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Archaeology and Geology of Ancient Egyptian Stones

Bis heute beeindrucken den Museumsbesucher die fein und formvollendet geschliffenen Steingefäße der alten Ägypter: In den Vitrinen können grazil und geschwungen gearbeitete Gefäße und vor allem solche, die Pflanzen oder Tiere imitieren bewundert werden. Der Besucher wird dabei häufig Materialbeschreibungen wie etwa Alabaster oder Schiefer lesen, die jedoch den geologisch geschulten Betrachter stutzig machen. Wie auch in vielen anderen Archäologien hat die Bestimmung von Gesteinsmaterialien ihre eigenen terminologischen Blüten getrieben. So haben sich Begriffe, wie eben Alabaster und Schiefer, die zwar geologische falsche Bestimmungen darstellen, längst in den archäologisch-ägyptologischen Sprachgebrauch etabliert und werden somit – leider muss man sagen – auch unkritisch weitergeführt. Dies mag auch deswegen verwundern, als dass es nicht an entsprechenden naturwissenschaftlichen Arbeiten innerhalb der Ägyptologie fehlt. Allen voran sind hierbei unzweifelhaft die Publikation des Ehepaars Dietrich und Rosemarie Klemm zu nennen, die einen geologischen Survey in Ägypten durchgeführt haben und ein bis heute wichtiges Standardwerk für die Ägyptologie geschrieben haben – in deutsch bereits 1993 – in englischer Sprache 2008 erschienen. Das Besondere an dem Werk war schon damals ein sehr pragmatischer Umgang, der den meisten Ägyptologen ein besonderes Kompendium mit guten Farbfotografien, Karten und Erklärungen sowie Beschreibungen der einzelnen Fundstellen und Abbaustellen in Ägypten an die Hand gab. Warum nun also, möchte man fragen, die Notwendigkeit eines weiteren solchen Buches?
2024 hat der amerikanische Geologieprofessor James A. Harrell von der Toledo-University in der Reihe Archaeopress Egyptology nun ebenfalls ein zweibändiges Handbuch zur Geologie und geologischen Bestimmung vorgelegt. Ähnlich wie D. und R. Klemm richtet sich die Publikation sowohl an den geologisch interessierten Archäologen als auch den interessierten Laien, die hier gleichermaßen ein detailliertes und gut aufbereitetes Handbuch zur Thematik präsentiert bekommen. In den ersten beiden Kapiteln werden vor allem die geologischen Fachtermini und Definitionen (Minerale vs. Gesteine) geklärt und ein guter Überblick über die geologische Entstehung Ägyptens (Kapitel 3) geliefert. Besonders hilfreich dürften die guten tabellarischen Übersichten sein, wie sie etwa für die einzelnen Minerale gegeben werden (S. 12–18). Vor allem der Laie wird von den detaillierten geologischen Deskriptionen profitieren. In Kapiteln 4 und 5 stellt der Autor einzelne Abbau- und Bearbeitungstechniken von Hartgestein und weicheren Gesteinen vor. Verschiedene Techniken, darunter das Sägen und Meißeln werden nicht nur deskriptiv gut erfasst, sondern auch mit anschaulichen Beispielen bebildert. Kapitel 6 ist dem Transport der Gesteine – häufig mittels Holzschlitten und mit Booten – gewidmet.
Ab Kapitel 7 wird dem Leser eine gute Übersicht über die wichtigsten Gesteine und Minerale gegeben. Begonnen wird mit den „building stones“, also jenen, die für den Bau der Monumente im alten Ägypten im Fokus standen. Detailliertes Kartenmaterial sowie Tabellen informieren eindrücklich über die wichtigsten Fakten und Unterschiede der einzelnen Gesteinsvarietäten, angefangen mit dem Kalkstein (Kapitel 8) und Sandstein (Kapitel 9), die sehr umfangreich präsentiert werden. In Kapitel 10 schließlich werden zusammenfassend weitere Gesteine wie etwa Anhydrit, Gips und weitere zum Bau verwendete Gesteinsarten besprochen. Ab Kapitel 11 beginnt der III. Teil des Bandes, der sich schließlich den sogenannten „utilitarian stones“ – Steine für weiteren Gebrauch (jenseits des Bauwesens) widmet. Hier finden nun die Gesteine Besprechung, die zur Fertigung von Kleinkunst und Werkzeugen Verwendung fanden: Hierunter der im Englischen als ‚Chert‘ benannte den Stein, der in der deutschen Diskussion zwischen Hornstein und Feuerstein changiert – während definitorisch korrekt eigentlich von einem Hornstein bei den ägyptischen Lagerstätten zu sprechen wäre. Im letzten Kapitel 13 werden schließlich „weiche Gesteine“ wie etwa Steatit, Tone und Tonsteine usw. besprochen.
Im IV. Teil werden die „ornamental stones“, darunter Travertine und Carbonat-Gesteine, Silifizierter Sandstein und in den folgenden Kapiteln Metamorphe Gesteine (Kapitel 17: Niltal; 18: Westwüste; 19: Ostwüste; 20: Ostwüste ab römischer Zeit) besprochen. Abgesehen von der Terminologie für das, in der Ägyptologie häufig falsch als „Alabaster“ bezeichnete Gestein, überrascht sicherlich die Einteilung der einzelnen Gesteine bei J. A. Harrell, die sich von der klassisch geologischen Differenzierung (grob in Sediment-, Vulkan- und Metamorphe Gesteine) unterscheidet und zunächst eine schnelle Orientierung erschwert. Vielmehr werden vom Autor andere Kriterien wie etwa die Verwendung und chronologische Aspekte herangezogen.
Ein kurzer Ausblick sei an dieser Stelle zur Bezeichnung Travertin gestattet – eines der Gesteine, die wohl auch vom Laien am einfachsten und mit bloßem Auge richtig zu bestimmen sind, das aber gleichwohl terminologisch ein geologisches Problem darstellt. Bereits 1990 hatte J. A. Harrell den Vorschlag in die ägyptologische Literatur eingebracht, das seit über hundert Jahren falsch als „Alabaster“ bezeichnete Material als Travertin zu bezeichnen. Während vor allem die englischsprachige Ägyptologie diesen Ansatz dankbar annahm (z. B. Aston, Stone vessels, 2004), regte sich durchaus auch Widerstand aus den Reihen der Geologie. Darunter auch die beiden deutschen Forscher R. und D. Klemm, die die Bezeichnung „Travertin“ als geologisch nicht gänzlich korrekt ansehen. Vielmehr machten sie einen pragmatischen Vorschlag, der seither vor allem in der deutschsprachigen Ägyptologie dominiert – nämlich das Gestein mit dem Terminus Technicus „Calcit-Alabaster“ zu bezeichnen und somit auch dem alten traditionellen Begriff Rechnung zu tragen (Klemm/Klemm, in: GM 122, 1991; Klemm/Klemm, Gesteine und Steinbrüche, 1993; Klemm/Klemm, Stones and Quarries, 2008).
Mit Kapitel 22 beginnt schließlich der V. Teil des Bandes, der den klassischen Schmucksteinen, wie etwa dem Chalcedon etc. gewidmet ist. Dieser und der letzte Teil des zweibändigen Werkes (Teil VI. Metalle) geht über die anfangs genannte Publikation von Klemm und Klemm hinaus und stellt somit auch eine ganz wesentliche Bereicherung dar. Vor allem die Metalllagerstätten Ägyptens sind bislang noch unzureichend dokumentiert und sind erst in letzter Zeit erneut verstärkt in den wissenschaftlichen Fokus wie etwa Martin Odler geraten. Während sich die bisherige Forschung jedoch von den Legierungen der Objekte ausgeht, wird hier erstmals eine gute Zusammenstellung aller bislang verfügbaren Informationen zu den Lagerstätten selbst vorgelegt.
Der Band schließt mit einer ausführlichen Bibliographie, die es sowohl dem Laien als auch Wissenschaftler erlaubt, schnell die weiterführende Literatur zu überblicken und detaillierter in die Diskussion einzutauchen. Einen Wermutstropfen stellen jedoch die vielen Tippfehler dar, die sich vor allem in der Nennung der deutschsprachigen Literatur eingeschlichen haben und die sicherlich ein besseres Korrektorat hätte verhindern können.
Wenngleich durch den großartigen Band von Klemm und Klemm für die Ägyptologie bereits ein sehr gutes Überblickswerk zur Geologie Ägyptens vorliegt, wird jeder interessierte Leser und Wissenschaftler, der sich mit der Thematik ernsthaft und näher auseinandersetzen möchte, an diesem Werk nicht vorbeikommen. Dem Leser werden neues und detailliertes Kartenmaterial, Fotografien von Werkzeugspuren, Werkzeuge, die der
Autor während seines eigenen Surveys durch Ägypten gesammelt hat, präsentiert. Die beiden Bände sind dabei sehr übersichtlich gestaltet, so dass sowohl der Wissenschaftler als auch interessierte Laie einen schnellen und guten Überblick erhält. Neben den einzelnen Lagerstätten und den hier gefundenen Charakteristika der Gesteine wird stets auch auf archäologische Besonderheiten sowie weiterführende Literatur verwiesen.

31.12.2025
Robert Kuhn, Berlin
Archaeology and Geology of Ancient Egyptian Stones, James A. Harrell, 570 S., 20 x 29 cm, Englisch, 2 volumes. Archaeopress Egyptology 49, Oxford 2024 Archaeopress Verlag UK Bicester 2024. 161,98 EUR
ISBN 978-1-80327-581-9
 
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