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FĂĽnfte Sonne. Eine neue Geschichte der Azteken

Nicht weniger als „Eine neue Geschichte der Azteken“ möchte die an der Rutgers University in New Jersey lehrende Historikerin Camilla Townsend, wie es im Untertitel lautet, vorlegen. Der Band, erstmals 2020 in englisch erscheinen, liegt seit 2023 im renommierten Verlag C. H. Beck in einer Übersetzung von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube in Deutsch vor. Der Untertitel mag zunächst stutzig machen, da nicht nur im angloamerikanischen, sondern auch deutschen Sprachraum durchaus auch in den letzten zwei Jahrzehnten einige Publikationen, Ausstellungen und entsprechende Ausstellungskataloge zur Geschichte und Kultur der Azteken sowie ihrer Nachbarn erschienen sind. Doch tatsächlich beschränken sich viele dieser Arbeiten vorwiegend auf den Untergang jenes Volkes, dass sich selbst als „Mexica“ bezeichnete. Einem breiten Publikum ist diese Nahuatl sprechende Ethnie unter der – ebenfalls dem Nahuatl entlehnten Begriff „Azteken“ – bekannt, eine Bezeichnung, die jedoch erst spät, im 18. Jh. eingeführt wurde und seither weder aus Fach- noch Sachbüchern wegzudenken ist. Bislang dominieren in den Betrachtungen entweder die als grausam und menschenverachtend beschriebenen Menschenopfer oder der Untergang dieser mesoamerikanischen Hochkultur, die mit der Landung der Spanier 1518 seinen schnellen und ebenso grausamen Verlauf fand. Dies hängt nicht zuletzt auch an der Fülle vor allem spanischer „Quellen“, so dass vor allem bisher die sogenannte Conquista, verbunden mit dem spanischen Eroberer Hernando Cortés, im Fokus der historischen Darstellungen stand. Ein Problem dabei ist jedoch, dass die Ausgangsquellen bereits stark gefiltert sind und somit kaum als wirkliche Quellen erster Hand bezeichnet werden können. Die Historikerin C. Townsend hat daher einen anderen Weg beschritten und sich mit den Annalen der Mexica befasst, die zwar teils ebenfalls aus der Zeit der Conquista stammen, jedoch Aufzeichnungen von Vertretern der Mexica selbst darstellen und somit einen, vergleichsweise unverstellten Blick auf deren Leben, Alltag und Religion sowie Organisation werfen. Es ist eine spannende – lebendig erzählte Geschichte von Vertreibung, Ankommen in neuer Umgebung, Versuch der Stabilisierung, Herausbildung einer Hochkultur und ihr tragischer Untergang. Dabei versteht es C. Townsend die vorliegenden schriftlichen Quellen für ein breites Publikum gewinnbringend auszuwerten und vorzustellen. Um sich dabei nicht in den vielen Namen der konkurrierenden Familien und Herrscherpersönlichkeiten zu verlieren, bietet die Autorin einen hilfreichen Stammbaum (S. 16). Bruderkonflikte gerade im Rahmen des Nachfolgestreites nach dem Tod des Tlatoani (Herrschers), waren häufig und durchziehen die Geschichte der Mexica. Dennoch verstanden sie es über die Jahrhunderte ein recht stabiles Herrschaftssystem aufzubauen und ihre Macht in Lateinamerika weit über die Region von Tenochtitlan, ihrer Haupt- und Gründungsort, zu beweisen. Ihre Macht und ihr Schrecken basierte dabei sicherlich auch ein stückweit auf dem Praktizieren von Menschenopfern, wofür vor allem Sklaven und Kriegsgefangene ausgesucht worden waren.
C. Townsend lässt, gerade auch durch die Bearbeitung der in Nahuatl geschriebenen Berichte, ein lebendiges Bild einer Hochkultur aufleben, der sie von den Erzählungen ihres Anfangs im 5./6. Jh. bis zu seinem Untergang folgt. Die Geschichte der Mexica gliedert die Autorin daher nicht zuletzt aufgrund der Arbeit mit den annalistischen Darstellungen in acht Hauptphasen, denen jeweils ein Kapitel gewidmet ist. So folgen wir „Schildblume“ und den frühen Erzählungen, die von der Vertreibung aus dem Nordwesten und dem Ansiedeln im Gebiet von Teotihuacan berichten, wohnen dem Alltagsleben in Tenochtitlan bei und erfahren schließlich im 4. /5. Kapitel vom Zusammenstoß mit den Spaniern und dem verzweifelten Widerstand des Mexica-Fürsten Moctezuma und dessen Ende. Die letzten Kapitel widmen sich vor allem dem späten 16. Jh., einer Zeit, die von der starken spanischen Einflussnahme und vor allem mehreren Wellen von Epidemien geprägt war. Der Band schließt mit einem kleinen Epilog zur Frage nach der Erforschung der Azteken und der Quellenbasis sowie einer kommentierten Bibliographie der Nahuatl-Annalen, die vor allem für die deutsche Leserschaft ein wichtiger Neugewinn sein dürfte.
So spannend und lebendig C. Townsend aus den historischen Quellen zu berichten weiß, so sehr vermisst man doch auch eine Gegenüberstellung mit archäologischen Funden und Befunden, die diesen Bericht sicherlich noch ausgewogener gestaltet hätten. Dies fällt vor allem in den ersten Kapiteln stark ins Gewicht, in denen die Autorin aufgrund der schriftlichen Quellenlage kaum mehr als über mythische Erzählungen hinauskommt. Doch dies soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass C. Townsend eine glänzend geschriebene Kulturgeschichte der Mexica gelungen ist, in der sie viele bislang unberücksichtigte Stimmen zu Wort kommen lässt. Nicht zuletzt hierdurch gelingt es ihr uns mit einer tatsächlich in großen Teilen neuen Geschichte der Azteken zu beschenken.

02.07.2024
Robert Kuhn
FĂĽnfte Sonne. Eine neue Geschichte der Azteken. Townsend, Camilla. Ăśbersetzt von Leube, Anna; Leube, Wolf Heinrich. 412 S. 12 Abb. 21,7 x 14 cm. Gb. C.H. Beck Verlag, MĂĽnchen 2023. EUR 32,00.
ISBN 978-3-406-79817-7   [C. H. Beck]
 
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