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Unsterblich! Der Kult des K√ľnstlers

In einer Welt, die sich zunehmend globalisiert und einer Gesellschaft, deren Selbstverst√§ndnis von Krisen gesch√ľttelt wird, kommt dem K√ľnstler als auserw√§hltem Individuum eine ganz besondere Stellung zu. Denn dieser lebt und wirkt, allen Weltereignissen zum Trotz in seiner eigenen k√ľnstlerisch inszenierten Welt - so zumindest die Ansicht seiner b√ľrgerlichen Mitmenschen.

"Unsterblich! Der Kult des K√ľnstlers" hei√üt der zur gleichnamigen Ausstellung von J√∂rg V√∂llnagel und Moritz Wullen herausgegebene Katalog, welcher an die 1934 erschienene "Legende vom K√ľnstler" der Wiener Kunsthistoriker Ernst Kris und Otto Kurz anlehnt. Epochen-, l√§nder- und disziplin√ľbergreifend stand hier der ewig w√§hrende K√ľnstlerkult im Zentrum einer von der Psychoanalyse beeinflussten Debatte. Die Frage nach der k√ľnstlerischen Selbstinszenierung sowie der Stilisierung von K√ľnstlern durch Zeitgenossen, Nachfahren und den Kunstmarkt ist heute wieder ein hochbrisantes Thema, dem anschaulich in den Ausstellungsr√§umen der Berliner Kunstbibliothek nachgegangen wird: vom √§gyptischen Bildhauer Senenmut, √ľber Albrecht D√ľrer, Katsushi Hokusai, Auguste Rodin bis hin zu den Asmat-K√ľnstlern in Neuguinea und nat√ľrlich Joseph Beuys.

Die Schau ist durch die Vielfalt der Werke, Epochen und K√ľnstler gekennzeichnet und fordert den Besucher zum aktiven Mitdenken und Br√ľckenschlagen heraus. Im Ausstellungsmarathon zur Verabschiedung des leitenden Generaldirektors Peter-Klaus Schuster nimmt der dazu erschienene Katalog eine besondere Stellung ein, nicht nur weil er eine √ľberzeugende Werkauswahl bietet, sondern auch weil er sich dem Kult des K√ľnstlers in mehr als einem Dutzend erstklassiger Beitr√§ge von verschiedenen Seiten theoretisch zu n√§hern versucht. Der ‚ÄöK√ľnstler‚Äô ist dabei nicht nur f√ľr den klassischen Kunsthistoriker, sondern auch f√ľr Arch√§ologen, Ethnologen, Soziologen, Journalisten, Wirtschaftshistoriker und Juristen ein Thema und hat in unserer Zeit nicht selten Kultcharakter.

Doch was leistet der Katalog? Mit einer strengen Definition, was ein K√ľnstler, was Kunst und K√ľnstlertum ist, darf nicht gerechnet werden. "Auf allen Ebenen sind Kunst und K√ľnstler (heute) fragw√ľrdig geworden" schreibt Werner Hofmann in seinem pointierten Er√∂ffnungsbeitrag. Unsere Zeit stellt jeden Kunstbegriff in Frage, weder der Kunsthistoriker noch unser Gesetzbuch k√∂nnen dazu eine pr√§zise Antwort geben. Bei der Diskussion um au√üereurop√§ische Kulturen wird dies ebenso augenf√§llig wie im konkreten Rechts-Fall der ‚Äölebenden‚Äô Kunstwerke Eva & Adele. Dennoch versucht der Katalog in seinen beiden pointierten Vorworten und weiteren 15 Beitr√§gen die verschiedenen "K√ľnstlertume" in ihrem ganzen Facettenreichtum wiederzuspiegeln. Die Abfolge der Beitr√§ge ist gut durchdacht und sowohl die K√ľrze als auch die gute Verst√§ndlichkeit machen diesen Katalog sehr lesefreundlich und laden auch zum Querlesen ein.

Die ersten vier Beitr√§ge widmen sich dem antiken K√ľnstlerbild, danach folgen weitere vier Artikel zur K√ľnstlerindividualit√§t bzw. zu K√ľnstlersignaturen in der Maya-Kultur, der traditionellen chinesischen Kunst, der islamischen Kunst sowie der fr√ľhen Neuzeit. Das Unsterblichkeits-Thema wird daraufhin mit zwei Beitr√§gen zur (niederl√§ndischen) Stillleben- bzw. Selbstbildnismalerei sowie der Historienmalerei des 19. Jahrhunderts exemplarisch erfasst. Mit dem Kunst- und K√ľnstlerverst√§ndnis Afrikas und Ozeaniens wird nochmals ein Einblick in au√üereurop√§ische Kulturen gegeben, bevor sich die beiden abschlie√üenden Beitr√§ge zur Selbststilisierung des K√ľnstlers aus einer kunsthistorisch-journalistischen und -rechtswissenschaftlichen Sicht n√§hern. Am Ende des volumin√∂sen Katalogs gibt es eine kurze Chronologie und einen diachronen √úberblick zum wandelnden Verst√§ndnis des Themas, angefangen vom antiken Griechenland bis in die heutige Zeit.

Dem relativ langen Textteil steht ein etwas k√ľrzerer, jedoch von der Auswahl √ľberzeugender Bildteil gegen√ľber. Der Katalog ist hierbei den Leitbildern bzw. Themenschwerpunkten der Ausstellung verpflichtet und gibt eine exemplarische Werk-√úbersicht. "Sch√∂pfer", "K√∂nig" und "Name" stehen f√ľr die positiven Seiten des K√ľnstlertums, w√§hrend "D√§mon", "K√∂rper" und "Tod" die negative Seite der Medaille pr√§sentieren. Mit dem artistischen H√∂henflug kommt bereits der Absturz. Der K√ľnstler als kreative Instanz, als freier und unabh√§ngiger Sch√∂pfer, als Seher, Prophet und Erl√∂ser kehrt sich ebenso schnell in einer vernichtenden Spirale in sein Gegenteil: in einen Zerst√∂rer, Depressiven, Wahnsinnigen und Selbstm√∂rder. Und genau dieser Antagonismus ist es, der die Faszination eines K√ľnstlers ausmacht ‚Äď er ist es, der den Kulturbetrieb am Laufen h√§lt. Angefangen vom K√§ufer, Sammler und Auktion√§r bis hin zum Kurator, Journalisten oder Kritiker ‚Äď wir alle machen seine Kunst zu Reliquien, stilisieren den K√ľnstler gleich einem Popstar zum Gott und Genie oder zum Kranken und Wahnsinnigen.

Auch wer die Ausstellung nicht gesehen hat, bekommt im sch√∂n bebilderten Katalog einen Eindruck von der Vielfalt der Objekte und der sogenannten K√ľnstlerkulte aus zwei Jahrtausenden europ√§ischer und vor allem au√üereurop√§ischen Kunstgeschichte. Dass bisweilen die Objektauswahl den oben genannten Kategorien "Sch√∂pfer", "K√∂nig", "D√§mon" etc. zum Opfer f√§llt, sich manch ein Bild vielleicht auch anderen Kategorien zuordnen, sich bisweilen sogar ein noch besseres Beispiel h√§tte finden lassen, ist kein Mangel, sondern zeigt lediglich das Bem√ľhen der Kuratoren, sich den Berliner Best√§nden in ihrem Ausstellungsmachen zu verpflichten. In der Tat wurden dadurch einzelne Objekte in einem ganz neuen Licht pr√§sentiert, Forschungsreisen bis zum entfernten Entstehungsort der Exponate unternommen und dabei das Wissen auf den neuesten Stand gebracht. Auch der Neuerwerb zweier Werke von Sigmar Polke und Miguel Rothschild ist den Impulsen zur Vorbereitung der Ausstellung zu verdanken. Den Staatlichen Sammlungen Berlins wiederum verleihen diese Neuanschaffungen sowie die Pr√§sentation einer Ausstellung mit grenz√ľberschreitenden, interkulturellen Anspruch starke Impulse hinsichtlich ihrer Repr√§sentanz als zentralen Kulturstandort Europas.

"Unsterblich! Der Kult des K√ľnstlers" ist ein √ľberw√§ltigend informativer und zugleich unterhaltsamer Band und vermag alles, was man von einem interkulturell thematisch ausgerichteten Katalog erwarten kann. Er verweilt nicht im Detail, sondern liefert einen breiten √úberblick zur Geschichte des Kunst- und K√ľnstlerverst√§ndnisses anhand ausgew√§hlter Exponate. In Kombination mit dem theoretischen ersten Teil wird das "kultige" Ausstellungskonzept nochmals aufgewertet und l√§dt den Leser immer wieder mit neuen Aspekten zur vertieften Lekt√ľre ein. Dem Ph√§nomen des K√ľnstlers und der Suche nach dem Unsterblichen vermag man damit zwar nicht auf die Schliche kommen, kann sich aber zumindest ihr doch etwas n√§hern.

22.4.2009
Beatrix Ahrens
Unsterblich!. Der Kult des K√ľnstlers. Katalog 2009, Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin. Hrsg. v. V√∂llnagel, J√∂rg. 264 S., 250 fb. Abb. 30 x 24 cm. Hirmer Verlag, M√ľnchen 2008. Gb EUR 39,90
ISBN 3-7774-5045-6
 
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