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Das unklassische Bild. Von Tizian bis Constable und Turner

Werner Busch (geb. 1944), Professor fĂŒr Kunstgeschichte an der FU Berlin, legt nach vielbeachteten Arbeiten ĂŒber Caspar David Friedrich und Adolph Menzel nun eine Bearbeitung des sogenannten unklassischen Bildes vor. Dass der Autor in großen Schritten die Epochen durchmisst, zeigt der Untertitel: Von Tizian bis Constable und Turner. Dazwischen befinden sich Caravaggio und Rembrandt, Gainsborough und Valenciennes und auf Seurat wird verwiesen. Bei diesen Namen weiß man gleich Bescheid, bzw. man ahnt, wohin es gehen wird: zu Hell und Dunkel, zu den verwischten Grenzen und den weichen ÜbergĂ€ngen, zum NatĂŒrlichen und zum Erlebnis des Augenblicks.

ZunĂ€chst zum Gegenstand: Das Gegenmodell zum unklassischen ist das klassische Bild, das in der kunsthistorischen Entwicklung vor dem unklassischen kommt. Das klassische Bild ist dem "disegno", der Zeichnung bzw. der Linie, verpflichtet, das unklassische der "colore", der Farbe, sowie dem "atmende(n) Dazwischen", wie es der Autor so treffend nennt. Von der Thematik her trĂ€gt das klassische Bild Inhalte, etwa mythologischer oder biblischer Art, das unklassische nicht. Klassische und unklassische Malweise lösen einander nicht ab, sie bestehen zeitgleich nebeneinander; manche Meister folgen mehr dem unklassischen Malduktus, obwohl das Unklassische in der öffentlichen Meinung der Nachrenaissance nicht als Kunst galt, sondern als "Naturnachahmung, ohne höheren Anspruch, Handwerk". Beides - unklassisch und klassisch, Wirkung und Inhalt - kann miteinander kombiniert werden, beide Wege können sich in einem einzigen Bild vereinen, zum Beispiel in GemĂ€lden Tizians, die die Göttin Diana thematisieren - die Göttin, die bei Busch nicht von ungefĂ€hr hĂ€ufig "erscheint", da sie die Göttin der Grenze und des Übergangs bzw. der "ÜbergĂ€ngigkeit" ist: Zwar wird in Tizians Dianabildern eine Geschichte erzĂ€hlt, aber sie sind mehr "Erscheinung als ErzĂ€hlung" und bewegen sich zwischen "Amorphem und Konkretem, zwischen Figur und Grund".

Vorreiter fĂŒr die Wirkung und Behandlung der Farbe, somit fĂŒr das unklassische Bild, ist wie bei vielem anderen Leonardo da Vinci, der die Existenz von Linien in der Natur bestreitet. Denn was ist der Umriss?, fragt er. Eigentlich nur Übergang und Grenze, und je weiter weg ein Objekt sei, desto unschĂ€rfer werde es, was er durch seine zarten sfumato-Hintergrundslandschaften beweist. Rembrandt und seine Kollegen schließlich arbeiten mit dem Begriff des "houding", einem kaum ĂŒbersetzbaren, kaum erklĂ€rbaren Begriff. Er bedeutet so ungefĂ€hr: von hinten nach vorne zu malen und die Farben nach vorne zu steigern; der Hintergrund trĂ€gt dabei den Grundton, und der Vordergrund reagiert darauf. Das Fazit ist: "Bildtiefe entsteht aus tonaler Abstufung." Beide Begriffe - sfumato wie houding - klingen fast nach einer Art von Theoriebildung, obwohl Busch klarstellt: "Eine klassisch idealistische Theorie der Kunst hat es ĂŒber Jahrhunderte gegeben, eine Theorie des Unklassischen nicht. Das heißt, in der Definition ist das Unklassische immer das negative GegenstĂŒck zum Klassischen geblieben. Ist das Klassische klar, korrekt, beherrscht. so das Unklassische unklar, unkorrekt, unbeherrscht. ... Da das Klassische sich am Ideal orientiert, ist das Unklassische allein auf die Wirklichkeit verpflichtet."

Aber dennoch machten Forschung und Erkenntnis vor dem unerforschbaren Unklassischen nicht halt: Nachdem das 18. Jahrhundert "auf die FarbĂŒbergĂ€nge, die Zwischentöne, die tonale Abstufung ... auf experimentellem Wege und ĂŒber die Anschauung aufmerksam geworden" ist und man begann, Farbsysteme zu entwickeln, findet im 19. Jahrhundert die "naturwissenschaftliche Entdeckung der tonalen Abstufung" statt, was an Constables doppeltem Regenbogen anschaulich wird, der richtig, weil spiegelbildlich dargestellt ist. Der KĂŒnstler versucht nach KrĂ€ften, dem "chiaroscuro of Nature" auf die Spur zu kommen und wird dabei mitunter sogar zum Meteorologen ...

Das höchst lesenswerte und anregende Buch wendet sich an Fachleute sowie an Kunstliebhaber. Vorkenntnisse und einen Überblick ĂŒber die europĂ€ische Kunstgeschichte sollte man allerdings haben, denn man muss in der Lage sein, gedanklich zwischen den Epochen hin- und herzureisen. Der Text erfordert vom Lesenden die Bereitschaft, sich auch auf Exkursionen einzulassen, die auf den ersten Blick nicht so recht in die Lineatur des Themas passen wollen: Dass sie auf jeden Fall passen werden, davon darf man jedoch ausgehen. Das Buch besticht außerdem durch die hervorragende und reiche Bebilderung, die textnah und qualitĂ€tvoll Lesen, Betrachten und Verstehen in eins fließen lĂ€sst.
15.4.2009
Daniela Maria Ziegler
Werner Busch. Das unklassische Bild. Von Tizian bis Constable und Turner. 2009. 352 S., 67 fb. Abb. Ln. EUR 29,90
ISBN 978-3-406-58246-2   [C. H. Beck]
 
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