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Palaeolithic Pioneers

Sowohl die Ausbreitung der frühen Vertreter der Gattung Homo in die nordmediterranen Landschaften als auch ihre Dauerhaftigkeit in teils extremen Umweltbedingungen sind faszinierende, aber auch schwer verstandene Phänomene. Bereits Fragen nach räumlicher und zeitlicher Abfolge – wo, wann und wie frühpleistozäne Menschen diesen Raum betraten oder welche und wie viele Spezies im Verlauf hunderttausender Jahre hier existierten – lassen sich bislang kaum erfüllend beantworten. Das vorliegende paläoanthropologische Werk von M. J. Walker rückt nun die Frage in den Fokus, wie prähistorische Menschen vor der Ankunft des anatomisch modernen Menschen Homo sapiens im mediterranen Europa lebten. Welche Menschen stehen überhaupt hinter den archäologisch überlieferten Spuren? Welche klimatischen und landschaftlichen Bedingungen fanden sie vor und wie verstanden sie es, sich damit zu arrangieren? Wie interagierten sie mit ihrer Umwelt? Nicht die archäologischen und paläontologischen Funde stehen dabei im Vordergrund, sondern die aus ihnen ableitbaren Indizien auf Leistungsvermögen und Verhaltensweisen der frühen Menschen, beginnend mit den ersten Hinweisen auf Präsenz von Vertretern der Gattung Homo im Arbeitsgebiet und endend mit den Spuren des Neanderthalers Homo neanderthalensis.
Mit der zehn Kapitel und nur 116 Seiten Text, dabei 80 Seiten Literaturliste, umfassenden Publikation liegt eine inhaltlich schwergewichtige Arbeit vor, die sich ausdrücklich an das Fachpublikum richtet. Mit Ausnahme zweier Kartierungen kommt sie ohne visuelle Hilfsmittel aus. Der Leser muss seinerseits die viel gerühmte hohe kognitive Kapazität von Homo sapiens bemühen, da auf Übersichten zu verwendeten theoretischen Modellen, wie auch generell auf Zusammenfassungen der Kapitel verzichtet wird. Einzelne, zum Ende der Abhandlungen hin vermehrt auftretende Tippfehler (z. B. im Inhaltsverzeichnis Kapitel 6: Jatamillo statt Jaramillo) beeinträchtigen den Lesefluss nicht.
Die in Kapitel 1 erklärte Absicht des Werkes zielt auf eine Verknüpfung archäologischer Erkenntnisse von einzelnen Fundstellen mit denen naturwissenschaftlicher Disziplinen, um aus der Menge der kleinen Details Hinweise auf übergeordnete Muster abzuleiten. Das ist kein leichtes Unterfangen, beleuchten viele der oft nur kurz besuchten Fundstellen doch nur schlaglichtartig einen winzigen Ausschnitt einer sehr tiefen Vergangenheit. Zudem begegnen wir schon in diesem begrenzten Raum – das Arbeitsgebiet ist auf den Küstensaum bis zu 100 km landeinwärts beschränkt – mikroklimatisch großen Unterschieden, gleichwohl das Klima während der Eiszeiten tendenziell günstiger erscheint als in weiter inländisch gelegenen Gebieten. Technisch begrenzt ist auch der zeitliche Arbeitsrahmen mit der Spanne von 1,3 mio Jahren bis 50.000 Jahren vor heute. Hierdurch klammert M. J. Walker den Überschneidungszeitraum von Neanderthalern und anatomisch modernen Menschen Homo sapiens aus, um die Lebensweise der Neanderthaler unbeeinflusst von „modernem“ Verhalten betrachten zu können.
Nach einer Übersicht zu den wichtigsten Stationen und Errungenschaften der frühesten Menschheit vor 1,3 mio Jahren (Kapitel 2) wird der Leser in Kapitel 3 mit den anatomischen Eigenschaften der frühen Homo-Vertreter sowie Rekonstruktionen zu ihrer ontogenetischen Entwicklung und ihrer Lebensweise vertraut gemacht. M. J. Walker verweist auf am Schädel ersichtliche Weiterentwicklungen des Gehirns in Bereichen, die u.a. an der Bildung von Gedächtnis beteiligt sowie mit verbaler Kommunikationsfähigkeit assoziiert sind. Ein schneller abgeschlossenes körperliches Wachstum mit zeitigem Erreichen des Erwachsenenalters des frühpleistozänen Homo limitierte allerdings die Reifungszeit des Gehirns wohl auf die ersten 15 Lebensjahre statt bei heutigen Menschen 25 Jahre, was eine Begrenzung des kognitiven Vermögens auf den Stand eines heranwachsenden Kindes wahrscheinlich macht (S. 12). Paläoneurologischen Erkenntnissen zufolge soll u. a. auch der mit Gedächtnisfunktionen belegte Praecuneus bei archaischen Menschen wie dem Neanderthaler noch nicht in seiner heutigen Gestalt ausgeprägt gewesen sein, woraus eine geringere kognitive Leistungsfähigkeit gefolgert wird (S. 17). Je kleiner die anatomischen Unterschiede werden, desto mehr steht freilich zur Debatte, inwiefern ihre Auswirkungen in anderen Bereichen des Gehirns kompensiert und nach außen hin überhaupt als solche erkenntlich gewesen sein mögen. Um die Bedeutung der anatomischen Veränderungen interpretieren zu können, sind zahlreiche Verhaltensstudien mit Menschenaffen und menschlichen Probanden durchgeführt worden. Zu Recht äußert der Autor dabei Bedenken, daraus gewonnene Schlüsse unumschränkt auf fossile Menschenformen zu übertragen. Im archäologischen Kontext stehen jedoch oft nur steinerne Artefakte als Indizien zur Verfügung, aus deren Zusammenhang, Herstellungsweise und Verwendung Rückschlüsse auf kognitive Aspekte wie soziales Verhalten, Lernvermögen, Flexibilität, handwerkliches Geschick etc. abgeleitet werden müssen. Alldieweil findet M. J. Walker auch auf dem Feld der Steingeräteanalyse (Kapitel 4) reichlich Anlass zu Kritik. Mit deutlichen Worten warnt er vor einer durch vorgefertigte Ansichten beeinflussten Herangehensweise an solche Untersuchungen. Als Teil dieser kritisiert er Taxonomie-Systeme, in denen Artefakte nach hypothetischer Funktion (S. 26–27) geordnet werden, oft mit intuitiven Bezeichnungen belegt, wie z.B. Schaber, Ahle oder Stößel. Ähnlich wie funktionale Begrifflichkeiten die Bandbreite tatsächlicher Verwendungsmöglichkeiten unterschlagen, lässt das steife Korsett der grundsätzlich zwischen Kerngeräten (façonnage) und zur Herstellung von Abschlägen gedachten Kernen (débitage) unterscheidenden chaîne d’opératoire (S. 23) abweichende Herstellungsweisen oder für beide Bestimmungen hergestellte Stücke als atypisch oder unzuweisbar durch die Bewertung fallen. Auch die Erhebung von charakteristischen Leitformen zu unhinterfragten Unterscheidungskriterien archäologischer Gruppen oder gar menschlicher Entwicklungsstufen fällt in diese Problematik (S. 26). Angemessener für die Betrachtung der sehr unvollständig überlieferten und eine Menge Rätsel aufgebenden Natur altsteinzeitlicher, namentlich altpaläolithischer Fundstellen erachtet M. J. Walker einfache modale Modelle, von denen er J. Sheas Vorschlag der Unterscheidung von 9 übergeordneten technologischen Arbeitsweisen (modes A¬–I; S. 21–22) präferiert. Anleihen aus der Biologie manifestieren sich in J. Sheas mehr wie ein Bestimmungsschlüssel konzipierten Merkmalsliste, die über die Abfrage von „Vorhandensein“ und „Nicht-Vorhandensein“ von Attributen letztlich immer in einem homologen Unterscheidungskriterium mündet (und damit in einem „mode“), das von keiner anderen Arbeitsweise geteilt werden kann.
Immer in Vergegenwärtigung der in den vorangegangenen Kapiteln aufgezeigten Problematiken werden in Kapitel 5–8 die von den mediterranen Fundstellen vorliegenden Indizien vorgestellt: die älteren Belege nach paläomagnetischer Zeitskala und die auf die Matuyama-Brunhes-Umkehr vor rund 780.000 Jahren folgenden Belege nach klimatischen Zeitstufen geordnet. Besonders wertvoll sind die detaillierten Kenntnisse zu den Fundorten und ihrer Umgebung sowie die Berücksichtigung der Fundumstände bei den Ausgrabungen. Der Leser profitiert hier von der Erfahrung des Autoren aus der archäologischen Arbeit an Schlüsselfundstellen wie der Cueva Negra oder Sima de las Palomas in der Provinz Murcia, Spanien. Interpretationen sind höchst sensibel und sparsam vorgenommen worden. Erst im Abschluss des Werkes (Kapitel 10), wo die Frage auf das Schicksal der Neanderthaler kommt, treffen alle Indizien zu einer großen interpretativen Gesamtkomposition zusammen. An und für sich schlüssig findet M. J. Walker für den Niedergang der Neanderthaler wenige Anzeichen einer evolutionsbedingten Sackgasse und sieht den Untergang eher durch „hausgemachtes“ kulturelles Verhalten bedingt, hypothetisch etwa durch isolierte Lebensweise sehr kleiner Gemeinschaftsverbände etc. Aufgrund des Verzichtes auf Zusammenfassungen der einzelnen Kapitel wird der Weg zu diesem Schluss dem Leser schwerer nachvollziehbar oder zumindest sprunghaft erscheinen, wenn er die Diskussion der einzelnen Fundstellen nicht von den ältesten bis zu den jüngsten mitverfolgt und im Kopf präsent hat. Dessen ungeachtet hält das Buch eine fundamentierte und erfrischend kritische Zusammenstellung dessen bereit, was der aktuelle Forschungsstand an Indizien zu frühem menschlichen Agieren im nordmediterranen Küstengebiet zu bieten hat.

08.11.2017
Mirjam Mahn
Palaeolithic Pioneers. Behaviour, abilities, and activity of early Homo in European landscapes around the western Mediterranean basin. Michael J. Walker, 197 S. Archaeopress, Oxford 2017. EUR 27,50
ISBN 978-1-78491-620-6
 
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