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Edvard Munch. Selbstporträt beim Wein |
„Selbstporträt beim Wein“ ist eines der herausragenden Bilder im Werk Edvard Munchs. Der Heidelberger Emeritus für Kunstgeschichte, Dietrich Schubert, stellt es ins Zentrum einer Monographie, die sehr viel mehr ist als nur die Untersuchung dieses einen Bildes. Er nimmt es als Scharnier für eine einleitende, umfassende Reflexion über die zentrale Rolle der Selbstporträts im Werk des Künstlers, begleitet von einem Exkurs zum „beseelten“ Porträt allgemein, wie er es nennt. Die malerische Wucht Munchs wird dabei durch hervorragende Abbildungen eindringlich vor Augen geführt. Im zweiten Teil verortet Schubert das Gemälde in der biographischen Phase des Malers.
In den Jahren vor 1906 durchlebte Munch seine tiefste Krise in einer existentiellen Amour fou, aus deren Folgen er sich malend und dem Alkohol entsagend herausarbeiten konnte. Das alles findet natürlich vor dem Hintergrund einer Gesellschaft statt, in der die zunehmend selbstbewusste, moderne Frau von den kreativen Zeitgenossen zur Heiligen und Hure, zum Sexobjekt und zum Vampyr zugleich stilisiert oder besser: dämonisiert wurde. Munch selbst und sein Bekanntenkreis war da kräftig beteiligt, was natürlich in dieser Betrachtung seines Werks nicht fehlen kann. Dass der Autor auch noch die Rezeptions- und Ausstellungsgeschichte der Munchschen Kunst immer wieder einflicht, überfrachtet das schmale Buch ein wenig, wie auch ein Exkurs zu den Nietzsche-Porträts des Malers, selbst wenn Nitzsche für Munch und die zeitgenössische Kunst prägend gewesen war.
Es wäre nicht Dietrich Schubert, wenn es nicht den unverkennbar persönlichen und erklärt parteiischen Ton auch in diesem Buch gäbe. Der Kunsthistoriker ist ein Streiter für die sozial engagierte, realistische Kunst und erklärter Verächter von Abstraktion, Kunstmarkt und völkischer Nationalisten wie einem Emil Nolde, einem seiner Lieblingsfeinde und insgesamt eine interessante Mischung. Gelegentlich wirkt das jedoch als sei er bei den Kämpfen der Moderne des 20. Jahrhunderts „im Felde geblieben“. Aber für ihn ist nun einmal Haltung nichts, was man einfach so ablegt. Gelegentlich führt sie ihn zu beherzter Polemik, wie man sie selten in der deutschen Kunstliteratur zu lesen bekommt. Sein kunsthistorisches Feingefühl kommt hingegen in einer phantastischen Bildauswahl zum Tragen, die den Druckgraphiker Munch zu Recht gleichwertig neben den Maler stellt. So nimmt das „monologische“ Selbstporträt doch vielfältige Dialoge mit dem Gesamtwerk, den Zeitgenossen und der Kunstgeschichte auf.
02.07.2026 |
| Andreas Strobl |
Edvard Munch. Selbstporträt beim Wein 1906 im Kontext von Leben und Schaffen. Schubert, Dietrich. 2026. 124. S. 84 fb. Abb. 29 x 24 cm. EUR 24,95. CHF 28,70
ISBN 978-3-7319-1620-8 [Michael Imhof]
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