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Adria

Ein guter Bildband leitet seine Leser m├Âglichst dicht an die vorgestellten Kunstwerke und arch├Ąologischen Zeugnisse heran. Im besten Fall f├╝hrt das dazu, dass sich der Betrachter durch Bild und Wort wie in eine vergangene Zeit versetzt f├╝hlt. Beachtliches leisten hier seit Jahrzehnten die Kunstb├Ąnde des Hirmer Verlages. Und auch das vorliegende Werk ├╝ber Kunst und Kultur an der n├Ârdlichen K├╝ste der Adria ist diesem Erbe, ohne welches das Bild anspruchsvoller Kunstb├╝cher im deutschsprachigen Raum wesentlich ├Ąrmer w├Ąre, voll verpflichtet.
Erstmals wird mit diesem Band die kulturelle Vielfalt eines Gebietes vorgestellt, das ├╝ber die Jahrhunderte hinweg Schnittpunkt unterschiedlichster politischer Interessen und Beeinflussungen war. Der zeitliche Rahmen erstreckt sich dabei von den fr├╝hsten Anf├Ąngen bis zur Eroberung der Stadt Konstantinopel im Zuge des Vierten Kreuzzuges im Jahr 1204. Zwar d├╝rften einzelne Orte an der n├Ârdlichen Adria, etwa Ravenna, Triest oder Venedig, vielen Leserinnen und Lesern punktuell - n├Ąmlich durch touristische Erkundungen - durchaus bekannt sein, doch wird der Kulturraum der n├Ârdlichen Adria in der vorliegenden Darstellung von Vittorio Galliazzo als Ganzes greifbar, das in der dargelegten Deutlichkeit so bisher gewiss nur Spezialisten vertraut gewesen ist. Als eine kulturelle Region jedenfalls, die nicht nur von den Byzantinern, dem Papsttum oder den Venezianern immer wieder heftig umk├Ąmpft wurde, und die es so doch heute nicht mehr gibt.
Wer - sich an der K├╝ste der n├Ârdlichen Adria orientierend - das Buch aufschl├Ągt, wird vielleicht erstaunt sein, unter den rund 28 vorgestellten Orten, auch St├Ądte wie Padua, Verona oder Vicenza - die in fr├╝heren Zeiten zwar ├╝ber Kan├Ąle per Schiff von der K├╝ste aus zu erreichen waren - anzutreffen. Dieses Erstaunen schwindet aber in dem Ma├če wie sich das Panorama der Zeugnisse der r├Âmischen, langobardischen und romanischen Kunst vor dem Auge des Betrachters zu entfalten beginnt. Die Kunst der Veneter bei Este nicht zu vergessen. Dass die einzelnen Orte nicht alphabetisch, sondern mit Rimini im S├╝den beginnend und bei Pula im Nordosten endend behandelt werden, macht Sinn. Lokale k├╝nstlerische Abh├Ąngigkeiten werden dadurch leicht nachvollziehbar. Wichtig erscheint auch, dass eher unbekannte Orte - etwa die Abteikirche von Summaga oder das Amphitheater von Montegrotto - mehr oder minder gleichberechtigt neben bekannten Orten wie Ravenna, Cividale del Friuli, Murano oder Aquileia gestellt sind. Bei durchaus unterschiedlicher Bedeutung dieser Orte in der Antike wird so das ihnen kulturell Gemeinsame sichtbar.
Professor Vittorio Galliazzo hat als Autor zusammen mit den beiden bekannten venezianischen Fotografen Piero Codato und Massimo Venchierutti ein Buch geschaffen, das die von der Kunst ausgehende Kraft erlebbar macht, ja das inspirierend wirkt. In einer Art Gesamtschau wird vor dem Leser das Material ausgebreitet, das f├╝r ein Studium der antiken Geschichte dieser Region wichtig ist. Das Buch atmet den Geist vergangener Zeiten.
Vertieft man sich in die exzellenten Abbildungen, so beginnen vergangene Zeiten in der Tat wieder lebendig zu werden. In der fr├╝hchristlichen Euphrasius-Basilika von Pore? meint man fast selbst am liturgischen Geschehen Teil zu haben. Die gefl├╝gelten Symbole der Evangelisten an der Verkleidung der Kanzel in der Kathedrale Sant' Eufemia in Grado bezeugen die Bedeutung des gesprochenen Wortes in der christlichen Religion. Wie sehr sich christliche Motive in ihrer Gestaltung an der Formensprache der Antike orientieren k├Ânnen, das zeigen die grandiosen Fu├čbodenmosaiken der Basilika des Patriarchen Poppo in Aquileia. Mit so viel Ruhe wie vor den Abbildungen der Markusbasilika in Venedig l├Ąsst sich die Farb- und Raumwirkung dieses byzantinisch inspirierten einzigartigen Bauwerkes an Ort und Stelle aufgrund der t├Ąglichen Besucher nie studieren. Un├╝bertroffen auch die Ann├Ąherung an die Kirche Santa Maria Assunta in Torcello, sich n├Ąmlich ├╝ber eine Luftbildaufnahme gleichsam ins Innere dieser Kirche bis zum Mosaik der Muttergottes in der Aspiskalotte behutsam vorzutasten.
Man mag einwenden, dass eine Aufnahme von Nesactium nahe Pula in Istrien fehlt und auch die einf├╝hrenden Texte zur Geschichte der n├Ârdlichen Adria ein wenig provokannter sein k├Ânnten. So werden etwa die 20.000 Sachsen, die zusammen mit dem Volk der Langobarden im Jahre 568 unter K├Ânig Alboin nach Italien zogen, erw├Ąhnt, nicht jedoch die auf 150.000 gesch├Ątzte Zahl der Langobarden selbst (S. 25). Und mag der Einfall der Hunnen im Jahre 375 auch noch so grausam gewesen sein, die Formulierung "jenes wilden und grausamen Mongolenvolkes aus den asiatischen Steppen" ist, da sie Klischees transportiert, nur wenig erhellend - obschon Vittorio Galliazzo nachfolgend die antiken Aussagen ├╝ber die Hunnen in Anf├╝hrungsstriche setzt und damit relativiert. ├ähnliches gilt f├╝r die Lehre des Arius, die historisch gesehen zwar tats├Ąchlich als H├Ąresie bek├Ąmpft wurde, der man heute jedoch mit diesem Begriff kaum gerecht wird.
Der grunds├Ątzliche Wert dieses mit viel Sorgfalt erstellten Kunstbuches bleibt davon freilich unber├╝hrt. Ein beeindruckendes Werk, das Reiseleiter, Wissenschaftler und Kunstinteressierte gleicherma├čen sch├Ątzen werden und das sich bedenkenlos auch als Buchgeschenk eignet. Auf einen Folgeband zur Kunst und Kultur der mittleren und s├╝dlichen Adria darf man gespannt sein.
Matthias Mochner
Vittorio Galliazzo: Die Adria. Kunst und Kultur an der n├Ârdlichen Adriak├╝ste. Fotos von Piero Codato und Massimo Venchierutti. 280 S. 250 fb. Abb. Ln, EUR 39,90
ISBN 3-7774-9110-1
 
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