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Sechs MĂ€rchen der BrĂŒder Grimm

Wirklich berĂŒhmt wurden die MĂ€rchen der GebrĂŒder Grimm eigentlich erst nachdem sie 1823, illustriert von dem Karikaturisten George Cruikshank veröffentlicht wurden. Danach versuchten sich noch zahlreiche weitere Illustratoren daran, den Grimmschen MĂ€rchen den passenden Rahmen zu verleihen, um die Phantasie der Kinder und ihrer Vorleser zu beflĂŒgeln, oder ihre eigenen Erkenntnisse ins Bild zu setzen.
Vor dem Zweiten Weltkrieg tat dies unter anderen auch der Expressionist Max Slevogt, wĂ€hrend man in der Zeit des Nationalsozialismus wieder bildhafte, romantisch, erzĂ€hlende Bilder den MĂ€rchen beifĂŒgte bis in den 1968er Jahren u.a. die KĂŒnstler Tomi Ungerer und Janosch einen eher parodistischen Zugang wĂ€hlten.

Die Radierungen von David Hockney interpretieren auf sehr eigenwillige Weise die MĂ€rchen der GebrĂŒder Grimm. Auf den ersten Blick sind sie gar nicht „mĂ€rchenhaft“, so wie man ĂŒblicherweise Illustrationen von KinderbĂŒchern erwartet, aber man sollte getrost der Gewohnheit entsagen und einen zweiten Blick riskieren und einfach mal ausprobieren, wie man selbst und die Kinder – die wir alle tĂ€glich von Bildern eingekeilt sind – die Radierungen Hockneys aufnehmen. Auch eine gemeinsame Vorlesestunde kann nicht schaden und dem Familienleben neue Tiefe geben.

Der 1937 in Bradford/Yorkshire geborene David Hockney ist einer der wichtigsten englischen KĂŒnstler des 20. Jahrhunderts. Sein vielfĂ€ltiges Werk (Malerei, Fotografie, Grafik, BĂŒhnenbild) wird weltweit in großen Museen und Ausstellungen prĂ€sentiert. Hockneys grafisches Werk wird durch drei große Radier-Zyklen bestimmt: »A Rake's Progress« von 1961 bis 1963 entstanden, »Illustrations for Thirteen Poems of C. P. Cavafy«, entstanden 1966 und »Six Fairy Tales from the Brothers Grimm« von 1969.

Der Grimm-Zyklus ist mit 39 BlĂ€ttern der umfangreichste. Die Radierungen entstanden 1969 und wurden von Hockney nach entsprechenden Vorstudien direkt auf die einzelnen Kupferplatten gezeichnet. David Hockney wĂ€hlte fĂŒr die Illustrationen sehr unterschiedliche MĂ€rchen aus: bekannte wie »Rumpelstilzchen« und »Rapunzel«, dann »Fundevogel« und »Von einem, der auszog, das FĂŒrchten zu lernen« aber auch die unbekannteren Texte »Das MeerhĂ€schen« und »Oll Rink Rank«. Er hat jedem dieser MĂ€rchen eine eigene bildhafte Interpretation gegeben.

Es sind keine einfachen bildhaften Umsetzungen der literarischen Vorlagen, er hat vielmehr lebhafte Bilder geschaffen, die eine ganz bestimmte Stimmung im Text hervorheben oder ein ganz bestimmtes Detail betonen. Hockney war beeindruckt davon, dass die BrĂŒder Grimm volkssprachliche Texte aufgezeichnet hatten und dass die MĂ€rchen auch die Sprache der ErzĂ€hler wiedergeben konnten. Besonders faszinierte ihn eine der MĂ€rchenzutrĂ€gerinnen der BrĂŒder Grimm, die »MĂ€rchenfrau« Dorothea Viehmann, deren PortrĂ€t er dem Zyklus voranstellte. So ließ sich Hockney in dem Bewusstsein, dass er uralte Überlieferungen umsetzen wollte, bei seinen Illustrationen von verschiedenen Vorbildern anregen. Er machte eine Rheinreise und beschĂ€ftigte sich mit der Malerei der Renaissance. Und trotzdem sind es keine historistischen Bilder, die da entstanden; sein zeitgemĂ€ĂŸer und immer wieder humorvoller Zugang zu den MĂ€rchen spiegelt sich deutlich in der ausgefeilten Bildfindung seiner Illustrationen.

Die MĂ€rchen und Illustrationen werden von einem EinfĂŒhrungskapitel ĂŒber die Entwicklung der Illustrationen seit dem frĂŒhen 19. Jahrhundert bis heute sowie einem Beitrag ĂŒber die Radierzyklen David Hockneys umrahmt und mit einigen biographischen Notizen und einer Bibliographie abgeschlossen.

14.12.2008
Gabriele Klempert
David Hockney. Sechs MĂ€rchen der BrĂŒder Grimm. Six Fairy Tales from the Brothers Grimm. Hrsg. Burkhard Kling. 39 Radierungen. Eine Ausstellung im BrĂŒder Grimm-Haus Steinau. 96 S., 48 Abb., 17 x 24 cm, Gb., EUR 15,00
ISBN 978-3-89445-399-2
 
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