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Real Estate - Histories of Architecture and Capital

Ausgehend von einer Zürcher Konferenz im Jahr 2022 versuchen die Beiträge des Bandes „Real Estate“ einen frischen Zugang zur Architekturgeschichte: Im Fokus stehen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Entstehung von Bauwerken. Wie der Titel des Buchs nahelegt, geht es vor allem: um Spekulation. Die oft komplexen Finanzierungsstrukturen etwa des „sozialen Wohnungsbaus“ sind also ausgeklammert – im Zentrum der Aufmerksamkeit liegt die private Immobilienwirtschaft.
Die fünfzehn Beiträge sind in vier Gruppen eingeteilt, jede Gruppe hat eine jeweils eigene Perspektive auf die Phänomene. Das verleiht den im Ganzen doch etwas diversen, unzusammenhängen Beiträgen zumindest eine gewisse Ordnung (wenngleich sich am Ende kein wirklich stringentes Gesamtbild formt, sondern viele Puzzlestückchen übrig bleiben, sowohl geographisch über die ganze Welt verstreut wie auch zeitlich extrem gespreizt, vom 18. bis ins 21. Jahrhundcrt).
Die erste Abteilung ist den „Finanzierern“ gewidmet. Da sind die Banken, die für sich selbst bauen und mit der Ausweitung des Finanzsektors im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer weiter expandieren. Da sind die Immobilientwickler, deren Business bis heute „männlich“ dominiert ist (wie die Autorinnen Amy Thomas und Sophie Schuller zeigen). Da ist die Finanzindustrie mit ihren Fonds und Anlageobjekten, die durch die Digitalisierung seit den 1980er Jahren regelrecht auf Speed gesetzt wurde (ein sehr schöner Text über das New Yorker World Financial Center).
Die zweite Abteilung kümmert sich um die „Entwickler“ und versammelt extrem verschiedene Player. Einerseits die Jesuiten im Turin des späten 18. Jahrhunderts, die durch Vermietung und Verpachtung ihre kirchenpolitischen Feldzüge finanzierten. Andererseits ein „Baulöwe“ wie Heinrich Mendelssohn, der im Berlin der 1920er Jahre Hochhausprojekte lancierte und mit Terrain spekulierte.
In der dritten Abteilung zeigen die Autoren dann, wie Architekten in ein kapitalgetriebenes Bauen eingebunden werden. Erwartungsgemäß wird hier nicht auf ästhetische oder menschliche Bedürfnisse hin entworfen, sondern kosteneffizient und flächenintensiv. Man hätte hier beliebige Beispiele aus der nächsten Nachbarschaft finden können, die Texte im Buch fokussieren auf die USA und Sierra Leone.
Die letzte Abteilung kümmert sich unter der Überschrift „Medienstrategie“ um das Marketing von Projekten. Das bietet noch einmal eine wichtige Erweiterung der Perspektive, da Bauten als „Ware“ auf einem „Markt“ auch entsprechend beworben werden: mit allen Lügen, falschen Emotionen und unhaltbaren Versprechungen, die dazugehören.
In fast allen Texten wird der Bezug von Privatwirtschaft zu Staat deutlich: Denn es sind ja die Staaten und ihre Gesetzgebung, die die Spekulation mit Land und Raum ermöglichen.
Wenngleich dem Band nicht gelingt, die Thesen der Einzelbeiträge soweit zu verallgemeinern, dass sich eine echte Entwicklung des Themas „Real Estate“ als Einflussfaktor auf die Architekturproduktion erkennen ließe, sind die Texte doch immer wieder anregend. Wer unter dem Gesichtspunkt „Follow the money“ auf Architektur und Stadt schaut wird ein erweitertes Verständnis für unsere gebaute Umwelt bekommen – und begreifen, dass die sozialpolitischen Probleme der ungleichen Verteilung von Raum und Ressourcen systemisch bedingt, ja systemisch gewollt sind.

03.10.2026
Christian Welzbacher
Real Estate. Histories of Architecture and Capital. Hrsg.: Astengo, Gregorio; Spina, Davide. Englisch. 320 S. 75 Abb. 22,4 x 14,5 cm. gta Verlag, Zürich 2026. EUR 34,00. CHF 34,00.
ISBN 978-3-85676-485-2
 
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