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Abstract art now : Floating forms

Welche Positionen werden in der abstrakten Kunst der Gegenwart vertreten, fragte sich das Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen und setzte, ausgespart bleibt die reine gestische Malerei, zu einer zweiteiligen Ausstellung an. Der erste Teil (23.5.-16.7.2006), unter dem sprechenden Titel "floating forms" befaßt sich, in der Nachfolge von Jean Arp, Constantin Brancusi oder Henri Matisse mit fließenden organischen Ausdrucksformen, bei denen oftmals ein impulsiver gestischer Duktus erkennbar wird. Im zweiten Teil, betitelt mit "strictly geometrical?", er wird vom 30.7.-24.9.2006 gezeigt, werden aktuelle Positionen der geometrisch-konstruktivistischen Abstraktion gezeigt. Die Sache der Abstraktion ist im Wilhelm-Hack-Museum gut aufgehoben, liegt doch dessen Themenschwerpunkt auf der abstrakten Kunst der Gegenwart.

Aktuelle Tendenzen zu zeigen birgt immer ein Risiko, da ein abgesicherter Kanon noch nicht vorliegt und eine Auswahl immer angreifbar ist. Der Katalog "floating forms" beginnt mit ausf√ľhrlichen Erl√§uterungen zum Thema, um dann im zweiten Teil die Exponate vorzustellen.
Es kommt immer wieder vor, Ph√§nomene und Dinge existieren f√ľr die ein Begriff erst gefunden werden mu√ü. Solch einen Fall stellen die ausgestellten neuen Ausdrucksformen dar, die deshalb auch von den Beitr√§gern unterschiedlich bezeichnet werden, als unregelm√§√üige organisch/weich/geschwungenflie√üende, nat√ľrliche, vegetabile, organische, biomorphe oder am√∂benhafte Formen bezeichnet werden, etwa dem Nierentisch der 1950er √§hnlich. Im Verlauf der Textbeitr√§ge kristallisiert sich der Begriff "organische Abstraktion" heraus. Der Beitrag von Ulrike Lehmann bringt das Dilemma mit der Bezeichnung dann auf den Punkt. Allerdings kl√§rt auch ein weiterer Notbehelf, "unf√∂rmig, nichts, denn alles hat eine Form.

Mit dem Begriffsproblem verschr√§nkt, auch empirisch und theoretisch gibt es dabei Probleme. Das zeigte sich u.a. auch auf einem 2003 an der Universit√§t der K√ľnste in Berlin veranstalte-ten Symposion, an dem auch Isabel W√ľnsche teilnahm, die f√ľr einen Katalogbeitrag verantwortlich zeichnet. Dort sah man ein, da√ü der Ausdruck "organisch" h√§ufig in strategischer Absicht gebraucht wurde und es nicht so einfach ist "organisch" strikt von "mechanisch/rational/analytisch/k√ľnstlich" zu trennen. Das ist um so mehr gegenw√§rtig der Fall, als in den Naturwissenschaften gerade in j√ľngster Zeit die Biomathematik einen Aufschwung erlebt und in der Natur zahlreiche geometrische Formen wie Kegel oder Kugel vorgefunden werden. Das h√§tte in den Beitr√§gen klar herausgestellt werden sollen. √úberhaupt zeichnen sich die Beitr√§ge dadurch aus, da√ü sie sich nicht mit Philosophie und Natur- und Technikwissenschaften, wie Biologie, Mathematik und Bionik, besch√§ftigen, der Bezug aber offensicht-lich ist. Dies Manko wird an vielen Stellen deutlich. So auf S.33: "Organische Formen sind von Regeln und Gesetzm√§√üigkeiten befreit." Der Naturwissenschaftler Friedrich Cramer indes zeigte 1988 in "Chaos und Ordnung" da√ü die Stellung vieler Pflanzenelemente den Fibonacci-Spiralen folgen. Das ist auch bei den Kernen der Sonnenblume, bei Kiefernzapfen oder der Distelbl√ľte so, viele Blattstellungen wiederum sind als "Goldener Schnitt" organisiert.

Die Kuratorin der Ausstellung, Ulrike Lehmann, wollte viel. Das ist ihr, soweit es die Auswahl der Exponate betrifft, auch gelungen. Sie pr√§sentiert einen interessanten Querschnitt m√∂glicher Positionen der "organischen Abstraktion", die, bedingt durch die Erfindung neuer Materialien, wie Polyester und dem Einsatz neuer Medien mit ihren avancierten Bildprogrammen, heute anders aussieht als zu Zeiten der Klassischen Moderne. Der Beitrag von Isa-bel W√ľnsche zur "Organischen Abstraktion in der Kunst der klassischen Moderne" bietet in einigen Passagen Informatives, aber f√ľr den Kenner abstrakter Kunst der klassischen Moderne nichts Neues. Anstatt aber nun bei kunsthistorischen Leisten zu bleiben -so besch√§ftigt sich Ulrike Lehmann in ihrem Katalogbeitrag anfangs mit der Kunst von Jean Arp und den Nierentischen der 1950er Jahre- und vertiefende Informationen zur Entwicklung dieser Formensprache bei den vorgestellten Gegenwartsk√ľnstlern zu liefern, schlie√üt Ulrike Lehmann im Fortgang ihrer Argumentationen von diesen Tendenzen in der Gegenwartskunst auf kulturelle und gesellschaftliche Wandlungsprozesse. Zu diesen hat Lehmann aber nichts Substantielles beizutragen, meint sich aber, angespornt von den Beitr√§gen des Symposions 2003, im Lichte neuer Erkenntnisse der Gesellschaftstheorie oder Sozialphilosophie. L√ľcken machen sich auch auf einer anderen Ebene bemerkbar. Auch wie 2003, nicht gekl√§rt wurde, welchem philosophischen Konzept des Organischen die K√ľnstler folgen. Anstatt aber diesen wichtigen Punkt einer Kl√§rung n√§her zu bringen, wird flugs eine Dritte Moderne ausgerufen, die erste wird auf die Zeit der Klassischen Moderne und die zweite auf das Aufkommen des Neo-Geo Mitte der 1980er Jahre verlegt. Bar jeder konzisen Definition und Vorstellung schon von der Gesellschaft der Zweiten Moderne wird hier herumgewerkelt. Ob dieser Begriff auf die Kunst pa√üt, auch das wird nicht ausgef√ľhrt.

Die Zweite Moderne erfand bekanntlich der Soziologe Ulrich Beck zur Kennzeichnung einer Industriegesellschaft, die in neuer Qualit√§t mit externen Nebenfolgen zu k√§mpfen hat. Diese Nebenfolgen f√ľhren, so Beck, zu einer Aufl√∂sung aller bisher bestehenden Gewi√üheiten. Genau auf diese Aufl√∂sungserscheinungen kommt es Lehmann an. Sie scheint es genau zu wissen. Seit 1994 mit einer "Wiederentdeckung der Organischen Abstraktion und flie√üenden Formen", sei dies der Fall. Es kommt noch besser, denn mit dieser neuen Kultur gehe eine "Befreiung von s√§mtlichen Dogmen und Regeln" einher. Laut Lehmann befinden wir uns seitdem in einer "Kultur des √úbergangs" und einer "formbaren Weltsicht", die "weder feste verbindliche Werte noch endg√ľltige L√∂sungen bieten kann." Das einzige was an ihrem Beitrag zu dieser neuen Kultur noch nachvollziehbar erscheint, erstreckt sich auf den Bereich Kunst. Man kann es so sehen, da√ü sich in der Kunst der Postmoderne die unterschiedlichen Elemente so verbinden, da√ü sie als einzelne erkennbar bleiben, w√§hrend die neue Kunst auf Verschmelzung der Teile angelegt ist, die einzelnen Elemente also nicht mehr unterscheidbar sind, zwingend ist diese Interpretation jedoch nicht. Sei es drum, dies aber mit der Aufl√∂sung "verbindlicher Werte" zu verbinden, f√ľhrt in die Irre wie die gebrauchte Metapher vom "alles flie√üt" ungenau ist, denn seit dem 19. Jahrhundert, das hat u.a. die Kultursoziologin Elisabeth Heidenreich gezeigt, entstehen "Fliessr√§ume" und das Flie√üband ist eine Erfindung der Ersten Moderne. Ad 2) Selbstredend existieren nach wie vor "verbindliche Werte" und diese sind, wie die Freiheit der Kunst, konstitutiv f√ľr die Existenz von Gesellschaften. Ad 3) Auch die Rede davon, es werden keine "endg√ľltigen L√∂sungen" mehr angeboten ist eine Platit√ľde aus dem Arsenal postmoderner Sozialtheorien, deren theoretische, empirische und erkenntnistheoretische D√ľrftigkeit l√§ngst bekannt ist. So hat Gesellschafts- und Kultur- und Technikentwicklung nur stattgefunden, weil L√∂sungen vorl√§ufig waren und wieder verworfen, von Neuem √ľberboten wurden. Der √Ėkonom Joseph Alois Schumpeter (1883-1950) nannte diesen Prozess "sch√∂pferische Zerst√∂rung". Ad 4) Nimmt man die gegenst√§ndliche Kunst hinzu, so wird man schwerlich eine neue Moderne ausrufen k√∂nnen, erfreuen sich diese Formen doch seit langem gro√üer Beliebtheit.

In vielen dieser Passagen waltet ein postmodernes Geraune, das nirgendwo hinf√ľhrt und dies h√§tte von der Lektorin Tanja Kemmer ebenso erkannt werden m√ľssen, wie die zahlreichen sprachlichen Holperer. So wird vom "Stigma >abstrakt<" geredet. Das war auf der Documenta der Jahre 1955 und 1959 so, als vehement um die Abstraktion gestritten wurde, aber heute doch nicht. Im Text zu Bildern von Markus Weggemann findet sich der bemerkenswerte Ausdruck "amorphe Motive, die sein malender K√∂rper hervorbringt", zu Marianne Rinderknechts Werken hei√üt es, anstatt "gleichzeitig" "zeitgleich organisch und abstrakt". Bei Thomas Vus Arbeiten "lohnt sich eine aufmerksame Beobachtung nicht nur, sie fordert sie geradezu ein" und seine Farbskala sei "glaubw√ľrdig". Man k√∂nnte fortfahren, so "flackern hier und da Protagonisten der Kunstgeschichte auf". Das sind noch kleine √úbel, betrachtet man die Widerspr√ľche. Angeblich soll es in der Dritten Moderne, sieht man es produktions√§sthetisch, keine Grenzen mehr geben, rezeptions√§sthetisch gesehen aber schon. Einige Arbeiten von Anton Henning, so erf√§hrt man, seien an der "Grenze des guten Geschmacks". Aber vor allem, man staunt nicht schlecht, wo doch alle Werte angeblich aufgel√∂st sind, dem K√ľnstler sind einige Malerkollegen sogar "heilig". Der Beitrag von Lehmann ist deshalb ein gutes Beispiel, weil er die erkenntnistheoretisch d√ľnnen Tricks postmoderner Erkenntnis deutlich werden l√§√üt. Die √úbernahme eines Zitats aus dem Band, der die Ergebnisse des Berliner Symposions dokumentiert, bringt ihre Argumentation auf eine erkenntnistheoretisch absch√ľssige Bahn, denn auch die Absage an verbindliche Werte stellt einen Wert dar.
Wirklich Informatives findet sich auf den Seiten 32-36 auf denen die Ans√§tze der einzelnen K√ľnstler im √úberblick vorgestellt werden.

Die Ausstellung bringt, das ist ihr gro√ües Verdienst, zusammen, was sonst getrennt in einzelnen Ateliers geschieht. Vom Wilhelm-Hack-Museum aber darf man, nach so fulminanten Ausstellungen wie 1987 von der "Mathematik in der Kunst", bessere Katalogbeitr√§ge erwarten. Vielleicht gelingt es mit "strictly geometrical?" enger am Thema zu bleiben. Dessen Fragezeichen ist vorerst f√ľr "floating forms?" reserviert. Im Flu√ü scheint die Begriffsbildung zu sein und vieles, allzu vieles flie√üt ineinander und pl√§tschert im Kultur- und Gesellschaftsphilosophischen vor sich hin. Wenn das die Vorboten der Dritten Moderne sein sollen, dann ist eine R√ľckkehr zur Ersten Moderne das Gebot der Stunde f√ľr einige Beitr√§gler.
19.4.2007



Sigrid Gaisreiter
Abstract art now. Floating forms. Vorw. v. Gassen, Richard W. Beitr. v. Lehmann, Ulrike /W√ľnsche, Isabel. Hrsg. v.Wilhelm HackMuseum, Ludwigshafen. 128 S., 65 fb. Abb. 25,5 x 20,5 cm. Kerber, Bielefeld 2006. Gb EUR 35,00
ISBN 3-938025-76-X
 
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