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Kandinsky – Das Leben in Briefen 1889-1944

Editionen von Künstlerbriefen sind so eine Sache: Nur wenige Künstlerinnen und Künstler haben als Briefeschreiber das Talent zu Weltruhm oder literarischer Bedeutung. Der glückliche Fall, als Künstlerin oder Künstler zugleich (und durchweg postum) zum Bestsellerautor zu avancieren, trifft auf die Sonderfälle Vincent van Gogh und Paula Modersohn-Becker zu. Franz Marcs „Briefe aus dem Felde“ wurden eher als tragisches Zeit- und Lebensdokument zum Bestseller. Die Briefausgaben von George Grosz bieten ein großes Lesevergnügen. Doch Briefbände von Oskar Kokoschka, Oskar Schlemmer, Ernst Ludwig Kirchner – oder gar die hölzerne Briefprosa Max Liebermanns – beschränken sich in ihrer Wirkung zumeist auf dokumentarisches Begleitmaterial zu Leben und Werk ihrer Absender.
Ähnliches gilt für Wassily Kandinsky, der zwischen 1889 und 1944 aufgrund seiner vielfältigen Lebensstationen auf Russisch, Deutsch und Französisch korrespondierte. Briefwechsel von grundlegender kunsthistorischer Bedeutung – etwa mit Franz Marc oder Paul Klee – sind bereits in Einzeleditionen erschienen.
Die wie Kandinsky dreisprachige Kunsthistorikerin Jelena Hahl-Fontaine hat nun einen Auswahlband mit Briefen Kandinskys an verschiedenste Adressaten aus fünf Jahrzehnten ediert. Den Korpus der gesichteten Korrespondenz des Künstlers, den sie auf rd. 4.000 Seiten schätzt, hat sie dafür auf knapp 270 Seiten und „auf Unbekanntes, historisch Wichtiges und Typisches“ konzentriert, „um möglichst alle Aspekte von Kandinskys vielseitiger Persönlichkeit lebendig werden zu lassen.“
Tatsächlich fördert die Edition neue Briefe und mithin neue Erkenntnisse zu Leben und Werk Kandinskys, vor allem aus seinen frühen Jahren, zu Tage; zugleich bietet er ein kaleidoskopartiges Bild der Lebensstationen, die den Künstler von Moskau über München und Murnau nach Weimar und Dessau und schließlich in das Pariser Exil geführt haben.
Um die vielfältige Auswahl bedeutender bekannter sowie neu entdeckter – und teilweise erstmalig in Auszügen übersetzter – Briefe in das handliche Buch zu fassen, ist jedoch nahezu jeder der hier wiedergegebenen Briefe gekürzt worden. Die zahllosen Kürzungen sind dabei nicht durchweg kenntlich gemacht. Die Auswahl wird dadurch zu einer Art Blütenlese der von der Herausgeberin für wichtig befundenen Aussagen und Archivfunde. Der Eindruck, dass wir es bei dieser Auswahl mit einem bisweilen sehr persönlich gefärbten Resümee der jahrzehntelangen intensiven biographischen Forschungsarbeit der Herausgeberin zu tun haben, wird durch die Hahl-Fontaines Kommentierung von Editionen und biographischen Bearbeitungen Dritter in dem Kapitel „Zusätzliche Dokumente und Regesten (1889-2017)“ noch verstärkt.
Die Neuerscheinung überzeugt daher nicht als historisch-kritische Briefauswahl, sondern dient mehr als Einstieg, um umfassendere und vollständiger wiedergegebene Briefeditionen Kandinskys an anderer Stelle aufzufinden und wieder zu lesen.

02.09.2023
Rainer Stamm
Wassily Kandinsky. Das Leben in Briefen 1889-1944. Hrsg.: Hahl-Fontaine, Jelena. 380 S. 24 fb. Abb. und S/W. 21 x 13,5 cm. Hirmer Verlag, MĂĽnchen 2023. EUR 29,90.
ISBN 978-3-7774-4034-7
 
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