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„Reproduktionsindustrie“. Kunst und ihre Popularisierung um 1900. |
Den Boom an populären Kunstbänden um die Wende zum 20. Jahrhundert spürt man noch heute beim Gang über den Flohmarkt. Etliche Verlage versuchten ihre Produkte an den Mann und an die Frau zu bringen. Alte Meister, Spezialbände zu Raffael, Michelangelo oder Dürer, eingeleitet durch Experten oder ohne Kommentar, farbig oder schwarzweiß, in einfacher oder gehobener Ausstattung, gedruckt meist nach dem neuesten Reproduktionsverfahren.
„Reproduktionsindustrie“ gibt einen gut lesbaren Überblick über den damaligen deutschen Markt populärer Kunstbücher. Die Aufsätze, die Autor Joseph Imorde hier zusammengetragen hat, sind zwar fast alle schon anderswo erschienen. Sie ergänzen sich aber wechselseitig, sodass der Leser den Band als Einführung in das Phänomen als Ganzes studieren kann.
Den Anfang machen zwei Texte über damalige Heroen populärer Kunstverehrung. Rubens, dessen Ruhm als zentrale Figur des Barock bis heute unangefochten ist, steht Murillo gegenüber, dessen Begeisterung um 1900 heute sehr aus der Zeit gefallen wirkt. Imorde geht diesem Problem auf die Spur, indem er aus zahlreichen zeitgenössischen Murillo-Kritiken zitiert, die bereits damals an dem spanischen Künstler das „bürgerliche“ monieren (das aber eben den „Bürger“ des 19. Jahrhunderts angezogen habe). Interessant in diesem Zusammenhang auch die Popularisierung von Klischees: Murillo galt als „süßlich“ (im Gegensatz etwa zum herb-derben Caravaggio, von dem es keine populären Monographien gegeben zu haben scheint) – Rubens wiederum wurde stark in Bezug auf einen bestimmten Frauentyp wahrgenommen, üppig, kräftig, voll im Saft. Popularisierung von Kulturgut geht offenbar immer auf Kosten einer gewissen Tiefe und Ernsthaftigkeit.
Aber wozu sollten die Leser diese Bildbände damals überhaupt studieren? Imorde geht in drei weiteren Texten auf die Ambitionen verschiedener professioneller Kunstvermittler ein. Kunstpädagogen, allen voran Lehrer an allgemeinen und höheren Schulen, schätzten die Möglichkeiten, ihre Schüler über Reproduktionen mit Kunstwerken vertraut machen zu können. Aber wie? Ohne große Worte! Über das Gefühl. Kunst soll demnach der Erbauung dienen und die erreichte man offenbar nur, indem man den Intellekt eine Runde um den Block gehen läßt. Akademische Kunsthistoriker sahen das naturgemäß anders. Kunst könne nur über intellektuelles Nachschöpfen begriffen werden. Das setze ein Grundwissen voraus, aber auch die Fähigkeit, das Gesehene in Worte und Sätze zu fassen.
Bei der Lektüre von „Reproduktionsindustrie“ (übrigens sehr schön gestaltet und mit großformatigen Abbildungen bereichert) muß man nicht selten schmunzeln. Vor allem fragt man sich im Zeitalter von Instagram, Pinterest und Memes aber: Was hat die ganze Ambition unserer Vorväter genutzt? Heute knipsen die Kids Kunsthighlights im Museum und stürmen gleich weiter in den Shop. Die „Reproduktionsindustrie“ hat sich gewandelt. Der Anspruch, dem Betrachter etwas zu vermitteln, auch.
30.05.2026 |
| Christian Welzbacher |
Reproduktionsindustrie. Kunst und ihre Popularisierung um 1900. Imorde, Joseph. 2026. 168. S. fb. Abb. 28 x 22 cm. VDG Weimar, Ilmtal-Weinstraße 2025. EUR 59,00.
ISBN 978-3-69069-004-1
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