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Dinosaurierfragmente

Es ist unzweifelhaft das bekannteste Exponat des Berliner Naturkundemuseums, das aller Welt als Brachiosaurus brancai bekannte Skelett, das mit seinen in der Ausstellung präsentierten Höhe von 13,27 m zu einem der höchsten rekonstruierten und ausgestellten Dinosaurierskeletten weltweit zählt. Doch wo eigentlich wurden die Knochen des Tieres entdeckt, in welcher Zeit, zu welchen Umständen? Was bedeuten diese Fundumstände auch für seit den 1980er und verstärkt 2000er Jahren immer wieder geforderten Restitution der Funde? Viele dieser Fragen, die, so das Fazit der Autorengruppe, bislang auch im Museum selbst nur unzureichend an den Besucher herangetragen werden, stehen im Fokus des Ende 2018 erschienen Buches, das eine neue Sicht auf das vielbeachtete und sagenumwobene Skelett erlaubt. Die Forschungsgruppe um I. Heumann vom Naturkundemuseum in Berlin erforschte mehrere Jahre lang die Akten und verbliebenen Archivunterlagen, um so einen wirklich hochinteressanten Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte sowie unterschiedliche Deutungsansätze zum berühmten Brachiosaurus zu präsentieren. Dabei fand sie die Unterstützung des Historikers H. Stoecker, des Wissenschaftshistorikers M. Tamborini, der Kulturwissenschaftlerin M. Vennen sowie des Biologen M. Ohl. In sechs Oberkapiteln nähern sich die Autoren exemplarisch einzelnen Aspekten des Urtieres: Aneignen – Mobilisieren – Konkurrieren – Konstruieren – Verwerten – Gespräch.

Die Geschichte beginnt im heutigen Tanzania, der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika, wo ein kleines Team unter Leitung des vom Naturkundemuseum in Berlin bestellten Paläontologen Werner Janesch und seinem Assistenten Edwin Hennig zwischen 1909 und 1913 auf einem Gebiet von ca. 80 km² am Tendaguru eine Fundstelle ausgruben, auf der bereits 1908 erstmals urzeitliche Fossilien entdeckt worden waren. Mit „Aneignen“ ist das erste Kapitel überschrieben und wendet sich dem Hintergrund der Expedition und seiner Vorgeschichte zu, die in die Zeit des deutschen Kolonialismus führt, in eine Region in der kurz zuvor der Maji-Maji-Krieg (1905–1907) tobte, der mit dem Sieg der deutschen Besatzer und der einer traurigen Opferbilanz ca. 200.000–300.000 Opfern von auf Seiten der Einheimischen endete. Auf der Suche nach Rohstoffen stießen Mitarbeiter der Lindi-Schürfgesellschaft auf die Überreste riesiger Knochen, die sich recht schnell als Fossilien ausgestorbener Arten, darunter Dinosaurier entpuppten. Nachdem das Gebiet unter Anwesenheit von Repräsentanten der Einheimischen zu Kronland deklariert worden war (S. 39) und die nötigen Gelder unter Federführung von Wilhelm von Branca, Direktor des Berliner Museums gesammelt waren, konnte eine Forschungsexpedition entsandt werden. Das Ergebnis dieser spannenden Expedition (1909–1913) sind ca. 225 t an fossilem Material, verpackt in ca. 800 Transportkisten (S. 167), dass nach Berlin geschickt worden war, um es hier sukzessive aufzuarbeiten, zu erforschen und dem Publikum im Rahmen der Ausstellung zugänglich zu machen. Eine Aufgabe, die – auch aufgrund der beiden Weltkriege – bis heute nicht gänzlich erfüllt und abgeschlossen werden konnte. Wenngleich sich unter den ausgegrabenen Urtieren bei weitem mehr ausgestorbene Lebewesen befanden, so lag doch von Beginn an der Fokus der Erforschung auf den größten Vertretern, den Exemplaren des Brachiosaurus, oder, wie er seit 2009 wissenschaftlich korrekt anzusprechen ist: Giraffatitan (S. 243).
Neben Einzelaspekten der Expeditionsdokumentation, wie etwa der Fotodokumentation (S. 56–75), erhält der Leser einen detaillierten Einblick in die professionelle und von Anfang an gesteuerte Suche nach Spenden und Sponsoren für das Projekt (Beitrag „Mobilisieren“, S. 78–121), welches freilich ganz im Sinne seiner Zeit als „nationale Ehrenpflicht“ gesehen worden ist (S. 85) sowie die Vermarktung der Funde und seiner Entdeckung. Wenngleich gerade letzter Aspekt aus der heutigen Präsentation im Museum nahezu verschwunden ist, so war er doch gerade zur Zeit der Expedition höchst präsent. So wurden Briefe der beiden vor Ort arbeitenden Wissenschaftler bewusst in Presse und Fachmagazinen publiziert um zum einen zu informieren und den Verpflichtungen gegenüber den Geldgebern gerecht zu werden, zum anderen aber auch die Überlegenheit im internationalen Rennen um entsprechend wertvolle Ausstellungsstücke sowie die Bedeutung der deutschen Wissenschaft herauszuarbeiten. Anfang der 1900er Jahre herrscht ein Klima der Konkurrenz, das gerne als „scramble for dinosaurs“ (S. 25–26), also als Wettlauf um die neuesten Errungenschaften und Funde beschrieben wird. Befeuert wurde dies freilich auch gerade unter Nutzung und Erscheinen nicht-wissenschaftlich ausgerichteter Medien wie etwa Romanen und Filmen, die jedoch einen ganz wesentlichen Anteil an der Verbreitung und der Kreation eines wahren Hypes auf Urzeitwesen hatten: So wird beispielsweise im Beitrag „Auf Dinosaurierjagd“ (S. 208–229) eindrucksvoll beschrieben wie nicht nur die Filmindustrie die Nähe und Unterstützung der Wissenschaftler werbeträchtig nutzte, sondern auch umgekehrt durchaus ein Nutzen für die Wissenschaft gezogen werden konnte. Zu diesem Aspekt gehören letztlich neben den Ausstellungen in den Naturkundemuseen weltweit auch erste Themenparks, begonnen mit dem Crystal Palace Parks 1854 und den deutschen Dino-Park in Stellingen bei Hamburg, der 1908 eröffnete. All dies führte schließlich zu einer Popularisierung, damit verbunden aber auch Kommerzialisierung der Paläontologie (S. 229).
Dieser öffentlichen Begeisterung an der Wissenschaft stand interessanterweise eine völlig andere und nüchterne Situation von Personal-, Material- und Platzmangel entgegen, als die Fossilienreste in Berlin ankamen. Das Expeditionsmaterial musste bearbeitet, präpariert und erforscht werden. Viele der Fossilien stellten keine vollständigen erhaltenen Exemplare dar – die einzelnen Knochen mussten in zeitaufwendiger Detailarbeit beschrieben, gezeichnet, bestimmt und verglichen werden, um letztlich ihre Art zu bezeichnen und nicht zuletzt eine Rekonstruktion zu erstellen (S. 197ff). Damit verbunden war auch die Installation einiger der fertig präparierten Skelette in einem viel zu kleinem Haus. Letztlich führt dies dazu, dass das Skelett des Giraffatitan erst 1937 im Lichthof des Museums aufgestellt und von den Besuchern bestaunt werden konnte, wo er bis heute seine Besucher empfängt.
Der vorletzte Abschnitt des Buches beschäftigt sich schließlich mit dem hochaktuellen und in den Medien der letzten Jahre kontrovers diskutierten Aspekt der Frage nach Provenienz und Restitution. Zunächst waren die Knochen ganz im Zeitgeist des Kolonialismus als „koloniale Trophäen“ (S. 256–257) auf „deutschem Boden“ und somit vom Epitheton „Deutsch-Ostafrika“ begleitet. Dies rückte aber bereits zur Zeit des Nationalsozialismus, wenngleich man weiterhin auf das Erbe des Kolonialismus verwies, in den Hintergrund. Während der DDR-Zeit waren die Knochen vom Tendaguru sogar nahezu völlig entpolitisiert (S. 261) indem jegliche Angaben, die auf die einstige Provenienz hinwiesen aus der Ausstellung getilgt wurden. Verhältnismäßig spät werden erst in den Jahren ab 1987 Forderungen von Tanzania laut, die zum einen auf den Kolonialismus zum anderen aber auch das Fehlen entsprechender Funde im dortigen Museum abhebt. Seither haben sich daher auch die Bemühungen nach Unterstützung von deutscher Seite verstärkt. So wurde u. a. ein Kooperationsprojekt, die German-Tanzanian Tendaguru Expedition 2000 ins Leben gerufen. Wenngleich der Außenminister von Tanzania bereits 2018 auf eine Restitution der Knochen öffentlich zu Gunsten einer verstärkten deutschen Unterstützung der Museen und Forschung vor Ort verzichtet hatte, regen sich auch hierzulande immer wieder Stimmen. In jedem Falle, und hier ist vor allem den Autoren des Bandes zuzustimmen, sollte in der zukünftigen Ausstellung im Naturkundemuseum ein größerer Fokus auf den Fundumständen und der Problematik der Provenienz liegen (S. 271). Dieser Aspekt ist den Forschern am Naturkundemuseum nur allzu bewusst, wie auch das den Band abschließende Gespräch mit der Kuratorin der Tendaguru-Sammlung, D. Schwarz, nahelegt und auf spannende Veränderungen im Hauptsaal der Ausstellung hoffen lässt.
Der Band ist ein rund um gelungenes Beispiel für die Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen und zeigt, dass die Beschäftigung mit den Altakten und die Arbeit in den Archiven durchaus einen neuen Blick auf vermeintlich längst erforschte Themen ermöglicht. Das Ergebnis ist ein ansprechend bebilderter und wichtiger Beitrag zur kulturgeschichtlichen Erforschung eines herausragenden Exponates, was bislang vorwiegend von paläontologischer Seite untersucht worden ist. Es sei daher auch jedem kulturwissenschaftlich Interessierten ans Herz gelegt, der keine ausgeprägte Dinosaurierbegeisterung verspürt.

03.05.2020
Robert Kuhn
Dinosaurierfragmente. Zur Geschichte der Tendaguru-Expedition und ihrer Objekte, 1906-2018. Heumann, Ina; Stoecker, Holger; Tamborini, Marco; Vennen, Mareike. Deutsch. 311 S. farb.. 25,0 x 22,0 cm. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. EUR 26,90.
ISBN 978-3-8353-3253-9
 
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