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Geschichte der Landschaftsmalerei

Vergils phantasieanregende Naturbeschreibungen in "Georgica", hatten eine enorme Wirkung auf die nachfolgende Kunst, mehr als die wenigen Beispiele antiker Landschaftsmalerei, so Nils B├╝ttner in seiner jetzt vorgelegten Geschichte der Landschaftsmalerei. Die Gattung ist relativ gut erforscht, an Darstellungen mangelt es nicht, aber Konsens in der Kunsthistorik zur Datierung der Genese und welche Objekte zu dieser Gattung geh├Âren, besteht nicht. Die Einleitung von B├╝ttner ist in dieser Hinsicht zu knapp angelegt. So verwirft er die Periodisierung, die unl├Ąngst die Staatsgalerie Stuttgart ├╝bernahm, als sie den Niederl├Ąndern des 16. und 17. Jahrhunderts, so auch der Titel der Ausstellung, "Die Entdeckung der Landschaft", zuschrieb und l├Ą├čt die Landschaftsmalerei in der Antike beginnen. Das sieht Eckhard Lobsien in den "├ästhetischen Grundbegriffen" anders, da er auf eine Dimension des Begriffs verweist, den B├╝ttner nicht anspricht. "Landschaft", so Lobsien, "ist nicht angeschauter Naturausschnitt schlechthin", einzelne Motive seien bereits in der Antike Gegenstand der Malerei gewesen, sondern Kriterium ist die Integration der einzelnen Objekte zu einem "├╝bergreifenden Ganzen eigenen Rechts" als anschaulicher Gesamteindruck, also auch die subjektive Seite geh├Ârt dazu und er umfa├čt neben unber├╝hrter Natur auch die geschaffene Zivilisation. Den ausgew├Ąhlten Beispielen B├╝ttners aus der Antike mag man die von Lobsien angesprochene Qualit├Ąt nicht absprechen, trotzdem bleiben viele Fragen offen. Selbstredend, B├╝ttner wei├č das alles, spricht in der Einleitung auch kunsthistorische Probleme an und nimmt eine Eingrenzung vor. Wichtig dabei, Landschaftsbilder entstanden in verschiedenen Zusammenh├Ąngen und erf├╝llten unterschiedliche Funktionen. Neben dem Gleichnis und spirituellen Verweisen auf ihnen, dienten sie geographischen Interessen, neben die Belehrung traten auch Herrschafts- oder Wirtschaftsinteressen, im sch├Ânen Kunstst├╝ck durchdrangen diese Funktionen sich wechelseitig.

Um die Darstellung nicht zu ├╝berfrachten entschied B├╝ttner sich, Seest├╝cke, Stadtveduten, Gartendarstellungen nur am Rand aufzunehmen und er w├Ąhlte in der Abfolge von L├Ąndern und Jahrhunderten ein bew├Ąhrtes Verfahren. Aus dem Argumentationsflu├č herausgehoben werden einzelne Maler und deren Werke, an denen sich Charakteristisches und Herausragendes zeigen l├Ą├čt, darunter, das macht die Ausf├╝hrungen anregend, ber├╝hmte und weniger bekannte K├╝nstler und Werke.

Auch wenn in der Theorie B├╝ttners Abhandlung nicht voll ├╝berzeugt, empirisch ist ihm ein gro├čer Wurf gelungen. Ganz leichtf├╝├čig, kenntnisreich durcheilt der Autor Jahrhunderte und L├Ąnder, macht Station bei verschiedenen Bildgenres, so bei den allein aus der Farbe heraus gestalteten Landschaften, bei auf Genauigkeit der Topographie bedachten, Stimmungsbildern, Landschaften als Sinnbild f├╝r eine Pilgerreise durch die irdische Existenz, Jagdszenen etwa bei Lucas Cranach, typisierenden Ansichten, wie sie bei Bruegel in dessen Alpenschilderungen vorliegen, Adam Elsheimer bringt die Naturwissenschaft ins Bild, Poussin legt der Landschaft elegische Z├╝ge bei, Frans Post dokumentiert f├╝r die Kolonialmacht Holland, William Turner erweitert das Genre um die Unsch├Ąrfe, die Landschaft als Hintergrund f├╝r Portr├Ąts, Mono Lisa steht daf├╝r und so f├Ąhrt B├╝ttner fort und legt in der Mitte seiner Darstellung in Frankreich des 18. Jahrhunderts an. Ohne das der fl├╝ssig zu lesende Text allzu schematisch wirkt, liegt allen Kapiteln ein Schema zugrunde. Nach einer allgemeinen Einf├╝hrung zu Kunst und Kultur des jeweiligen Zeitabschnitts werden ausgew├Ąhlte K├╝nstler und Werke einer vertieften Vorstellung und Deutung unterzogen, beim jeweiligen Abbild daneben steht eine Legende und -kursiv gesetzt- weitere Anmerkungen zu Leben, Werk, Kompositionsprinzipien, k├╝nstlerischen Innovationen oder zu komparatistischen Fragen. Am Beispiel der franz├Âsischen Kunst, der im 17./18. Jahrhundert in Europa Vorbildfunktion zukam, erl├Ąutert B├╝ttner z.B. auch den philosophischen Kontext. Als Import wurden John Lockes Ideen rezipiert. Bekannterma├čen nahm er eine Aufwertung der Sinne und des Gef├╝hls vor und es entwickelte sich eine Gegenbewegung zum klassizistischen Ideal der Acad├ęmie Royale, ablesbar in Antoine Watteaus galanten Festen mit stark gelockerten h├Âfischen Konventionen, der Naturraum beherbergt, im Gegensatz zu den geometrisierenden h├Âfischen G├Ąrten, Ungeb├Ąndigtes. Auch das romantische Ideal, der Weg geht nach Innen, so gut wie die folgenden Epochen, bringt B├╝ttner b├╝ndig und konzise auf den Punkt.

Nach dem Zwischenstop bei Paul C├ęzanne und seinen herrlichen Ansichten des Mont Saint-Victoire, eilt B├╝ttner schnurstracks auf die Moderne zu. Auch wenn schon Bekanntes, Vincent van Goghs Kornfelder oder Henri Rousseaus Urwaldbilder gezeigt werden, wie frisch ausgepackt wirken Piet Mondrians Der graue Baum, futuristisch dynamisierte Landschaften und auch die Gegenwart ist mit Luc Tuymans, Gerhard Richter, David Hockney oder Anselm Kiefer vertreten, allerdings unter Verzicht auf die Darstellung der Tristesse von Industrielandschaften. Es soll hier nicht gem├Ąkelt werden, B├╝ttner bekannte sich zur Subjektivit├Ąt der Auswahl und die ist ihm gelungen, auch wenn man sich gew├╝nscht h├Ątte Rosilene Luduvicos Hinter den Bergen zu sehen, die von Frans Post inspiriert, jene Orte in Brasilien portr├Ątiert, die der Barockmaler 360 Jahre zuvor in seinen Bildern festgehalten hatte.

Mit Zeilen aus den Landschaftsbeschreibungen des Lyrikers Nico Bleutge l├Ą├čt sich B├╝ttners Unternehmen kurz zusammenfassen, er zeigt klare konturen, er brachte sie gefaltet vors auge. In stark rhythmisierten Zeilen f├Ąngt Bleutge visuelle Sinneseindr├╝cke ein und spricht h├Ąufig von Sichtachsen, Sichtausschnitten. B├╝ttner bot so einen Ausschnitt und die herrlichen Reproduktionen taten ein ├╝briges, dass das Ganze auch ein optischer Genuss ist.
16.12.2006

Helma Gerster
B├╝ttner, Nils: Geschichte der Landschaftsmalerei. 416 S., 238 fb. Taf., 18 fb. u. sw. Abb. 32 x 27cm. Gb iSch. Hirmer, M├╝nchen 2006. EUR 135,00
ISBN 3-7774-2925-2
 
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