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Dieter Appelt

Ein nackter Mann im Marmorstaub
Dieter Appelt: Gerhard-Altenbourg-Preis 2025

Es ist die Suche nach Verschmelzung mit der Natur, die den 1935 geborenen Berliner Künstler Dieter Appelt seit seinen Anfängen begleitet. Nach einem Studium bei Heinz Hajek-Halke an der Hochschule der Bildenden Künste in Berlin entstanden seit den siebziger Jahren Schwarzweißkompositionen, die den Menschen in seiner kläglichen, tierischen Existenz einfingen: alleine in der Natur, asketisch-nackt zwischen Steinen und Schmutz, bandagiert oder in archaische, magisch anmutende Holzinstrumente eingepfercht.

Je länger man mit den Bildern Appelts verweilt, desto beunruhigender wirken sie auf den Betrachter. Es scheint, als rühre der Fotograf an tiefere, mythische Schichten des Mensch-Seins: solche, die vom Leiden, von der Einsamkeit, von der Sehnsucht nach einem Ursprung und auch vom Tod berichten.

Doch es sind die fotografischen Techniken Appelts, auch die nachgerade klassische Bildästhetik, die jene Arbeiten davor schützen, in existentiellem Pathos und Schmerz zu versinken. Auch die Einflüsse seines Lehrers müssen prägend gewesen sein, denn Hajek-Halke war ein Meister fotografischer Manipulationstechniken. Vor allem Montageverfahren, Schichtungen, Spiegelungen und Mehrfachbelichtungen, allesamt Garanten für das Sichtbarmachen des Zeitlichen in der Fotografie, wurden von Appelt immer wieder in den Arbeitsprozess aufgenommen.

So entstanden Fotografien, meistens Serien, Sequenzen, aber auch Zeichnungen, Objekte und Filme, die geradewegs aus dem Unterbewusstsein zu stammen scheinen. Und nahezu selbstverständlich gerät beim Betrachten ein anderer Visionär in den Sinn, Joseph Beuys, dessen Diktum „Die Materie erreicht man nur, wenn man den Tod erreicht“ auch von Dieter Appelt stammen könnte.

Dieter Appelt ist, das kann man rückblickend sagen, stets ein Künstler geblieben, dessen Werk in Deutschland, anders als im Ausland, weniger Beachtung gefunden hat, als man denken könnte. Denn Appelt, der in jungen Jahren auch ein Gesangsstudium absolviert und als Sänger im Chor der Deutschen Oper Berlin gearbeitet hatte, war auch als Hochschullehrer von Einfluss. Seit 1982 prägte Appelt das künstlerische Denken seiner Schülerinnen und Schüler als Professor für Film, Video und Fotografie an der HdK Berlin und wurde gerade in der Hochzeit des Erfolgs der Düsseldorfer Becher-Schule zu einer faszinierenden Gegenfigur.

Sein so düsteres Werk erzählt von der Dunkelheit der Räume, von der Reduktion, vom Geheimnis: Appelt ist der Mann, der sich mit schwarzen Schnüren umwickelt hat, der viele Stunden lang in einem Turm aus Ästen im Iseo-See verharrte, ein nackter Mann im Marmorstaub, dessen Serien wie „Der Fleck auf dem Spiegel, den der Atemhauch schafft“ Gleichnisse sind, Zeitlichkeit reflektieren, Leben und Kunst vereinen und die Natur als einen magischen Raum begreifen.

„Ich möchte in einem Bild die Zeit demaskieren“, so hat es Appelt einmal ausgedrückt, der Fotografie stets als eine Möglichkeit verstanden hat, die Wahrnehmung zu erweitern. „Wie nur wenige fotografierende Zeitgenossen (eher waren es noch die Pioniere und die Experimentatoren der Zwanziger) begreift Dieter Appelt …das Medium als ein bildschöpferisches, bei der sich die Kamera der Außenwelt gleichsam als Gestaltungsmittel bedient“, hat Michael Nungesser anlässlich einer Ausstellung in der Berliner Galerie Springer schon im Jahr 1991 im „Kunstforum“ über Dieter Appelt geschrieben.

Der jetzt erschienene Band erscheint anlässlich einer Ausstellung im Lindenau-Museum Altenburg, das Dieter Appelt mit dem Gerhard-Altenbourg-Preis 2025 für sein Lebenswerk geehrt hat, der bedeutendsten Thüringer Kunstauszeichnung. Die vorliegende Publikation vermittelt einen umfassenden und profunden Einblick in Appelts künstlerischen Werdegang und dokumentiert neben wichtigen Aktionen und großformatigen, oft seriellen Fotoarbeiten und Filmen auch neue Zeichnungen und Objekte aus dem OEuvre des Künstlers, das stark auch durch die Zusammenarbeit mit seiner Frau Hanna Appelt geprägt wurde. Die Textbeiträge stammen von Roland Krischke, Benjamin Rux, Michel Frizot und Angela Lammert. Die Ausstellung ist noch bis zum 2. November im Lindenau-Museum in Altenburg zu sehen.

29.04.2026
Marc Peschke
Dieter Appelt. Gerhard-Altenbourg-Preis 2025. Beitr.: Frizot, Michel; Krischke, Roland; Lammert, Angela; Rux, Benjamin. Englisch; Deutsch. 152 S. 29 x 22 cm. Kerber Verlag, Berlin 2025. EUR 38,00. CHF 49,40
ISBN 978-3-7356-1054-6
 
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