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Blinky Palermo in zwei Ausstellungen

Die Lebensgeschichte des KĂŒnstlers Blinky Palermo (1943-1977) hat alles, was es zur Legendenbildung braucht. Er lebte intensiv und starb frĂŒh auf der Malediveninsel Kurumba und wechselte zwei Mal den Namen. Geboren als Peter Schwarze wurde er dann adoptiert und hieß Peter Heisterkamp ehe er sich spĂ€ter nach einem Mafioso und Boxpromoter, Blinky Palermo, nannte. Zur Legendenbildung trug, nach seinem Tod, der Kurator Bernhard BĂŒrgi bei, er ihn den „James Dean der deutschen Kunstszene“ nannte. Die aber konnte 1966, als die MĂŒnchner Galerie Friedrich & Dahlem Werke von ihm erstmals ausstellte, mehrheitlich wenig mit dessen objekthaften GemĂ€lden anfangen konnte. Die Ausstellung wurde ein Flop, die Galerie verkaufte nichts. 1972 nahm Palermo, der bei Joseph Beuys studiert hatte, dann an der fĂŒnften Documenta teil, vier Jahre spĂ€ter an der Biennale in Venedig und schaffte den Sprung nach New York. Zu dessen 30. Todestag erinnerte ein umfangreiche Werkschau in der Kunsthalle DĂŒsseldorf und dem Kunstverein fĂŒr die Rheinlande und Westfalen an den Maler, der in seiner Kunst eine Gratwanderung zwischen Bild und Objekt, zwischen Bild und den es umgebenden Raum unternahm. Gezeigt werden Werke aus zentralen Werkgruppen wie Stoffbilder, Objektbilder, Metallbilder und Wandmalereien und in einem Katalog dokumentiert. Auch das Zentralarchiv des Internationalen Kunsthandels ZADIK wĂŒrdigt Palermo mit einer Ausstellung, die zunĂ€chst auf der Art Cologne und dann im ZADIK 2008 gezeigt wurde. Neben einer kunsthistorischen WĂŒrdigung wird in dem, die Ausstellung begleitenden, Katalog auf Palermos Position auf dem Kunstmarkt eingegangen.

Blinky Palermo in DĂŒsseldorf

Angelegt ist der Katalog, nach einleitenden Worten zur Ausstellung von Ulrike Groos, Susanne KĂŒper und Vanessa Joan MĂŒller, als ein großes GesprĂ€ch ĂŒber Palermos Kunst. Es treten dazu an: Yve-Alain Bois, Christine Mehring, Anne Temkin zu Palermos Stoffbildern, im „Treppenhaus 1,2...“ treffen sich Susanne KĂŒper, Ilka und Andreas Ruby zum Trialog zu Palermos Wandmalereien und Rauminstallationen, in der dritten GesprĂ€chsrunde tauschen Logan Sisley, Alan Johnston, Anne-Marie Bonnet und Andrew Patrizio Gedanken zu Palermo aus, gefolgt von einem Treffen mit Thomas Lange und Erich Franz. Eingestreut in die GesprĂ€chsrunden sind farbige Abbildungen der ausgestellten Werke. Multiperspektivisch geht es weiter mit einer grĂ¶ĂŸeren Runde, die sich zusammenfand ĂŒber Palermo in New York zu sprechen, ehe Benjamin Buchloh sich ins GesprĂ€ch mit Lynne Cooke begibt. Abgerundet wird der Katalog mit einer Zusammenstellung von Texten von KĂŒnstlerkollegen, die gebeten wurden ihr eigenes Werk im Hinblick auf Palermos Arbeiten zu reflektieren, gefolgt von einer Zusammenstellung von Fakten und neuen Erkenntnissen zur Person Palermo.

Der „Beatnik“ wie Beuys Palermo nannte, liebte einfache Formen und erkundete in permanenter Bewegung variantenreich die Beziehung von Raum und FlĂ€che, Farbe und Form und ĂŒberwand im Zusammenspiel die ansonsten herrschende PolaritĂ€t von abstraktem Begreifen und sinnlicher Konkretion. So erklĂ€rte der eher wortkarge Palermo 1968, er habe „kein Programm, sondern ein Ă€sthetisches Konzept“ und er versuche sich „möglichst viele Ausdrucks-formen offen zu halten.“ Wie gut im das gelang wird auch im hervorragend gestalteten Katalog deutlich. So erinnern seine frĂŒhen Inszenierungen an El Lissitzkys „Prounenraum“, 1968 wird dann der Raum selbst zum Bild, zunĂ€chst etwas zaghaft, dann, wie 1970 in der Galerie Fischer in DĂŒsseldorf, forcierter mit Wandfarben. Nach der Bemalung der schmalen RĂŒck-wand einer Treppe im Kasseler Fridericianum mit einem roten Rechteck folgt 1973 der Höhepunkt im Hamburger Kunstverein, aber da wandelte Palermo auch schon auf neuen Pfaden. Mit seinem Umzug 1973 nach New York, wo er sich mit Brice Marden befreundete, rĂŒckten die mit leuchtenden Farbbahnen ĂŒberzogenen kleinen Aluminiumtafeln ins Zentrum seiner Arbeit und die Formate wuchsen. Viel ist in den GesprĂ€chen von Palermos Beziehungen zu KĂŒnstlerkollegen und seinen BezĂŒgen zu deren Arbeiten die Rede. Es treten auf: Henri Matisse, Elsworth Kelly, Yves Klein, Gerhard Richter, dessen Frau Palermos Stoffbilder nĂ€hte, Robert Ryman, Mark Rothko, Claude Monets serielle Arbeiten, Barnett Newman, Josef Albers, Piet Mondrian und Kasimir Malewitsch. Palermo sei auch, so Susanne KĂŒper, von der Land Art beeinflusst, wie umgekehrt Kollegen von seiner Arbeit beeinflusst und inspiriert wurden. Dazu spricht u.a. der KĂŒnstler Liam Gillick (*1964), dessen eigene Herangehensweise, „Dinge in RĂ€umen ohne Sammlung zu hinterlassen“ durch die zunĂ€chst ĂŒbertĂŒnchten und dann 1999 wieder freigelegten Wandmalereien Palermos im Frankfurter Kunstverein angeregt wurden. Wie auf seinen KĂŒnstlerfreund Imi Knoebel trifft auf Palermo zu, dass er, wie Ilka und Andreas Ruby es nennen, „den Werkbegriff vom Bild zum Raum“ weitete.

Blinky Palermo in Köln

Wie wenig die kunstinteressierte Öffentlichkeit auf das Werk Palermos vorbereitet war, zeigt im Kölner Katalog ein abgedruckter Kommentar, der in der SĂŒddeutschen Zeitung zu Palermos erster Ausstellung 1966 in der Galerie Heiner Friedrich erschien: “ Palermos Arbeiten sind trĂŒbe und schludrig. Aber das ist der Tod fĂŒr jede verbindliche formale Aussage solcher Art. Palermos gewolltes Weiß ist nicht weiß, sondern nur noch grau.“ Vor dieser Kunst, so liest sich der Artikel 42 Jahre spĂ€ter, graute es dem Kritiker. Der Galerist Heiner Friedrich lies trotz dieser harschen Kritik nicht in seinem Engagement fĂŒr Palermo nach und prĂ€sentierte bereits ein Jahr spĂ€ter Palermo im „studio dumont“, wohlwollend vom Kölner Stadt-Anzeiger kommentiert. Zu einem Lobgesang stimmte 1973 dann auch Laszlo Glozer in der SĂŒddeutschen Zeitung, ebenfalls wieder eine Palermo-Ausstellung bei Friedrich kommentierend, an und nennt den KĂŒnstler einen „Virtuosen der SensibilitĂ€t“. Zusammen mit zahlreichen weiteren Kommentaren von Kunst- und Ausstellungskritikern, enthĂ€lt der zweite Teil des Ausstellungskatalogs eine vorzĂŒgliche Dokumentation zur zeitgenössischen Rezeption des Werkes, angereichert um Abbildungen von Ausstellungsplakaten, Einladungskarten, Skizzen von Palermo zum Ausstellungsaufbau und Fotografien. Eine der schönsten davon zeigt den KĂŒnstler in der legendĂ€ren Szenekneipe „Creamcheese“, das von KĂŒnstlern wie GĂŒnther Uecker und Ferdinand Kriwet gegrĂŒndet und dessen Innenausstattung auch von KĂŒnstlern entworfen wurde.

Das ist alles sehr schön anzusehen, herausragend aber ist der Textbeitrag von Hubertus Butin, betitelt mit „Anmerkungen zur Kunst und Karriere Blinky Palermos“, der alle Werkgruppen, außer den Stoffbildern, behandelt. Kritisch sichtet Butin zunĂ€chst BeitrĂ€ge von Kollegen, die der Mythologisierung des KĂŒnstlers gelten und listet sechs Elemente auf: neben der Herkunft sind da noch das gewĂ€hlte Pseudonym, der exzentrische Lebensstil Palermos, dessen frĂŒher Tod auf einer exotischen Insel, die MĂ€r vom „frĂŒh vollendeten Genie“ und der Topos des an der Gesellschaft leidenden KĂŒnstler. Sehr informativ gestaltet sich der zweite Teil zu Palermos Karriere, die 1965 begann, als der Galerist Heiner Friedrich auf dessen Werke bei einem Rundgang durch die DĂŒsseldorfer Akademie aufmerksam wurde und ihn fortan vertrat und ihm spĂ€ter ein monatliches Fixum aussetzte. Gleichwohl Friedrich, wie auch der Bonner Galerist Erhard Klein an Palermos Werken auch verdienten, insgesamt wirken deren AusfĂŒhrungen, man sei damals auch idealistisch gewesen, auf Butin glaubwĂŒrdig. In erster Linie sei es den Galeristen darum gegangen, Palermo, aber auch andere KĂŒnstler, bekannter zu machen. Interessant ist auch ein weiterer Aspekt, er betrifft die HĂ€ngung der Bilder in der ersten Ausstellung bei Friedrich. Palermo, so Butin, negierte bereits damals die gewohnte PrĂ€sentation und beschrĂ€nkte den Bildraum nicht auf die Leinwand, die Bilder hingen nicht nur bis fast unter die Decke, sondern waren zudem noch ungerahmt, so dass sich der Besucher in einem „ihn allseitig umgebenden WirkungsgefĂŒge“ befand, die Ausstellung bekam damit einen „Environment-Charakter“, den der Rezensent in der SĂŒddeutschen allerdings negativ verbuchte. Butin beschreibt detailliert den Werdegang von Palermo und dessen sehr enge Beziehung zu Friedrich, die fast schon privaten Charakter hatte und der zwischen 1966 und 1977 in seinen Galerien in Köln, MĂŒnchen und New York dessen Arbeiten in 13 Ausstellungen zeigte. Im dritten Teil seiner Abhandlung nimmt Butin Argumente auf, die in den GesprĂ€chen des DĂŒsseldorfer Katalogs angesprochen wurden und korrigiert sie ergĂ€nzend. So ist er der Auffassung, dass in den Werken Palermos die BezĂŒg zu außerbildlichen Wirklichkeiten bislang ĂŒ-berbewertet wurden, dagegen die Rezeption von Piet Mondrian, Kasimir Malewitsch und Jo-sef Albers aber zu wenig herausgestellt worden sei.

Das blaue Dreieck und noch mehr

Susanne KĂŒper hob die Bedeutung einer Arbeit, das ĂŒber der TĂŒr in der Galerie Erhard Klein in Bonn angebrachte, Dreieck in Blau, hervor, das „zu einer Art Markenzeichen von Palermo geworden“ sei. Wie auch immer, Palermos frĂŒhe Orientierung an Bildelemente des Konstruktivismus und der amerikanischen Farbfeldmalerei, blieben fĂŒr sein ganzes Werk bestimmend und sein schmales ƒuvre ist auch ohne Dreieck unverwechselbar. Dazu zĂ€hlen auch fast 30 Wandarbeiten, die an unterschiedlichen Orten zwischen 1968 und 1973 entstanden und die fast alle nach Ausstellungsende wieder ĂŒbertĂŒncht wurden. Darunter befindet sich auch eine Wandmalerei zum Edinburgh International Festival von 1970 im Edinburgh College of Art (ECA), zu deren Restaurierung 2004 das ‚Palermo-Restore‘-Projekt gestartet wurde, das viele Fragen, u.a. nach dem Umgang mit temporĂ€ren Installationen, aufwarf und allgemein der wenig sensible Umgang des ECAs mit dieser Arbeit beklagt wurde. Liam Gillick dagegen sieht in diesen temporĂ€ren Werken eine „zeitweilig ausgelöschte Abfolge von ‚Geschenken‘. Als solches mag auch Palermos Freund, der Maler GĂŒnther Förg (*1952), dessen Werke gesehen haben. Wie stark Förg von Palermo inspiriert wurde, wird in den Texten des DĂŒsseldorfer Katalogs zu wenig deutlich, dafĂŒr in einem von Thomas Groetz herausgegebenen Band „Bilder / Paintings 1973-1990“. Im Sinne Palermos habe Förg, so Siegfried Gohr, in den Akademiejahren in MĂŒnchen, die Wandmalerei fortgesetzt. Der Austausch beschrĂ€nkt sich darauf aber nicht, sieht man auf Förgs abstrakt-geometrisches Formen- und Farbvokabular, sondern er verwendet, wie Palermo, TrĂ€germaterialien wie Metallplatten und Stoff, die als Wirkfaktoren der Arbeiten angesehen werden. Greifbar wird die NĂ€he Förgs zu Palermo auch durch eine, in der Mitte des Buches abgedruckte 32-teilige Bleibildserie, ein „Alphabet“ aus unter-schiedlichen FlĂ€chen-Farbeinteilungen, die an Palermos Serie „To the People of New York“ von 1976 erinnert. Förg wiederum erwĂ€hnt im GesprĂ€ch mit Thomas Groetz diese Serie, die er „auch nach 28 Jahren spannend“ findet. Dass auch die anderen Werke von Palermo spannend sind, davon zeugen die sich gut ergĂ€nzenden Kataloge und ebenso interessant ist es, Palermos Arbeiten im Vergleich mit dem Werk seiner Freunde, GĂŒnther Förg und Imi Knoebel, zu betrachten, letzterer stellte 2007 im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen aus. Dreißig Jahre zuvor ehrte Knoebel Palermo mit einer Ausstellung in der Galerie Heiner Friedrich und widmete ihm das Werk „24 Farben – fĂŒr Blinky“.
30.6.2008

Susanne KĂŒper / Ulrike Groos / Vanessa Joan MĂŒller (Hrsg.) (2007) palermo. Katalog der Ausstellung in der Kunsthalle DĂŒsseldorf und dem Kunstverein fĂŒr Rheinlande und Westfalen DĂŒsseldorf 2007, 2008. Übersetzungen von Barbara Hess, kart., 212 S., 32 s/w und 102 fb. Abb., Dumont, Köln 2008. ISBN deutsche Ausgabe: 978-3-8321-9014-9, ISBN englische Ausgabe: 978-3-8321-9015-6. EUR 39,90

Groetz, Thomas. GĂŒnther Förg. Bilder / Paintings 1973-1990. Geb., 84 S., 110 Farbabbildungen. Text in Deutsch und Englisch. Holzwarth Publications, Berlin 2004. ISBN: 3-935567-17-0. EUR 35,00

Sigrid Gaisreiter
Zentralarchiv des Internationalen Kunsthandels ZADIK (2008) Sediment - Mitteilungen zur Geschichte des Kunsthandels Heft 15: Blinky Palermo. Katalog zur Ausstellung auf der Art Cologne 2008 und im ZADIK 2008. Kart, 95 S., zahlr. Abb., NĂŒrnberg, Verlag fĂŒr Moderne Kunst. ISSN: 1438-9495 EUR 15,00
ISBN 978-3-939738-90-9
 
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