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Landschaften sind Archive. „Johannlandbahn“ von Mustafa Kizilcay

Mit seinem neuen Fotobuch „Johannlandbahn“ widmet sich Mustafa Kizilcay einem Thema, das seit dem frühen 20. Jahrhundert tief in der Geschichte des Siegerlandes verankert ist: der ehemaligen Bahnstrecke 9273. Die „Johannlandbahn“, einst Lebensader dieser industriell geprägten Region, wurde seit den 1980er Jahren zurückgebaut und steht heute für Wandel, Erinnerung und Verlust.

Kizilcays fotografischer Blick ist eigen: Ihn interessieren Spuren menschlicher Nutzung, die durch präzise Komposition überraschende Tiefe gewinnen. In „Johannlandbahn“ wird die ehemalige Eisenbahntrasse zum Gedächtnisraum: Die alten Gleise existieren nur noch als eine imaginäre Linie, als zum großen Teil verborgene Spur, die Kizilcay fotografisch dokumentiert. Einiges hat sich hier verändert in den vergangenen Jahren. Eine Landnahme der Vegetation fand statt, aber auch neue Wohn- und Gewerbebebauung ist über der alten Trasse entstanden, die in den meisten Bildern doch noch erkennbar ist.

Die Fotografien untersuchen auf so schlichte, wie geheimnisvolle Art die Frage, wie Geschichte in der Landschaft gespeichert bleibt. Schienenreste, Bahndämme, Brücken, Einschnitte und überwucherte Trassen erscheinen als Sedimente einer vergangenen Epoche. Gerade hierin – und auf diesen Vergleich kann man nicht verzichten – liegt die spannende Verbindung zu Bernd und Hilla Becher. Auch die Bechers richteten ihren Blick auf die industrielle Prägung des Siegerlandes. Sie katalogisierten die industrielle Anatomie der Region, doch wo sie die Form analysierten, fragt Kizilcay nach der Zeit und den Nachwirkungen industrieller Strukturen.

Ja, Landschaften sind Archive: Sie bewahren Geschichte in Böschungen, Brückenpfeilern und überwachsenen Trassen – und so erweitert der 1955 geborene Künstler den fotografischen Diskurs über das Siegerland um eine neue Perspektive auf die industrielle Erinnerung. Das Ergebnis ist ein Fotobuch, das mehr ist als eine Dokumentation einer ehemaligen Bahnstrecke: Es ist eine Reflexion über die Beharrlichkeit von Spuren, die, schönerweise, ganz ohne Pathos oder Nostalgie auskommt.

„Er unternimmt seinerseits den Versuch, klar zu zeigen was ist. So ist auf keiner der 44 Bildseiten irgendetwas Besonderes zu sehen, etwas das vielleicht herausstechen würde“, schreibt Prof. Uschi Huber von der Universität Siegen in ihrem Vorwort – und resümiert: „In Johannlandbahn scheint der Möglichkeitsraum der Fotografie zwischen ihrer Faktizität als Spur, als Index der Wirklichkeit, und ihrem Potenzial, unterhalb der Bildoberfläche abstrakte und widersprüchliche Vorstellungen zu erzeugen.“

Sagen wir es so: Diese Bilder regen, immer wieder, unsere Neugier an. Wir sehen 44 Fotografien, die es lohnen, sehr genau betrachtet zu werden. Denn unter der Oberfläche steckt mehr, als sie auf den ersten Blick zu erkennen geben. Und so fasziniert dieses Buch und dieses fotografische Projekt gerade in seiner Ambivalenz.

Seit ihrer Erfindung im 19. Jahrhundert wurde die Fotografie als ein Medium der Wahrheit verstanden. In diesem technischen Charakter lag das Versprechen einer objektiven Darstellung der Welt. Doch dieses Versprechen erweist sich, immer wieder, bis heute, als Illusion.

Wahrheit, so kann man enden, ist nie vollständige Offenlegung, sondern immer auch Verborgenheit. Jedes Sichtbarwerden enthält einen Rest des Unsichtbaren. Deshalb kann Fotografie niemals rein sachlich sein. Sie ist nicht nur Dokument, sondern Spur, nicht nur Information, sondern Erinnerung, nicht nur Sichtbarkeit, sondern Geheimnis. In jedem fotografischen Bild bleibt etwas zurück, das sich der vollständigen Deutung entzieht.

05.09.2026
Marc Peschke
Johannlandbahn. Kizilcay, Dr. Mustafa. 100 S. 20,4 x 28,6 cm. buch.one Verlag, Pliezhausen 2026. EUR 32,00.
ISBN 978-3-69133-021-2
 
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