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Leonie Reygers |
Die Wiederentdeckungen vergessener Künstlerinnen und Kunsthistorikerinnen haben Hochkonjunktur. Während Hilma af Klint, Paula Modersohn-Becker und Lotte Laserstein das Publikum von Ausstellungen und Künstlerinnenbiographien faszinieren, besinnt sich die Fachwelt auf die vergessenen Pionierinnen der eigenen Disziplin: Sammelbände von 2021 und 2025 widmen sich „Kunsthistorikerinnen im 20. Jahrhundert“ (Reimer Verlag), und die Biographie Hanna Hofmann-Stirnemanns dokumentierte 2024 Leben und Werk der ersten Museumsdirektorin der Weimarer Republik (Sandstein). Während Hanna Stirnemanns Leben und Werk an die befristete intellektuelle Freiheit der deutschen Republik erinnert, die ab 1933 von den Nationalsozialisten beendet wurde, erinnert der vom Baukunstarchiv NRW herausgegebene Sammelband über Leonie Reygers an die kulturpolitischen Aufbruchsjahre der Nachkriegszeit, die für Frauen wiederum neue Chancen boten: In Abgrenzung zur völkischen Vereinnahmung der Kunst während des ‚Dritten Reichs‘ wurde das Bekenntnis zur Moderne in Westdeutschland zum Teil des kulturellen Neubeginns, von Wiederaufbau und Reeducation. Viele männliche Museumsleiter waren durch ihre Verstrickung in die nationalsozialistische Kulturpolitik kompromittiert oder noch in Kriegsgefangenschaft. Dies bot – zumal in den weitgehend zerstörten Ruhrgebietsmetropolen – Frauen die historische Chance, zu Museumsdirektorinnen zu avancieren: In Hagen war es Herta Hesse-Frielinghaus, die mit ihrem Bekenntnis zur Moderne bereits ab Oktober 1945 das Karl Ernst Osthaus-Museum leitete, in Dortmund wurde die stellvertretende Direktorin des Museums für Kunst und Kulturgeschichte zur Direktorin des Museums am Ostwall und wichtigsten Vermittlerin der Moderne: Nach der Verfemung der künstlerischen Avantgarde im Nationalsozialismus war Leonie Reygers es, die moderne Kunst und die – im Sinne des Deutschen Werkbunds – „gute Form“ zeitgenössischen Industriedesigns präsentierte. Während die Sammlungen des Museums für Kunst und Kulturgeschichte aus der zerstörten Innenstand über viele Jahre in das nördlich von Dortmund gelegene Schloss Cappenberg ausgelagert waren, realisierte Reygers am Ostwall der Dortmunder Innenstadt Ausstellungen der informellen Maler der Rheinischen Sezession, erwarb bedeutende Werke der Expressionisten, zeigte das Werk des ins Exil vertriebenen Walter Gropius und baute eine „Kindermalstube“ auf, die Kinder und Jugendliche an die zeitgenössische Kunst heranführte. Ähnlich wie Hesse-Frielinghaus in Hagen oder die Kolleginnen Aenne Abels, Hanna Becker vom Rath oder Hella Nebelung im Kunsthandel, definierte Reygers sich und den Berufsstand der Kunsthistorikerin als avantgardistische Museumsdirektorin neu. Zu ihren größten Leistungen gehörte nicht zuletzt die Gestaltung des Museums am Ostwall zu einem kompromisslos zeitgenössischen Ausstellungsort der 1950er und frühen 1960er Jahre. Der vom Baukunstarchiv NRW, das heute im einstigen Museumsgebäude seinen Sitz hat, herausgegebene Band lädt ein, das Werk einer Pionierin ihrer Zunft wiederzuentdecken. Dazu tragen nicht zuletzt die Bildstrecken der Fotografin Annelise Kretschmer und des Fotografen Albert Renger-Patzsch bei, die die Arbeit von Leonie Reygers kongenial dokumentieren.
02.02.2026 |
| Rainer Stamm |
Leonie Reygers. Aus der Reihe "Baukunstarchiv NRW". Hrsg.: Framke, Gisela; Hanisch, Ruth; Baukunstarchiv NRW; Beitr: Bolte, Henrike; van Dijk, Eline; Fehlemann, Klaus; Framke, Gisela u.v.a. 200 S. 24 x 20 cm. Kettler Verlag, Bönen 2025. EUR 34,00.
ISBN 978-3-98741-226-4
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