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Ada und Emil Nolde – Luise und Gustav Schiefler. Briefwechsel 1915-1956,

Die Kunsthistorikerin Indina Woesthoff legt mit dem zweibändigen Briefwechsel zwischen dem Ehepaar Emil und Ada Nolde und dem Hamburger Juristen Gustav Schiefler und seiner Frau Luise ein opus magnum vor. Rein physisch sind die zwei gebundenen Bände mit jeweils über 800 Seiten ‚echte Brocken‘, doch auch inhaltlich hat Woesthoff – unterstützt von der Nolde Stiftung – einen großen Schatz für die quellenbasierte kunsthistorische Forschung zu Emil Nolde gehoben.
Aufgebaut sind die Bände chronologisch: So startet Band 1 – nach kurzen Dankestexten der Herausgeber sowie editorischen Hinweisen und Abkürzungsverzeichnis – mit den Quellen und Dokumenten der Jahre 1906 bis 1914. Der zweite Band umfasst die Jahre von 1915 bis 1956. Gleichwohl sind es nicht nur Briefe, die hier ungekürzt wiedergegeben und detailliert kommentiert werden, sondern auch Tagebuch- und Journaleinträge, Postkarten etc. ergänzen und vervollständigen das Material. Auch der Bearbeiterin im Kontext der Dokumentation relevant erscheinende Quellen (Briefe, Bemerkungen etc.) weiterer Personen und Institutionen wurden in die Edition aufgenommen, etwa – um ein Beispiel zu nennen – mehrere Schreiben von Ernst Gosebruch, der einen Besuch bei Schiefler ankündigt, um dort die Werke Noldes zu besichtigen. Damit wächst die Zahl der edierten Positionen von 700 Briefen (der Kernbestand der Korrespondenz zwischen den Noldes und den Schieflers) auf – am Ende des zweiten Bandes – 1.480 erfasste Positionen.
Der zweite Band umfasst darüber hinaus tabellarische Biografien der beiden Paare, Stammbäume der verzweigten Schiefler-Familie, eine Bibliografie, ein Ausstellungsverzeichnis, ein Register, ein Werkverzeichnis und schließlich Bild- und Fotonachweis. Besonders die Register (denn eigentlich sind es mehrere) eröffnen den Nutzern der Bände alle Möglichkeiten: So sind neben Institutionen (auch hier gibt es eine Feinuntergliederung), auch Personen und Orte explizit verzeichnet. Hurra! So kann man diese Brief-Brocken wirklich gut benutzen. Auch die fast bescheidene Überschrift im Inhaltsverzeichnis „Werkverzeichnis“ erleichtert bei genauerer Betrachtung die Nutzung erheblich: So lässt es sich gezielt nach Noldes Werktiteln, Gattungen oder den gängigen Werkverzeichnisnummern von Peter Urban sowie nach erwähnten Werken weiterer Künstlerinnen und Künstler recherchieren.
Auf Abbildungen von Kunstwerken Emil Noldes wurde weitgehend verzichtet. Stattdessen ergänzt das sparsam eingesetzte, doch wohlkuratierte Abbildungsmaterial das Gelesene auf hilfreiche Weise, etwa durch die Wiedergabe der von den Briefpartnern verwendeten Postkartenmotive, erwähnten Zeitungsartikel, Skizzen, Gästebucheinträge, Fotografien, Kataloge, Listen usw.
Mit diesem stattlichen Werk kommt ein von Woesthoff bereits in den 1990er Jahren erstmals avisiertes Projekt zu einem beeindruckenden Abschluss. Es entsteht ein Kaleidoskop von Emil Noldes Leben und Werk. Vor allem die mit ihm verbundene Forschung empfängt für Werkdatierungen, biografische Entwicklungen, Reisen und Begegnungen wichtige Impulse und neue Selbstzeugnisse. Vielleicht wäre ein einführender Essay der Bearbeiterin hilfreich gewesen, um auf Highlights des Konvoluts und bemerkenswerte Neuigkeiten für die bestehende Forschung aufmerksam zu machen. Ob es ein Lesevergnügen – wie es in der Bewerbung der Bände heißt – ist, muss der Leser oder die Leserin selbst beurteilen. Es gibt sicherlich sprachgewandtere Autoren als Noldes und Schieflers und ob es nun durch die ungekürzte Flut der Dokumente und Quellen hilft, über jeden Furunkel, Schnupfen und weitere Krankheiten informiert zu sein (vielleicht ließe sich darauf aufbauend auch eine detaillierte Krankengeschichte Noldes erzählen?), sei dahingestellt. Zumindest zeigt der ungekürzte Schreibfluss die Offenheit, mit der die Nolde-Stiftung das Werk des nicht unumstrittenen Künstlers bearbeitet und bearbeiten lässt. Dank dieser Offenheit sind Passagen wie die Folgende natürlich enthalten, etwa wenn Ada Nolde schwärmend (und mit Tippfehler) am 17. März 1933 „im Bett“ – wie es heißt – an Otto Beyse schreibt: „Mit jedem Tag werde ich mehr und mehr gepackt und überzeugt von der Genialität Hittlers, und von seiner beglückenden Mission.“ (S. 1245). Für die Forschung zu Nolde setzt Woesthoff eine Landmarke.

30.05.2026
Gloria Köpnick
Ada und Emil Nolde - Luise und Gustav Schiefler. Briefwechsel. Band 1: Es ist immer ein Fest, wenn ein Brief von Ihnen ankommt. 1906-1914. Band 2: Möchten wir noch ein recht weites und gutes Stück Leben miteinander gehen. 1915-1956. Woesthoff, Indina. Hrsg.: Woesthoff, Indina. Deutsch. 1556 S. 165 fb. Abb.24 x 16 cm. Deutscher Kunstverlag, Berlin 2023. EUR 148,00.
ISBN 978-3-422-98257-4
 
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