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Bildlexikon der Kunst - Themen und Personen der Literatur

Die intermedialen Beziehungen von Malerei und Dichtung sind vielf√§ltig. Einer m√∂glichen Form, der k√ľnstlerischen Darstellung literarischer Themen und Personen, sind die Autoren Francesca Pellegrino und Federico Poletti in einem neuen Buch nachgegangen. Chronologisch strukturiert betrachten sie illustrierende Kunst vom Mittelalter bis zum fr√ľhen 19. Jahrhundert in drei Kapiteln unter den Titeln "Werke, Autoren, Themen". Das erste Kapitel gilt illustrierten Werken der Weltliteratur, das zweite zeigt Dichterportr√§ts und das dritte untersucht die Wechselbeziehungen von Kunst- und Textwerken hinsichtlich von Inspiration und Rezeption. Geographisch an Europa orientiert, liegt der Schwerpunkt auf italienischer Literatur. Ein Drittel kommt von dort, 8 aus Frankreich, 6 aus England, jeweils 2 aus Deutschland, Schottland und Spanien. D√§nemark und die Niederlande sind mit jeweils einem Werk vertreten. Auch in der Abteilung "Autoren" dominiert Italien. Angesichts des begrenzten Platzes ist es auch ein wenig fragw√ľrdig nicht genuin literarische Autoren wie Niccol√≤ Machiavelli oder Galileo Galilei aufzunehmen. Zeitlich reicht der Schwerpunkt vom 16. bis zum 18. Jahrhundert.

Die Einleitung ist entschieden zu knapp ausgefallen. Skizziert wird Vorhaben und Organisation des Stoffes, eine systematische Einf√ľhrung zum Thema Bebilderung von Literatur wird jedoch nur teilweise erreicht. Behandelt werden zun√§chst zwei grundlegend unterschiedliche Modi der Visualisierung literarischer Werke. Im ersten Fall bleibt der bildende K√ľnstler an die Szenerie des Dichters gebunden, ist also reiner Illustrator. Sp√§rlich f√§llt die Besprechung der zweiten Variante aus, hier emanzipiert sich der K√ľnstler von der literarischen Vorgabe und damit kommen weitere Zugangsweisen ins Spiel. So kann der Bildwerker lediglich Randph√§nomene aufgreifen oder stellt selbst weitergehende Textinterpretationen an, unter Umst√§nden "gl√§ttet" er auch den Stoff. Einen Fall sprechen die Autoren jedoch nicht an, bei dem, trotz starker Bindung an die literarische Vorgabe, eigenm√§chtige Bildwerke entstehen. Daf√ľr steht Ernst Ludwig Kirchners Arbeit zu Adalbert von Chamissos "Schlemihl". Der Faktor Zeit wird von den Autoren ebenfalls zu oberfl√§chlich behandelt. Angesprochen wird nur jener Fall, bei dem ein innovativer literarischer Text seiner Zeit voraus ist und so bei zeitgen√∂ssischen K√ľnstlern auf so viel Unverst√§ndnis st√∂√üt und deshalb nicht gleich visualisiert wird. Unverst√§ndlichkeit des Textes kann noch zu einem weiteren Fall f√ľhren. So wurde Henri Matisse gebeten das auch noch heute schwer verst√§ndliche Werk von James Joyce "Ulysses" zu illustrieren. Matisse lehnte dessen Lekt√ľre ab und sagte, er bez√∂ge sich in seinen Bildern auf Homers "Odyssee". Da die Autoren im dritten Kapitel sich der wechselseitigen Rezeption und Inspiration von Text und Kunst widmen, w√§ren hier unbedingt weitergehende √úberlegungen n√∂tig. So ist es nicht unwichtig, ob der K√ľnstler als Erstbearbeiter eines literarischen Stoffes t√§tig ist oder bereits Arbeiten von Kollegen rezipiert hat. Auch weitere M√∂glichkeiten er√∂rtert das Autorengespann nicht. Der Autor des "Narrenschiffes", das Beispiel findet sich auch im Buch, Sebastian Brant arbeitete bereits w√§hrend der Niederschrift mit Albrecht D√ľrer zusammen, der dazu kongeniale Illustrationen lieferte, was die Autoren aber unerw√§hnt lassen. Ebenso fehlt, an diesem Beispiel w√§re eine Erl√§uterung m√∂glich gewesen, dass es f√ľr die bildliche Darstellung von grundlegender Bedeutung ist, ob, wie bei Brant/D√ľrer, ein Werk als Buch geplant ist oder ob die Visualisierung auf einem anderen Bildtr√§ger erscheint, da im ersten Fall der Visualisierung durch buchimmanente Gesetzm√§√üigkeiten starke Grenzen gesetzt sind. Letzter Fall: bei D√ľrers Illustrationszyklus f√§llt auf, dass dieser in seinen Darstellungen, sieht man auf den Gesamttext, recht schwankend vorging. In einigen F√§llen gestaltete D√ľrer sehr frei oder blieb nah am Text, er bezieht sich gelegentlich auf den Titel eines Kapitels, auf die Motti oder nur auf den Sinn eines Teilst√ľcks des Kapitels.

Auch auf der Mikroebene, der Darstellung der Bildelemente in den Kunstwerken, geht es beim Autorenduo eher knapp zu. Richtig ist, einige K√ľnstler zeigen "Respekt vor der Gr√∂√üe des Textes". Das f√ľhre, so die Autoren, h√§ufig zu allegorischen Aufladungen der Bilder, w√§hrend andere K√ľnstler sich an einer m√∂glichst vereinfachten Darstellung der Texthandlung, um sie einem breiteren Publikum verst√§ndlich zu machen, orientierten. Die Autoren operieren hier mit Ausschlie√ülichkeiten, es w√§re immerhin m√∂glich, dass auch K√ľnstler, die vereinfachend vorgehen, Respekt vor dem Text zeigen. Das zweite Argument der Autoren bezieht sich auf den Modus der Pr√§sentation. So werden H√∂hepunkte literarischer Handlungen ebenso festgehalten wie nicht-narrative Darstellungen, m√∂glich auch die Betonung von Aspekten, die sich f√ľr eine "suggestive Komposition besonders eignen", die aber mit literarischen Mitteln nur schwer darstellbar sind.

Innovativ dagegen ist die Pr√§sentationsform von Text und Bild in diesem Buch. Einer Textseite steht eine reine Abbildungsseite gegen√ľber, beides wird engmaschig verwoben. Die Textseite enth√§lt am oberen Rand einen Absatz, bei dem in wenigen Worten die bedeutenden Merkmale des behandelten Themas zusammengefa√üt werden. In der darauffolgenden langen Passage wird die kultur- und kunstgeschichtliche Bedeutung des literarischen Werkes und des Autors pr√§zise und knapp, gelegentlich zu knapp erfa√üt. Dies Manko zeigt sich etwa beim Text zu Jean de La Fontaines "Fabeln". Fontaines Leistung, das h√§tte unbedingt herausgestellt werden m√ľssen, lag ja darin, dass er die Fabel "literarisierte". Prim√§r waren bei den Fabeln vor La Fontaine die moralische Belehrung, das √Ąsthetische nur Mittel zu diesem Zweck. Dieses Verh√§ltnis kehrt La Fontaine um und befreite die Fabel aus dem √ľberkommenen Status einer v√∂llig kunstlosen Prosa und √ľberf√ľhrte sie aus dem Bereich der Rhetorik in die Literatur und brachte sie, noch ein Novum, in die Versform. Auch bei La Fontaine liegt jener Fall vor, dass die Fabeln, als Buchprojekt geplant, gro√üe Aufmerksamkeit auf sich zogen, weil der bekannte Kupferstecher Fran√ßois Chauveau die bildliche Ausgestaltung √ľbernahm.
L√§ngs des Rands erf√§hrt man Wissenswertes zur Verbreitung und Literaturgattung, zu Autor und zum Titel des Werkes. Eine kleinformatige Abbildung auf dieser Seite illustriert das Thema durch ein einschl√§giges Beispiel aus der Kunstgeschichte. Auch hier geht es sehr italienisch zu. So d√ľrfte f√ľr das "Narrenschiff" zumindest im deutschsprachigen Raum D√ľrer als "einschl√§gig" gelten, gezeigt wird stattdessen Massimo d'Azeglios Bearbeitung des Stoffes. Auf der Bildseite wird ein weiteres Gem√§lde zum jeweiligen Thema abgedruckt, im Falle des "Narrenschiffes" w√§hlten die Autoren gl√ľcklicherweise die Bearbeitung von Hieronymus Bosch. Die Seite enth√§lt erl√§uternde Kurztexte, die um das Bild herum gruppiert wurden. Beschlossen wird die Seite mit einer Bildunterschrift, die Angaben zum K√ľnstler und zum Werk (Titel, Entstehungszeit, Technik und Standort) macht.

Dieser Band geh√∂rt zu einer Reihe, die verschiedenen Themen in der Kunst behandeln. Aufgebaut nach dem gleichen Schema, entstanden B√§nde z.B. zu Techniken und Materialien, zur Esskultur oder der K√∂rpersprache in der Kunst. Sie alle sind als Einf√ľhrungen gedacht, im besprochenen Fall sollen sie "einen neuen Zugang zu literarischen Texten er√∂ffnen." Die Idee ist gut, auch kann man einige Entdeckungen in Literatur und Kunst machen, die Einf√ľhrungstexte allerdings kann der deutsche Verlag kaum √§ndern, denn es handelt sich um eine √úbernahme einer Reihe, die zuvor beim Verlag Electa in Mailand erschien. Zu w√ľnschen ist, dass die √ľbrigen B√§nde etwas systematischer einf√ľhren. Auch erg√§nzungsf√§hig, es fehlen weiterf√ľhrende bibliographische Angaben. So liegen inzwischen eine Reihe von B√ľchern vor, die sich mit Buchillustrationen besch√§ftigen, ja, in einigen F√§llen entstanden, wie zu den Illustrationen der Werke von Shakespeare, Arbeiten, die sich mit Illustrationen zu Werken einzelner Dichter besch√§ftigen. Auch sehr bedauerlich, zwar wurden Illustrationen von Heinrich F√ľssli aufgenommen, dass ein gr√∂√üerer Teil seines Oeuvres sich mit Visualisierungen der Weltliteratur besch√§ftigt, bleibt ebenso unerw√§hnt wie einige der ganz Gro√üen in diesem Bereich. Zu denken w√§re dabei z.B. an Gustave Dor√©. Sehr sch√∂n dagegen das Eingangsbild. Es stammt von Francesco Furini "Die Dichtung umarmt die Malerei."
8.8.2007




Sigrid Gaisreiter
Bildlexikon der Kunst. Band 14: Pellegrino, Francesca /Poletti, Federico: Themen und Personen der Literatur. √úbers. v. Gutberlet, Caroline. 384 S., durchg. fb. Abb. 20 x 14 cm. Parthas, Berlin, 2006. Pb, EUR 24,80
ISBN 978-3-936324-87-7
 
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