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Verbietet das Bauen!

Steile Thesen sind gut für`s Geschäft. Aber sie können auch dazu führen, dass man neu über bekannte Zusammenhänge nachdenkt. Je länger man über das nachdenkt, was Daniel Fuhrhop hier zum zweiten, erweiterten Male darlegt, umso eher merkt man: Die These ist gar nicht steil – sie arbeitet einfach nur den Kern einer Debatte heraus, um den gern herumgeschlichen wird, ohne ihn recht zu benennen – und benennt ihn dann auch wieder nicht richtig.
Bauen ist – wie könnte es anders sein – kapitalgetrieben. Es ist ein Markt und zwar von erheblichen Ausmaßen. Denn er umfasst nicht nur die ausführenden Gewerke, sondern auch den Grundstückshandel, die Zuliefer- und Baustoffindustrie usf. Aber eben auch den Staat, der auf jeder Station der Verwertungskette abkassiert und heftig mitmischt: Wo es um Grundstücke geht als Spekulant. Wo es um die Grundstückserschließung durch Infrastruktur geht als Auftraggeber. Wo es um die Bauindustrie geht als Subventionsgeber. Wo es um die Rahmenbedingungen (Flächenfraß, Versieglung, Enteignung) geht als Gesetzgeber. Und sonst natürlich als Steuereintreiber auf allen Ebenen. Der Staat ist in dieser Debatte hier also keineswegs neutral. Und er ist zusätzlich noch – Bund, Länder, Kommunen – gespalten. Er ist sich selbst Konkurrenz und auf den verschiedenen Stationen der Verwertungskette auch in sich widersprüchlich und kontraproduktiv.
Konsequenterweise ist natürlich auch die Debatte um das Bauen von Argumenten pro und kontra Marktlogik bestimmt. Wenn wir über die Fehlstellungen des „Systems Bau“ diskutieren adressieren wir folgerichtig (aber meist nur implizit) das „System Staat“ und das „System Marktwirtschaft“ - und wir adressieren auch das Problem, dass statistische Erhebungen zwar Kapitalakkumulation und -umwälzung listen, nicht aber deren konkreten Mehr- oder Minderwert auf die Gesellschaft als Ganzes (obwohl sich der Faktor „menschliches Wohlempfinden“ beim Wohnen, Leben, Arbeiten zwingend aufdrängt).

Genau hier hätte ich mir von Daniel Fuhrhop mehr und tiefergehendes gewünscht. Denn er macht zunächst einmal etwas wunderbar intelligentes: Er zeigt auf, dass die Argumentationen im heutigen Baudiskurs meist verkürzt geführt werden. Etwa, wenn es um die angebliche Energieersparnis von neuen Öko-Häusern geht, aber die „graue Energie“ bei der Produktion von neuem Raum einfach außen vor gelassen wird, damit das „Passivhaus“ günstiger dasteht, als der für dieses abgerissene ungedämmte Altbau (dessen „graue Energie“ sich aber über die vielleicht 80 Jahre seiner Existenz gerade zu amortisieren beginnt).
Fuhrhop zeigt auf diese und ähnliche Weise sehr anschaulich, warum eine intellektuelle Kehrtwende – gefolgt von der gesetzgeberischen und wirtschaftlichen – rund ums Bauen absolut zentral ist. Hier hätte Fuhrhop aber, statt Beispiel an Beispiel zu reihen, eher eingehender argumentieren und sich mehr Raum lassen sollen, seine guten Gedanken zu Ende zu entwickeln. Bisweilen ist man auch irritiert, weil die Aussagen isoliert stehen: ein Eigentümermarkt sei unsozialer als ein Mietermarkt, heißt es an einer Stelle – hier hätte ein Vergleich zwischen Immobilienmärkten in Deutschland (Mietermarkt) und England (Käufermarkt) vielleicht eine Differenzierung zugelassen, vielleicht gar, ich weiß es nicht, andere als die doch etwas pauschale Schlußfolgerung. Auch kleine Fehler hätte man durchaus ausmerzen können. So tauchen unterschiedliche Zahlen des täglichen bundesdeutschen Flächenfraßes auf (60, 70 und 73 ha/d). Und Jochen Vogel war natürlich nie „Bürgermeister“ von Berlin, zumal es dieses Amt in der Hauptstadt auch gar nicht gibt.
Nochmal: Dieses Buch ist wichtig und es benennt entscheidende Punkte, die bei einer Debatte aus dem „Weltinnenraum“ des Baudiskurses notwendigerweise, ja absichtsvoll übersehen werden. Ich hätte mir aber gewünscht, Fuhrhop hätte diese Diskursparallele, gegen die er ja selbst so wunderbar engagiert anschreibt, auch explizit herausgearbeitet und dann auf einer höheren Ebene anhand der Verknüpfung mit der Marktlogik zu einer grundsätzlichen Systemkritik verbunden. Denn Fakt ist: Wer gegen das Bauen ist ist gegen den Kapitalismus. Und da haben natürlich viele Autoren, sie mögen noch so profiliert sein, Angst, die Hosen runterzulassen: Weil man auf der ideologischen Ebene angegriffen und verbrannt wird. Aber die sechs Sätze, die Fuhrhop am Schluß seines Textes für die größeren wirtschaftlichen Zusammenhänge übrig hat – tja, die sind halt zu wenig. Denn hier wäre es eigentlich erst losgegangen. Denn als Ganzes hätte das „Verbietet das Bauen“-Konzept erst überzeugt, wenn es Fuhrhop ums Ganze und er aufs Ganze gegangen wäre. Chance vertan – die Zweite!, möchte man rufen. Das ist doppelt ärgerlich, denn er bräuchte nicht einmal Angst zu haben, als Ideologe gebrandmarkt zu werden. Er bringt so viele vernünftige Argumente für ein Umdenken hervor, zeigt so viele (im kleinen erprobte und erkämpfte) Alternativen zu gängigen Praxis auf, dass er pauschale Ideologisierungen schnell entkräften kann.
Ans Ende seines Buches stellt Fuhrhop einen praktischen Anhang, wo es zB. darum geht, dass wir alle (die wir in den letzten Jahrzehnten immer mehr Fläche verbrauchen, derzeit rund 45 qm pro Nase) eine „Bauwende“ einleiten können. Hier hätte für die Neuauflage mehr aktuelle Forschungen und Initiativen einbezogen werden können (etwa das Projekt „Grenzen des Bauens“ der Uni Braunschweig oder die aktuelle Petition der Architects for Future und den politischen Vorstoß des Bundes Deutscher Architekten „Das Haus der Erde“) - denn seit Fuhrhops Buch 2015 erstmals erschien ist einiges angestoßen worden.
Und wo wir aber über Wirtschaft und Gesetz sprechen: hier hätte ich mir noch ein paar konkretere, härtere Vorschläge gewünscht. Es ist, das zeigt Fuhrhop in seinen Ausführungen immer wieder, bürgerschaftliches Engagement, das Gesetzgeber und Verwaltung zum Handeln zwingt. An dieser Stelle müssen wir alle stärker ansetzen: Vernetzung, rechtliche Bildung, politische Ermächtigung, Austausch. Das steht auch im Buch. Aber gleichzeitig erscheint Fuhrhops Idee, den Einzelnen stärker ins Gebet zu nehmen, er soll doch mal seine Wohnung entrümpeln und sich kleiner setzen, doch recht solipsistisch. Stattdessen doch eher: breite Solidarität. Nehmen wir also die Neuauflage dieses spannenden Manisfests zum Anlaß, die Debatte um das Bauen und seine konstruierten (!) Zwänge und Notwendigkeit in eine neue Runde zu führen. Auf dass sie Konsequenzen zeitige.

05.02.2021
Christian Welzbacher
Verbietet das Bauen!. Streitschrift gegen Spekulation, Abriss und Flächenfraß. Fuhrhop, Daniel. Deutsch. 224 S. 20,5 x 13,0 cm. Oekom Verlag, München 2020. EUR 15,00.
ISBN 978-3-96238-194-3
 
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