|
|
| [zurück] |
Hans-Christian Schink - Am Weg |
Hier stört kein Mensch.
Ein neues Buch von Hans-Christian Schink
Vor einigen Jahren trieb es Hans-Christian Schink noch in die Welt. Er fotografierte etwa in Japan für sein Buch „T?hoku“. Ein Jahr nach dem Tsunami war das. Dem 1961 geborenen Erfurter Fotografen gelangen hier Bilder, welche die Stärke der Naturkatastrophe erst auf den zweiten Blick erkennen ließen. Oft waren es stille, kühle Landschaftsfotografien, die Schink mit surreal-grotesk anmutenden Bildern der Zerstörung kontrastierte.
Schink gelang es, fotografische Bilder zu schaffen, die auf subtile Weise vor weiteren Zerstörungen warnen. Nüchterne Bilder, die aber viel Platz für eigene Entdeckungen ließen. Und heute? Nüchtern ist seine Fotografie immer noch – aber er muss nicht mehr weit reisen, um seine Bilder zu finden. Der neue Band „Am Weg“ ist das dritte Foto-Buch einer Trilogie, in welcher der Künstler das direkte Umfeld seines Wohnorts in Mecklenburg-Vorpommern untersucht. „Hinterland“ (2019) und „Unter Wasser“ (2022) sind ebenfalls im Stuttgarter Verlag Hartmann Books erschienen.
Vor allem konzentriert sich Schink in diesem neuen Buch auf einen etwa drei Kilometer langen Feldweg ganz in der Nähe seines Hauses. Es mischen sich Landschaftsbilder in Schwarz-Weiß, farbige, sehr sachliche Blüten-Portraits und grafisch anmutende, faszinierende Fotografien von Gräsern und Blättern – ergänzt noch um ganz feine Vogelzeichnungen seines Bruders Martin Schink, einen freien, assoziativen Text des Literaten Uwe Kolbe und verschiedene Auflistungen, welche die umfassende Tier- und Pflanzenwelt dieses Fleckens belegen.
Derzeit sind diese Bilder auch unter dem Titel „Über Land“ im Museum der bildenden Künste Leipzig zu sehen: Fotografien aus dem äußersten Nordosten Deutschlands, die gleichsam in einer romantischen Idee verwurzelt sind, aber doch größte Aktualität besitzen. Romantische Ideen spielen – und zwar schon seit Dekaden – in der zeitgenössischen Fotografie eine bemerkenswerte Rolle.
In einer Welt, die zunehmend von Technologie und Urbanisierung geprägt ist, suchen viele Menschen nach Wegen, die uralte Verbindung zur Natur wieder aufleben zu lassen. Die Aktualität dieser Ideen in der Bildenden Kunst und Fotografie lässt sich nicht nur auf die ästhetische Dimension zurückführen, sondern auch auf die zunehmende Sehnsucht nach Authentizität und dem Bedürfnis, in einer übertechnisierten Welt emotionale Erfahrungen zu machen – und gleichzeitig auch aktuellste Debatten über die Veränderung der Landschaft im Zuge von Klima- und Strukturwandel in Bilder zu gießen.
Der Landstrich der Mecklenburgischen Seenplatte, von der letzten Eiszeit geformt, scheint mit seiner dünnen Besiedelung besonders geeignet dafür. Denn hier stört kein Mensch. Es sind ungemein ruhige Bilder, die der Fotograf hier findet. Wie klingen sie in uns? Erhaben oder verloren? Es ist schwer, das zu entscheiden. „Je nachdem, wie man das sehen mag …“, so der Fotograf.
Beim Blättern in diesem Buch denken wir: Es ist nicht so, dass wir die Natur jetzt neu sehen. Doch darum scheint es hier auch nicht zu gehen. Die seit 2021 entstehenden Bilder formen sich zu einer umfassenden fotografischen Bestandsaufnahme eines eng abgesteckten Areals einer Agrarlandschaft. „Die Verheerungen, die die industrielle Landwirtschaft mit Auswirkungen wie dem massiven Rückgang der Bodendiversität und der Eutrophierung von Gewässern nach wie vor anrichtet, sind auf den ersten Blick kaum zu erkennen“, schreibt Hans-Christian Schink in seinem Buchbeitrag.
Es formuliert sich hier, behutsam, tastend, eine Frage. Worin besteht das Wesen einer Landschaft? Das fragt Schink in diesem Buch. Und er antwortet in seiner ganz eigenen Weise, in einer Mischung aus Sachlichkeit und Sensibilität, Lakonie und Konzentration.
In gewisser Weise führen die neuen Bilder auch ganz weit zurück, nämlich zu seiner Serie „Verkehrsprojekte Deutsche Einheit“, in der er Straßen- und Eisenbahnbauten in den neuen Bundesländern dokumentierte. Das Aufeinandertreffen von Zivilisation und Natur ist bis heute sein Thema geblieben. Mit diesem Thema reiste er durch die ganze Welt – um nun die Spuren des Menschen bei sich zuhause, direkt am Wegesrand, direkt „Am Weg“ zu finden.
04.08.2026 |
| Marc Peschke |
Hans-Christian Schink | Am Weg. Kolbe, Uwe. Fotos von Schink, Hans-Christian. 204 S. 30 x 24 cm. Hartmann Projects Verlag. Stuttgart 2026. EUR 55,00.
ISBN 978-3-96070-130-9
|
|
|
| |
|
|