erben. Da kann eine Drucklegung schon einmal aus dem Blick geraten. Vielleicht wäre auch – wie von vielen anderen Einrichtungen praktiziert – eine online-Publikation oder die Bereitstellung der Ergebnisse in einer Online-Datenbank ein adäquater Weg gewesen: papiersparend und nach Bedarf jederzeit ergänzbar. Aber nein, hier soll es die schwarz-auf-weiß gedruckte Fassung sein: unveränderbar, gedruckt und leider doch nur ein Zwischenstand.
Nach inzwischen 17 Jahre – so lange dauern die Recherchen inzwischen – erscheint die vorliegende, über 300 Seiten starke Publikation auch wie eine Art Rechtfertigung für die aus öffentlichen Mitteln getragene Forschung. Ein zusätzlicher Antrieb für die Veröffentlichung mögen schließlich auch die ausführlichen Recherchen des Deutschlandfunk-Podcasts „Tatort Kunst“ in der Doppelfolge „Hannovers dunkles Erbe“ (Herbst 2024) gewesen sein, die einen nicht sehr vorteilhaften Blick auf die Arbeit der Hannoverschen Provenienzforschung warf.
Doch nun zum Eigentlichen: Thema des Buches ist die Herkunft der Kunstwerke aus der Sammlung von Conrad Doebbeke (1889–1954), einem Berliner Immobilien¬händler, der der Stadt Hannover Werke von Max Beckmann, Lovis Corinth, August Gaul, George Grosz, Erich Heckel, Alexej von Jawlensky, Max Liebermann, Emil Nolde, Christian Rohlfs u.v.m. verkaufte. Wie in vielen anderen öffentlichen Sammlungen waren in den Museen Hannovers 1937 zahlreiche Werke bei der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt worden. Diese Sammlungsverluste der Klassischen Moderne zu heilen, spornte die Museumsdirektoren und -direktorinnen der Nachkriegszeit zu Neuankäufen an, so auch den Hannoveraner Museumsleiter Ferdinand Stuttmann. Doch was er hier erwarb, sollte sich als Büchse der Pandora entpuppen.
Die vorliegende Publikation startet mit einem Vorwort des Museumsdirektors Reinhard Spieler. Es folgen Annette Baumanns übergeordneter Beitrag zur Geschichte der Sammlung Doebbeke, Thomas Flemmings Recherchen zum Immobilienbesitz und der Geschäftstätigkeit des Sammlers sowie eine Kurzbiografie Doebbekes. Einigen Hinweisen zum methodischen Vorgehen folgen die Objekttexte, wobei es – anders als der Titel es vermuten lässt – der alphabetischen Ordnung entsprechend von „Barlach bis Slevogt“ heißen müsste. Die einzelnen, mal kürzeren, mal längeren Beiträge setzen sich neben einem Werkfoto (oft auch der Rückseite) aus den Objektdaten, einem Text und reichlich Fußnoten in kleinster Schriftgröße zusammen. Ein Dokumentenanhang und ein Literaturverzeichnis sowie weiterführende Literaturangaben und das Impressum beschließen den Band.
Wie es um die Provenienz der einzelnen Kunstwerke steht, wird nicht auf den ersten Blick deutlich. Das erwähnte Ampelfarbensystem, welches auf einfache Weise eine optische Erfassung leicht gemacht hätte, findet keine Anwendung. So muss der geneigte Lesende in die oft in endlosen Schachtelsätzen verwobenen, sich teilweise wiedersprechenden Informationen eintauchen, um den aktuellen Stand der Forschung zu enträtseln. Einen leichten Einstieg bietet die folgende, unfreiwillig komisch wirkende Formulierung nur bedingt: „Das Gemälde stammt von dem nur zwei Jahre jünger als Max Liebermann gewesenen, in Niendorf in Schleswig-Holstein geborenen norddeutschen Expressionisten Christian Rohlfs, der durch eine in der Jugend zugezogene schwere Beinverletzung zur Kunst fand.“ (S. 253)
Die vielen Funde – und das Buch ist reich an jahrelang zusammengetragenem Wissen – stehen zudem im Schatten eines mangelhaften Korrektorats. Einige Beispiele mögen dies veranschaulichen: So heißt es „Otto Müller“ statt „Otto Mueller“ (S. 11), „Damenbildnis im Rechstprofil“ (S. 48) oder „ein kritischer Diskus“ (S. 97). Amedeo Modigliani ist der vorliegenden Publikation nach vielleicht im „Umkreis?“ von Paris verstorben – oder hätte der Hinweis auf den Umkreis nicht eigentlich zum Künstler notiert werden sollen? (S. 117) Gerd Wolls Verzeichnis der Gemälde von Munch wird wohl erst im Jahr „2099“ erscheinen (S. 326). So häufen und häufen sich unschöne Tippfehler, die vermeidbar gewesen wären.
Auch ein kritisches Lektorat lässt der Band vermissen, so heißt es etwa über die Voreigentümerin eines Gemäldes von Lovis Corinth: „Über Metella Abramczyk ist bislang wenig bekannt, auch ihre Lebensdaten stehen nicht fest.“ (S. 154). Eine Seite später sind die Lebensdaten dann plötzlich bekannt: „Geboren 1876 in Berlin.“ Im Mai 1942 „umgekommen“ (oder hätte es hier heißen müssen „ermordet“?) im Vernichtungslager Chelmno am „7. Mai 1942“. (S. 155) Eine kurze Internetrecherche offenbart schnell einen Geburtsregistereintrag, der in der „Ancestry“-Datenbank abrufbar ist. Auch die Formulierung: „Nähere Informationen über Cilly Zowes [Doebbekes Mitarbeiterin in Berlin] Leben in den USA und den Verbleib ihrer Kinder oder weiterer Nachkommen liegen bislang nicht vor [...].“ (S. 77) lässt sich schnell wiederlegen. Eine Recherche in den einschlägigen Stammbaumdatenbanken ermöglicht die Auffindung eben dieser Kinder und weiterer Verwandter. Stichproben zu den Grunddaten der Objekte werfen ebenfalls Fragen auf: Wenn es ein aktuelles Werkverzeichnis zu Max Beckmann gibt, warum ist dann nicht diese Werkverzeichnisnummer für das Gemälde „Inderin“ angeführt und warum werden die in diesem Werkverzeichnis gegebenen Provenienzangaben nicht übersichtlich in der Objektinformation gelistet? Wenn es in der Provenienzforschung immer auch um Rückseiten der Werke geht, warum druckt man dann mangelhafte Abbildungen (S. 112) ab, obwohl das entsprechende Werk im Museum und somit für die Fotografie zur Verfügung gestanden hätte?
Neben diesen handwerklichen Fehlern und der fehlenden Sorgfalt, die den Leser oder die Leserin mit Skepsis erfüllt, sowie der fehlenden Klarheit und Prägnanz der Texte, mangelt es schließlich auch an einem Register, das die Auffindung der vielen beteiligten Personen, Sammler, Kunsthistoriker, Händler usw. ermöglicht hätte und einen großen Mehrwert für eine solche Publikation bedeutet hätte.
Am Ende bleibt noch die große Frage der Interpretation der Quellen. Ob es z.B. in Hannover wirklich „faire und gerechte Lösungen“ geben wird, wird sich zeigen. Beispielhaft sei hier auf den laufenden Vorgang zum Gemälde „Bunte Wicken und Rosen (Erbsenblüten)“ (1913) von Lovis Corinth verwiesen, der den zentralen Fall im oben erwähnten Deutschlandfunk Podcast bildete und zu dem das Redaktionsteam um Stefan Koldehoff bei gleicher Quellenlage zu einer vollkommen anderen Auslegung kommt. Es ist der Familie der antragstellenden Partei zu wünschen, dass der jahrzehntelange Prozess um die Restitution in nicht allzu ferner Zukunft dem neuen Schiedsgericht vorgetragen wird und zum (hoffentlich glücklichen) Abschluss kommt.
01.12.2025
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| Gloria Köpnick |
Verfemt - Gehandelt. Die Sammmlung Doebbeke im Zwielicht: von Corinth bis Kirchner. Hrsg.: Baumann, Annette; Beitr.: Flemming, Thomas; Baumann, Annette. 296 S. 160 fb. Abb. 24,5 x 18,4 cm. Snoeck Verlag, Köln 2023. EUR 39,80.
ISBN 978-3-86442-424-3
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