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Beuys - Bewohnte Mythen

Ob man sich heute als älterer Beuysfan outet oder sich als jüngere Kunstaktivistin versteht: Joseph Beuys war und ist - nachwievor ! - für viele so etwas wie eine singuläre Gestalt der europäischen (möglicherweise auch einer "deutschen" !?) Kunst des XX. Jahrhunderts. Wie kein anderer Künstler seiner Generation unternahm es Beuys bereits kurz nach 1945 seine erlittenen Traumata in Formen von archaisch-zeitlosen Mythen, Materialien, Menschen und Tierfigurationen zu bannen - und später seine Grenzerkundungen als Erweiterungen von Kunst und Leben konzeptuell neu zu denken. Der engagierten Tübinger Kunsthallen-Direktorin Nicole Fritz ist es zu verdanken, dass sie das Leitthema der Mythenverwandlung bei Beuys im Kontext der frühen deutschen Nachkriegs-kunst in der Kunsthalle Tübingen überzeugend präsentiert und dazu einen hervorragend gestalteten Katalog vorgelegt hat. Die Tatsache, dass eine beträchtliche Anzahl von Beuysleihgaben aus dem Museum Schloss Moyland sowie Privatbesitz offenbar erstmals gezeigt und höchst (!) qualitätvoll abgebildet sind, macht diesen Katalog - nicht nur für eingeschworene Beuysianerinnnen - zu einem exquisiten Sammlerstück.

Thematisch sinnvoll gegliedert u.a. in Fantasiewesen, Pflanzen, Tiere, Archaische Frauen und Soziale Plastik sowie ergänzt durch profunde Essays - etwa zu Beuys und der Volksglaube, der christlichen Mystik und der mythischen Referenzen der Nachkriegs-kunst - gelingt es den Autorinnen die Komplexität des frühen Schaffens von Beuys sichtbar werden zu lassen. Auch wenn die lange verschwiegenen und heute kontrovers diskutierten Beziehungen des Künstlers zu seiner Kriegs- und NS-Vergangenheit im Katalog und der Ausstellung angesprochen werden, hätte man sich gerne ein zusätzliches, aktuelles Kapitel gewünscht, dass explizit beleuchtet hätte wie Bilder des Völkisch-Mythischen heute von Rechtsaussen benutzt werden um entsprechend "Blut- und Bodenlastiges" wieder salon- und als anschlussfähig an den heutigen Zeitgeist verwendet werden. Eine zukünftig denkbare Ausstellung etwa über zahlreiche Einflüsse von Beuys auf heutige soziale Projekte, die längst eine aktivis-tische "Erweiterung" in den Raum ausserhalb der Kunst in ästhetische Handlungen umsetzen, ist vermutlich nur eine Frage der nächsten Zeit. Der "Quelle Beuys" scheint unerschöpflich und ganz im Sinne seines Schöpfers nachzuwirken....

02.02.2026
Michael Kröger
Bewohnte Mythen. Katalog Kunsthalle Tübingen. Beuys, Joseph. Hrsg.: Fritz, Nicole. 176 S. fb. Abb. 28 x 22 cm. Schirmer & Mosel, München 2025. EUR 46,00. CHF 52,90
ISBN 978-3-8296-1063-6
 
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