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Steinerne Keulenköpfe aus Assur

Für die vorliegende Publikation in der Reihe der Wissenschaftlichen Veröffentlichungen der Deutschen Orient-Gesellschaft konnte mit Barbara Muhle eine berufene Wissenschaftlerin gewonnen werden, die sich mit der Thematik der vorderasiatischen Keulenköpfe seit langer Zeit intensiv beschäftigt. Neben ihrer Magisterarbeit widmete sie sich auch in ihrer 2008 abgeschlossenen und online auf dem Server der Universität München publizierten Dissertation dem Sujet der Keule und ihrer Bedeutung in Vorderasien. Der vorliegende Band stellt eine Katalogarbeit dar, in der die Autorin 94 Keulen aus den archäologischen Befunden der Stadtgrabung von Assur im heutigen Irak vorstellt. Mit diesem Band wird daher im Zuge des Assur-Projektes das monumentale Werk der Fundaufarbeitung der Kleinfunde aus den Grabungen der DOG 1903–1914 vorangetrieben, deren Früchte u. a. auch in Form von ca. 45.000 Kleinfunden vorliegen, die durch Fundteilung nach Berlin kamen und noch immer sukzessive aufgearbeitet werden. Erfrischend am vorliegenden Band ist, dass er völlig ohne Schnörkel auskommt und stringent und klar geschrieben mit 9 Seiten Text und 20 Seiten Katalog auskommt: Einer kurzen Vorstellung des Problems und einer Einordnung der zu besprechenden Stücke als funktional gebrauchstüchtige Waffen im Gegensatz zu reinen Prunk- und Ritualobjekten (S. 2), der eine kurze Definition und Ansprache der Einzelbestandteile (S. 2) folgt, sowie die Frage der Datierung. Letztere gestaltet sich, wie bei dieser Materialklasse zu erwarten, als besonders schwierig, da die meisten der Formen äußerst langlebig sind. So sind die klassischen Keulenformen wie die birnenförmige Keule seit dem 4. Jt. v. Chr. im Umlauf und halten sich, ohne nennenswerte typologische Veränderungen zu erfahren, bis in das späte 1. Jt. v. Chr. Als wichtige Hinweise müssen daher – wie auch im vorliegenden Falle – der archäologische Kontext sowie weiterführende Informationen, darunter Inschriften auf den Objekten selbst, in Anspruch genommen werden.
Einen Hauptaspekt der Arbeit nimmt die typologische Einteilung in zwei Haupt- (kugel-/birnenförmig und mit gegliedertem Knauf) und mehrere Untertypen ein (S. 3–4). Kurz werden die Hauptcharakteristika für die Unterscheidung angesprochen und die jeweils vorliegende Datierung aufgrund archäologischer Kontexte vorgelegt. Als ein weiterer wichtiger Aspekt dienen freilich Objekte mit Inschriften, von denen im Korpus aus Assur 19 Keulenköpfe vorliegen. Diese sind vorwiegend Weiheinschriften an die Götter Nergal oder Assur, wobei auch eine Doppelstiftung im Falle von Kat.-Nr. 68 vorliegt, die bislang in der Forschung als singulär gelten muss. Bei vielen der hier vorgestellten beschrifteten Keulenköpfe handelt es sich allem Anschein nach um sogenannte Beutewaffen, also im Kriegszug erbeutete gegnerische Symbole der eigenen Überlegenheit, die entsprechend in den eigenen Tempeln zur Schau gestellt worden sind. Ein Großteil dieser Waffen befand sich im Tempelgebiet des Assur-Tempels oder im Zusammenhang mit dem Tabira-Tor, welches dem Kriegsgott Nergal geweiht war. Neben den Beutewaffen handelt es sich dabei auch um anscheinend direkt für die Weihung gefertigte Objekte, da einige der Keulenköpfe intentionell nicht durchbohrt und somit auch als Waffe kaum funktional waren – eine Interpretation als Halbfabrikate schließt die Autorin jedoch eindeutig aus (S. 6). Die Funktion der im weiteren Stadtgebiet gefundenen Keulenköpfe muss derweil offen bleiben. Neben einer profanen Verwendung (S. 6) denkt B. Muhle gleichsam an die Möglichkeit der Verschleppung aus einem originären Tempelkontext.
Abschließend geht die Autorin auf weitere textliche und bildliche Hinweise auf Weihungen und Funktionen von Keulen in Vorderasien in gebotener Kürze ein. Sie stellt dabei die Waffen als Ritualobjekte bei Götter- und Herrscherszenen heraus, betont aber zugleich die Bedeutung als funktionale Ausrüstungsgegenstände für die Soldaten (S. 7–8). Ein letzter Absatz ist der Frage nach der generellen Fundüberlieferung gewidmet. Hier wird nochmals klargestellt, wie selten Funde von Keulen im gesamten Untersuchungsgebiet eigentlich sind (S. 9) und darauf verwiesen, dass ein Großteil der Keulenköpfe wohl aus Metall gefertigt war, die Überlieferung der metallenen Belege aber noch seltener ist.
Es folgt ein knapper Katalog, der die einzelnen Keulenköpfe mit den wichtigsten relevanten Daten vorstellt und gegebenenfalls Inschriften in Transliteration und Übersetzung liefert. Der Band schließt mit einer Konkordanz und Literaturverzeichnis ab. Dem Text werden 20 in s/w gehaltene Tafeln gegenübergestellt, die, soweit im Museum noch vorhanden, auch neue Zeichnungen der einzelnen Objekte vorlegen, sowie Archivaufnahmen und Skizzen zu den einzelnen Fundobjekten präsentieren.
Es ist sicherlich begrüßenswert, dass der Band kurz und knapp gehalten die wichtigsten Informationen zur vorzustellenden Objektklasse bietet. Dies war auch gerade daher möglich, da die Autorin bereits eine umfangreiche und detaillierte Studie zum Thema verfasst hat und somit auf viele Selbstreferenzen verzichtete. Auf der anderen Seite hätte man sich vor allem in den Ausführungen zur Funktion und Bedeutung der Keulenköpfe bzw. Keulen gewünscht – denn, wie Muhle erwähnt, sind tatsächlich auch einige organische Reste, die auf Handhaben verweisen, erhalten. Dies hätte den Katalog sicher nicht unnötig aufgeblasen und auch für fachfremde Leser einfacher gemacht. Auf der anderen Seite besteht die Möglichkeit das Thema unproblematisch über die online-publizierte Dissertation der Autorin zu vertiefen. Des Weiteren wäre eine geeignetere Karte am Ende des Bandes mit den eingezeichneten Fundkontexten wünschenswert gewesen. So findet sich das im Text erwähnte und aufgrund der Kontexte so eminent wichtige Tabira-Tor (19 Keulenköpfe stammen von hier) beispielsweise im Plan nicht eindeutig verzeichnet. Des Weiteren ist sicherlich zu erwähnen, dass es im Rahmen der Publikation leider nicht möglich eine genauere Materialbestimmung der unterschiedlichen Gesteine vorzunehmen. Dies ist auch unter dem Aspekt bedauerlich, als dass über den Vergleich mit anderen Prestige-Objekten, wie etwa Steingefäßen, weitere wirtschaftliche und inhaltlich sich ergebende Fragestellungen zu diskutieren möglich gewesen wären. Diese kurzen Anmerkungen sollen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass B. Muhle eine sehr gute Materialvorlage geglückt ist, die die Basis für weitere Arbeiten vor allem in der Vorderasiatischen Archäologie darstellt.

22.01.2019
Robert Kuhn
Steinerne Keulenköpfe aus Assur. Wissenschaftliche Veröffentlichungen der Deutschen Orient-Gesellschaft (150). Muhle, Barbara. 52 S. 21 Abb,. 35 x 24 cm. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2018. EUR 48,00.
ISBN 978-3-447-06538-2   [Harrassowitz Verlag]
 
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